Viele Menschen warten im Impfzentrum Babelsberg in der Metropolishalle auf ihren Impfung gegen Corona. | dpa

Aufhebung der Priorisierung Einige Länder halten an Impfreihenfolge fest

Stand: 05.06.2021 08:55 Uhr

In der kommenden Woche wird die amtlich festgelegte Reihenfolge für Corona-Impfungen in Deutschland aufgehoben. Doch nicht alle Bundesländer geben die Termine jetzt schon komplett und überall frei.

Trotz der generellen Öffnung der Corona-Impfungen für alle zu Beginn der kommenden Woche halten einige Bundesländer in ihren Impfzentren am Vorrang für Risikogruppen fest. In Schleswig-Holstein, Hamburg und Bayern soll die Priorisierung dort vorerst bestehen bleiben. In Bremen arbeiten die Impfzentren die Vorranglisten zunächst weiter ab.

Im Saarland sollen Menschen der bisherigen Priorisierungsgruppen in den Zentren nach wie vor vorrangig bei Terminen bedacht werden. In den übrigen Ländern endet auch in den Impfzentren die bisherige Impfreihenfolge.

In den Arztpraxen fällt die Priorisierung bundesweit weg, wie Bund und Länder vereinbart hatten. Den Ländern ist es dem Beschluss zufolge aber "unbenommen, die Priorisierung im Rahmen der ihnen zugewiesenen Impfstoffdosen aufrechtzuerhalten".

Unterschiedliche Vorgehensweise in den Ländern

Hamburgs Sozialsenatorin Melanie Leonhard begründete die Beibehaltung der Priorisierung damit, dass es noch viele Vorerkrankte gibt, die keine Impfung bekommen hätten. In Schleswig-Holstein erklärte das Gesundheitsministerium, in die Entscheidung über ein Ende der Priorisierung in den Impfzentren werde einfließen, wie schnell bisher priorisierte Berechtigte ein Angebot erhalten können - und wie viel Impfstoff wann nachkommt. In Bayerns Impfzentren zieht das Online-Registrierungssystem weiterhin Bürger aus Risikogruppen vor, wie das Gesundheitsministerium erklärte.

Im Saarland erklärte ein Sprecher des Gesundheitsministeriums zu den Impfzentren, das Land halte sich natürlich an die Impfverordnung und öffne für alle. "Aber wenn sich da noch jemand entscheidet, der eigentlich noch priorisiert gewesen wäre, dann fällt er nicht hinten herunter, sondern wird von uns noch priorisiert behandelt."

In der Stadt Bremen sind die Impfzentren für die nächsten Wochen ausgebucht mit Terminen für Personen aus den priorisierten Gruppen, wie es hieß. Aktuell gebe es keinen weiteren Impfstoff, um außerhalb der Priorisierung zu impfen. Ab heute können sich aber alle Bremer in eine Liste eintragen, die im Anschluss an die Prio-Gruppen bedacht wird.

Baden-Württemberg hebt Priorisierung überall auf

Hessen empfahl allen Bürgern der drei Priorisierungsgruppen, sich schnellstmöglich zu melden. Nur wer sich bis einschließlich morgen in einem Impfzentren registriert habe, könne mit einer bevorzugten Vergabe der Termine rechnen, teilte das Innenministerium mit.

In Niedersachsen erklärte das Gesundheitsministerium, alle Menschen der Prioritätsgruppen eins bis drei, die schon auf einer Warteliste stehen, hätten ihren Platz weiterhin sicher. Die Impfung der priorisierten Gruppen werde noch einige Wochen in Anspruch nehmen.

In Baden-Württemberg hieß es, da die meisten älteren Bürger geimpft seien, könne man die Priorisierung guten Gewissens überall aufheben. Das solle auch sicherstellen, das Impftempo aufrecht zu erhalten. In Nordrhein-Westfalen endet die Priorisierung auch in den Impfzentren. Impfstoff ist aber so knapp, dass dort laut Gesundheitsministerium mindestens bis Mitte Juni nur Zweitimpfungen möglich sind.

Ärzte erwarten "Ansturm auf die Praxen"

Die Ärzte erwarten angesichts der Freigabe der Impfreihenfolge mit einem großen Andrang in den Praxen und rufen Impfwillige zu Geduld auf. Der Vorstandschef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Gassen, sagte der "Neuen Osnabrücker Zeitung", er rechne mit einem "Ansturm auf die Praxen". Gassen appellierte an die Menschen: "Bitte haben Sie Geduld und bedrängen Sie nicht die Ärzte und Ärztinnen und deren Teams, die medizinischen Fachangestellten. Alle werden geimpft werden - und das so schnell wie möglich. Aber nicht alle auf einmal!"

Bei vielen Menschen sei der falsche Eindruck entstanden, sie könnten sich sofort impfen lassen. Das sei mitnichten möglich. Obwohl die Mengen kontinuierlich zunähmen, seien Impfstoffe immer noch zu knapp.

Betriebsärzte-Präsident dämpft Erwartungen

Kommende Woche dürfen auch Betriebsärzte Corona-Impfungen vornehmen. Der Präsident des Verbands Deutscher Betriebs- und Werksärzte, Wolfgang Panter, dämpfte jedoch die Erwartungen an den Einstieg der Betriebsärzte in die Corona-Impfkampagne. Der verfügbare Impfstoff sei nach wie vor knapp, sagte Panter den Zeitungen des "RedaktionsNetzwerks Deutschland". "Für die kommende Woche konnte jeder Betriebsarzt 800 Dosen bestellen und er bekommt am Ende 102", sagte er. Das sei ein klares Signal.

Der Verband empfiehlt den Betriebsärzten, zuerst Mitarbeiter mit einem höheren Infektionsrisiko zu impfen, wie beispielsweise Angestellte, die in Werkshallen eng zusammenarbeiten oder viel Kundenkontakt haben. Büromitarbeiter oder Beschäftigte im Homeoffice könnten nachrangig geimpft werden. 

Präsident Panter riet den Unternehmen zudem, mögliche Nebenwirkungen einzukalkulieren: "Vor allem in Arbeitsbereichen, die Auswirkungen auf das ganze Unternehmen haben, also zum Beispiel der Leitstand in einem Kraftwerk, sollte man besser nicht alle Mitarbeiter gleichzeitig impfen", sagte er.

Die Betriebsärzte erhalten laut Bundesgesundheitsminister Jens Spahn in der ersten Woche mehr als 700.000 Impfdosen des Herstellers BioNTech/Pfizer.  Für die Zeit danach steht die Zuteilung des Impfstoffs noch nicht fest. "Sicherlich würden viele Betriebsärzte den Impfstoff von Johnson & Johnson präferieren, weil er nur einmal injiziert werden muss", sagte Panter. Das bedeute weniger organisatorischen Aufwand.

Dahmen fordert Planung der Auffrischimpfungen

Der Grünen-Gesundheitspolitiker Janosch Dahmen forderte derweil eine frühzeitige Planung der Auffrischungsimpfungen gegen das Coronavirus. "Mit Blick auf den Herbst müssen wir uns Gedanken machen, wie und für wen wir Auffrischimpfungen anbieten sollten", sagte Dahmen der "Rheinischen Post". Die Auffrischung müsse nach Indikationsgruppen erfolgen, also vorrangig für Menschen, bei denen die Impfung kürzer anhalte, forderte der Grünen-Politiker.

Dahmen schlug eine Verknüpfung der Corona-Impfkampagne mit den bevorstehenden Impfungen gegen Influenza vor. "Wir sollten die kommende Grippeimpfung nutzen, um den relevanten Risikogruppen gleichzeitig eine Covid-Auffrischimpfung anzubieten", sagte er.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 04. Juni 2021 um 21:45 Uhr.