Ein 15-Jähriger wird von seinem Hausarzt geimpft | dpa

Impfungen für Jugendliche STIKO will trotz Druck abwarten

Stand: 02.08.2021 10:50 Uhr

Heute beraten Bund und Länder über Impfungen für alle Jugendliche. Die STIKO aber bleibt dabei: keine generelle Empfehlung für Minderjährige. SPD-Gesundheitsexperte Lauterbach sieht das Gremium in einer "Außenseiterposition".

Die Ständige Impfkommission (STIKO) hält in der Diskussion über Corona-Impfungen für Kinder und Jugendliche an ihrer abwartenden Haltung fest. Derzeit gebe es noch zu wenige Daten zu möglichen gesundheitlichen Folgeschäden für 12- bis 17-Jährige, sagte ihr Chef Thomas Mertens dem NDR. Man könne ohne "die notwendige Datensicherheit" keine generelle Empfehlung aussprechen.

Mertens räumte ein, dass er und seine Kollegen den öffentlichen Druck spüren, möglichst schnell zu einer Entscheidung zu kommen. Dies habe aber keinen Einfluss. "Es kann durchaus sein, dass wir unsere Empfehlung ändern werden, aber sicher nicht, weil Politiker sich geäußert haben."

EMA gab schon im Mai grünes Licht

Die Europäische Arzneimittelbehörde EMA hatte im Mai den Covid-19-Impfstoff von BioNTech/Pfizer für Kinder und Jugendliche ab zwölf Jahren zugelassen, vor wenigen Tagen folgte auch die Freigabe für das Moderna-Vakzin.

Für Deutschland empfiehlt die STIKO die Impfung bisher jedoch nur vor allem Kindern und Jugendlichen mit bestimmten Vorerkrankungen wie Diabetes oder Adipositas, die ein erhöhtes Risiko für einen schweren Verlauf haben. Allerdings rät sie auch nicht direkt von Impfungen ab.

Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach sieht die STIKO in dieser Frage in einer "Außenseiterposition". Möglicherweise habe sie sich "ein bisschen zu früh festgelegt und verrannt". Wesentliche Studien hätten ergeben, dass eine Durchseuchung mit der Delta-Variante viel gefährlicher sei als die Impfung von Kindern, sagte er im Deutschlandfunk. Zugleich verteidigte er die STIKO: Sie habe "ganz hervorragende Arbeit geleistet", und ihr müsse von der Politik Freiraum gelassen werden. Trotzdem sei es richtig, dass die Politik jetzt Fakten schaffe.

Bund und Länder beraten über Vorgehen bei Jugendlichen

Die Gesundheitsministerinnen und -minister von Bund und Ländern wollen am Nachmittag über das weitere Vorgehen beraten. Zur Diskussion steht ein Vorschlag des Bundesgesundheitsministeriums, wonach allen 12- bis 17-Jährigen ein Impfangebot gemacht werden soll. Das geht aus einem Beschlussentwurf hervor.

"Es werden nunmehr alle Länder Impfungen für 12- bis 17-Jährige in den Impfzentren anbieten", schreibt das Ministerium in dem an die Länder versendeten Beschlussvorschlag. Auch niedergelassene Ärztinnen und Ärzte sowie Betriebsärztinnen und -ärzte, die Angehörige impften, könnten eingebunden werden. Für junge Erwachsene sollen die Länder "niedrigschwellige Angebote" in Universitäten, Berufsschulen und Schulen machen, so der Beschlussentwurf. "Dies kann maßgeblich zu einem sichereren Start in den Lehr- und Lernbetrieb nach den Sommerferien beitragen."

Was die STIKO für 12-17-Jährige empfiehlt

Wegen fehlender Daten hat die Ständige Impfkommission bislang keine generelle Impfempfehlung gegen das Coronavirus für 12-17-Jährige ausgesprochen. Aufgrund eines anzunehmenden erhöhten Risikos für einen schweren Verlauf der Covid-19- Erkrankung bei Kindern und Jugendlichen mit Vorerkrankungen empfiehlt die STIKO allerdings dieser Gruppe eine Impfung mit dem mRNA-Impfstoff von BioNTech/Pfizer. Zu den Vorerkrankungen gehören: Adipositas, angeborene oder erworbene Immundefizienz oder relevante Immunsuppression, angeborene zyanotische Herzfehler, schwere Herzinsuffizienz, schwere pulmonale Hypertonie, chronische Lungenerkrankungen mit einer anhaltenden Einschränkung der Lungenfunktion, chronische Niereninsuffizienz, chronische neurologische oder neuromuskuläre Erkrankungen, maligne Tumorerkrankungen, Trisomie 21, syndromale Erkrankungen mit schwerer Beeinträchtigung sowie Diabetes mellitus.

Zusätzlich wird die Impfung Kindern und Jugendlichen ab 12 Jahren empfohlen, in deren Umfeld sich Angehörige oder andere Kontaktpersonen mit hoher Gefährdung für einen schweren Covid-19- Verlauf befinden, die selbst nicht geimpft werden können oder bei denen der begründete Verdacht auf einen nicht ausreichenden Schutz nach Impfung besteht.

Zudem wird Jugendlichen eine Impfung empfohlen, die arbeitsbedingt einem erhöhten Expositionsrisiko ausgesetzt sind (entsprechend des allgemeinen Stufenplans zur Impfpriorisierung).

Aktuell liegt die Quote der Erstimpfungen in Deutschland insgesamt bei rund 62 Prozent der Bevölkerung, gut 52 Prozent sind vollständig geimpft. Bei den unter 18-Jährigen haben etwa 20 Prozent mindestens eine Impfung erhalten und knapp zehn Prozent einen vollständigen Impfschutz.

Länder haben schon Pläne

In einigen Ländern sind schon Impfaktionen etwa an Schulen geplant. In Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern beginnt heute der Unterricht nach den Sommerferien wieder, in Hamburg am Donnerstag. Der baden-württembergische Gesundheitsminister Manne Lucha (Grüne) befürwortet Impfungen für Jugendliche. Auch aus Sachsen-Anhalt kam Zustimmung. Die amtierende sachsen-anhaltische Gesundheitsministerin Petra Grimm-Benne (SPD) sagte der Nachrichtenagentur dpa: "Die Nachfrage dazu ist vorhanden." Das Land plane bereits Sonder-Impfaktionen für Heranwachsende.

Auch der Vorsitzende der Gesundheitsministerkonferenz, Klaus Holetschek (CSU), bekräftigte seine Auffassung, wonach Kindern und Jugendlichen ein Impfangebot gemacht werden sollte. Im ARD-Morgenmagazin erklärte der bayerische Ressortchef, Ärztezentren und Impfzentren sollten dabei eingebunden werden. "Die Möglichkeit ist da, und es ist wichtig, keine Zeit zu verlieren." Einen Widerspruch zur STIKO sehe er nicht, weil diese sich trotz fehlender Empfehlungen nicht gegen solche Impfungen ausgesprochen habe. Es gehe nur um ein Angebot, und wenn Eltern verunsichert seien, sollten sie sich beim Hausarzt informieren.

Der Vorsitzende der Ministerpräsidentenkonferenz, Michael Müller (SPD), setzt sich entgegen der Empfehlung der Ständigen Impfkommission auch für eine Impfung von Kindern und Jugendlichen ein. Im ARD-Morgenmagazin erklärte Berlins Regierender Bürgermeister, in seiner Stadt sei die Inzidenz bei den 15- bis 25-Jährigen doppelt bis vierfach so hoch wie in anderen Bevölkerungsgruppen. Darauf zu reagieren und ein Angebot machen, finde er "sehr sachgerecht".

FDP-Chef Christian Lindner unterstützt den Vorschlag, über Zwölfjährigen generell ein Impfangebot zu machen. Dem rbb sagte er: "Die Impfstoffe sind ja zugelassen auch für Jüngere." Es müsse aber bei einem Angebot bleiben: "Es darf auch keinen sozialen Druck geben, solange es noch nicht einmal eine entsprechende Empfehlung der Ständigen Impfkommission gibt."

Auch Auffrischung wird Thema

Ein weiteres Thema der Gesundheitsministerinnen und -minister sollen Auffrischimpfungen sein. Für bestimmte Gruppen schlägt das Bundesgesundheitsministerium entsprechende Impfungen ab September vor. Insbesondere bei immungeschwächten, sehr alten und pflegebedürftigen Menschen wiesen Studienergebnisse auf einen verminderten oder schnell nachlassenden Schutz nach einer Impfung hin.

Die Länder sollen deshalb laut Entwurf mobile Impfteams unter anderem in Pflegeeinrichtungen schicken. Menschen mit einer Immunschwäche oder in häuslicher Pflege sollen demnach von ihren Ärzten eine Auffrischimpfung angeboten bekommen. Diese Impfungen sollen mit den Mitteln von BioNTech/Pfizer und Moderna erfolgen.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 02. August 2021 um 09:00 Uhr.