Ein Hausarzt impft seine Patientin mit dem Biontech-Impfstoff gegen das Coronavirus. | dpa

Impfstrategie "Nicht alle auf einmal"

Stand: 19.05.2021 10:17 Uhr

Nach der Ankündigung, die Impfreihenfolge aufzuheben, mehren sich Appelle und Warnungen von Politik und Verbänden: Risikogruppen seien weiterhin vorzuziehen. Alle Bürger sollten Geduld haben und die Arztpraxen nicht überlasten.

Was Bundesgesundheitsminister Jens Spahn am Montagabend ankündigte, klang erst mal gut: Die Impf-Priorisierung mit einer festgelegten Reihenfolge soll am 7. Juni wegfallen - bundesweit in allen Arztpraxen und regionalen Impfzentren sowie bei Betriebsärzten. Doch schon jetzt ist klar: Die Umsetzung dieses Plans ist nicht so einfach. Dass alle Bürgerinnen und Bürger ab 16 Jahren dann berechtigt sind, einen Impftermin zu vereinbaren, heißt noch lange nicht, dass sie alle bald geimpft werden können.

"Nicht geimpfte Risikoträger" erreichen

Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach pochte darauf, Risikogruppen weiterhin vorzuziehen: "Jetzt kommt es darauf an, die vielen noch nicht geimpften Risikoträger zu erreichen", sagte er der "Rheinischen Post". Ab dem 7. Juni seien die Voraussetzungen für die Aufhebung der Impf-Priorisierung zwar wahrscheinlich gegeben. "Allerdings sollte die Priorisierung bis zu diesem Zeitpunkt unbedingt eingehalten werden", mahnte Lauterbach.

Zuvor hatte auch der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, darauf hingewiesen, dass besonders gefährdete Menschen weiterhin Vorrang bei Impfungen haben sollten. "Das Ende der Priorisierung darf kein Datum bestimmen, sondern allein die Impfquote der Risikogruppen." Es gebe "keine verlässlichen Daten darüber, wie weit der Impffortschritt bei den Menschen in gefährdeten Berufsgruppen und mit Vorerkrankungen ist", sagt Brysch im Gespräch mit tagesschau.de.

Die Vorsitzende des Deutschen Ethikrates, Alena Buyx, kritisierte zugleich, dass in einigen Bundesländern bereits jetzt die Impfreihenfolge aufgehoben wurde. Je mehr Menschen geimpft würden, desto mehr könne man sich auch von der Priorisierung lösen. "Entscheidend ist aber nach wie vor, dass die Menschen aus den Priorisierungsgruppen ein Angebot bekommen haben. Dann kann man die Impfungen für alle freigeben", sagte sie tagesschau.de.

"Auch die Bürger sind gefragt"

Der Vorsitzende des Weltärztebundes, Frank Ulrich Montgomery, sieht die Hausärzte durch die angekündigte Aufhebung der Impfpriorisierung überfordert. Nun seien auch die Bürger gefragt, nicht alle auf einmal und sofort in den Praxen anzurufen, sagte er im Deutschlandfunk. Grundsätzlich sehe er aber die Aufhebung der Priorisierung positiv: Teilweise wollten Personen auch nicht geimpft werden. Deshalb müsse der Rest der Gesellschaft nicht darauf warten, dass alle geimpft seien, die nach der Reihenfolge eigentlich vor ihnen dran wären.

Hauptproblem Impfstoffmangel

Das zentrale Problem sei nicht die Impfpriorisierung, sondern der Mangel an Impfstoff. Montgomery bemängelte zudem den langsamen Fortschritt bei der Digitalisierung von Impfnachweisen. Inzwischen gebe es in Deutschland eine Debatte, in der man mehr über den Missbrauch von digitalen Instrumenten rede als über ihren sinnvollen Gebrauch, sagte er.

"Arztpraxen sind keine Bürgerämter"

Der Verband der niedergelassenen Ärzte will administrative Aufgaben bei der Einführung eines neuen digitalen Corona-Impfpasses lediglich für die Stammpatienten von Praxen übernehmen. Eine Übertragung des Impfnachweises für alle sonstigen geimpften Bürger komme nicht in Frage, sagte der Vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Gassen, den Zeitungen des "Redaktionsnetzwerks Deutschland". "Die Arztpraxen sind keine Bürgerämter."

Auch für die Nachweise praxiseigener Patienten müsse eine einfache technische Lösung samt Anbindung an die bereits existierende Praxissoftware bereitgestellt werden, betonte Gassen. "Das muss mit ein oder zwei Klicks zu erledigen sein." Die Impfkampagne werde ohnehin schon durch zu viel Bürokratie gebremst. Sollte die Politik die Ärzte zur Übertragung von Impfnachweisen für alle verpflichten, würden sich viele Mediziner aus der Immunisierungskampagne zurückziehen, warnte er.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 18. Mai 2021 um 17:00 Uhr.