Die Halle des Corona-Impfzentrums Messe Berlin (Archivbild aus dem Mai 2021). | dpa

Auch Spahn für Wiedereröffnung Kommen die Impfzentren zurück?

Stand: 01.11.2021 13:30 Uhr

Die meisten Impfzentren sind seit Wochen geschlossen - das will jetzt auch Gesundheitsminister Spahn ändern. Hintergrund ist die schwächelnde Impfkampagne. Vor allem bei den Booster-Impfungen drängt die Zeit.

Angesichts stark steigender Corona-Zahlen fordert der geschäftsführende Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) die Länder auf, ihre Impfzentren wieder hochzufahren. "Um möglichst vielen möglichst schnell eine Auffrischungsimpfung zu ermöglichen, sollten die Länder die Impfzentren, die sie seit Ende September in Standby bereithalten, nun wieder startbereit machen", sagte er der "Rheinischen Post".

Ähnlich hatte sich am Wochenende schon der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach geäußert.

Ärztepräsident Klaus Reinhardt schloss sich Spahns Forderung im gemeinsamen Morgenmagazin von ARD und ZDF an. Man habe in Israel gesehen, dass die Booster-Impfung für die meisten älteren Menschen wahrscheinlich erforderlich sei. In den Impfzentren könne sie "geregelt und geordnet nach Alterskohorten" vorgenommen werden, ähnlich wie zu Beginn der Impfkampagne: "Das ist ein Baustein, um die Pandemie weiter zu bekämpfen und zu überwinden."

Niedergelassene Ärztinnen und Ärzte zu langsam?

Der Grünen-Gesundheitsexperte Janosch Dahmen zeigte sich unzufrieden mit dem Verlauf der Corona-Impfungen in den Praxen der niedergelassenen Ärzte. "Nach der Schließung der meisten Impfzentren erfüllen die Praxen die in sie gesetzten Erwartungen erkennbar nicht, weder bei den Erst- noch bei den Booster-Impfungen", sagte Dahmen dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Wenn das Impftempo nicht ausreiche, "werden wir endlich auch an anderen Stellen, beispielsweise Apotheken, impfen müssen".

Auch Bremens Gesundheitssenatorin Claudia Bernhard sagte der Nachrichtenagentur epd, offensichtlich könnten niedergelassene Ärztinnen und Ärzte nicht so viele Impfungen vornehmen wie angekündigt und erwartet. Sie wolle kleinere in der Stadt verteilte Impfstellen weiter offen halten, sagte die Linken-Politikerin. "Nachdem die Auffrischungsimpfungen in den vergangenen zwei Monaten noch nicht richtig an Fahrt aufgenommen haben, müssen wir gemeinsam nochmal darüber sprechen, wie diese umgesetzt werden können." Die Impfung durch die Impfstellen sei vermutlich teurer, "wir schaffen es aber auch sie tatsächlich anzubieten und zu verabreichen". Auch mobile Impfteams seien in Bremen erfolgreich unterwegs.

Berlins Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci bezeichnete Impfungen hingegen als "Kerngeschäft" der Hausärztinnen und -ärzte. "Ein Vorschlag wäre, dass die Ärzte wirklich systematisch ihre Patienten ansprechen und anrufen und sagen: Kommt her, ihr könnt bei uns in der Praxis eure Auffrischungsimpfung oder Impfung bekommen", sagte die SPD-Politikerin den Sendern RTL und ntv. Die Hausärzte müssten in die Pflicht genommen werden.

Der Sprecher der niedersächsischen Ärztekammer, Thomas Spieker, lehnte eine Wiedereröffnung vehement ab. Die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte hätten "in hervorragender Weise" bewiesen, dass sie die Booster-Impfungen bewältigen könnten, sagte er der Nachrichtenagentur epd: "Es gibt keinen Grund zum Aktionismus." Um die Impfzentren wieder zu öffnen, sei ein längerer und kostspieliger Vorlauf nötig, erläuterte Spieker. Außerdem koste eine Spritze dort das Zehnfache dessen, was in einer Arztpraxis abgerechnet werde.

Schriftliche Einladung an alle über 60?

Zudem riet Spahn dazu, in einem ersten Schritt alle Menschen über 60 schriftlich zur Auffrischungsimpfung einzuladen. Sein Ministerium hatte zudem noch einmal darauf hingewiesen, dass grundsätzlich alle Bürger einen Anspruch auf eine Auffrischungsimpfung haben.

Die Ständige Impfkommission empfiehlt die Auffrischung unter anderem für Menschen ab 70, Bewohner und Betreute in Pflegeeinrichtungen für alte Menschen, Pflegepersonal mit einem direkten Kontakt zu alten Menschen und Menschen mit einem geschwächten Immunsystem.

Länder uneins in Sachen Bund-Länder-Gipfel

Am Wochenende hatte Spahn in der "Bild am Sonntag" einen Bund-Länder-Gipfel zum Thema Auffrischungsimpfungen gefordert.

Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) zeigte sich im ZDF skeptisch, ob ein Bund-Länder-Gipfel zum Thema Booster-Impfung sinnvoll ist. "Wir sind dabei, die Booster-Impfungen durchzusetzen. Wir haben die Ältesten schon wieder eingeladen", sagte Müller. Die Frage sei, was Spahn konkret besprechen wolle. Er erwarte, dass der Minister sage, welchen Plan er für die schwierigen nächsten Monate habe.

Hingegen sagte Mecklenburg-Vorpommerns Regierungschefin Manuela Schwesig (SPD) im Bericht aus Berlin: "Corona ist eine gemeinsame nationale Aufgabe, und die haben wir immer parteiübergreifend gelöst." Auch CSU-Chef Markus Söder und SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach hatten am Wochenende einen Gipfel von Bund und Ländern zu Corona gefordert.

Die stellvertretende Regierungssprecherin Ulrike Demmer sagte zu Spahns Vorstoß, Bund und Länder seien ohnehin im Austausch, auch die geschäftsführende Bundesregierung sei zudem offen für Gespräche, doch könne sie keinen Termin für ein solches Treffen nennen.

Ärztepräsident fordert mehr Kontrollen und Tests

Ärztepräsident Reinhardt plädiert im Morgenmagazin dafür, bei einem weiteren Anschwellen der vierten Welle mehr Bereiche des öffentlichen Lebens wie die Gastronomie und Museen mit einer 2G-Regel zu versehen. Für den Arbeitsplatz könne er sich eine 3G-Regelung wie in Italien und Österreich vorstellen. "In jedem Fall müssen wir einen Weg finden, der mit etwas mehr Kontrolle verbunden ist."

Auch sprach er sich dafür aus, in Altenheimen "sehr intensiv" weiter zu testen. Eine Impfpflicht für Pflegekräfte lehnte er aber ab: "Jeder Mensch sollte diese Entscheidung selbst fällen können." Allerdings sei es "nur angemessen und auch gerecht", wenn Ungeimpfte die Konsequenzen für ihre Entscheidung tragen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 01. November 2021 um 07:00 Uhr in den Nachrichten..