Gefälschter Impfpass steht ist auf einem Smartphonedisplay zu lesen. | David Zajonz

Ermittlungsgruppe "Stempel" Jagd auf die Impfpass-Fälscher

Stand: 03.06.2021 04:12 Uhr

Mit den Lockerungen für Geimpfte dürfte auch die Zahl der gefälschten Impfpässe steigen. Die Kölner Kriminalpolizei hat ein spezielles Team gebildet - die Ermittlungsgruppe "Stempel".

Von David Zajonz,  WDR

Auf den ersten Blick scheint es kinderleicht, an einen gefälschten Impfpass zu kommen. Beim Messenger-Dienst Telegram reicht es aus, in der Suchleiste einfach nur das Wort "Impfpass" einzugeben. Sofort erscheinen mehrere Gruppen und Kanäle mit Namen wie "Impfpass Kaufen Corona Covid" oder "Gefälschter Impfpass". Für rund 100 Euro pro Stück werden dort gefälschte Impfpässe angeboten.

David Zajonz

"Klassische Betrugsverfahren"

Doch für potenzielle Käufer der Fälscherware kann es ein böses Erwachen geben. Nicole Gentner von der Kölner Polizei erklärt: "Der Großteil der Verfahren, die wir derzeit bearbeiten sind ganz klassische Betrugsverfahren." Kunden schicken den vermeintlichen Impfpass-Fälschern Geld, beispielsweise in Form von Kryptowährungen. Häufig warten sie dann aber vergeblich auf die Ware, sagt Gentner: "Der Käufer ist sein Geld los und erhält auch keinen gefälschten Impfausweis."

Einsatzgruppe "Stempel"

Allerdings ist auch tatsächliche Fälscherware im Umlauf. Gentner leitet in Köln ein dreiköpfiges Spezialteam der Kriminalpolizei - die Ermittlungsgruppe "Stempel". Die Polizeibeamtin berichtet beispielsweise vom Fall eines Kölner Arztes. Er sei von Bekannten darauf aufmerksam gemacht worden, dass auf Telegram Impfpässe mit seinem Arztstempel verkauft werden. Der Arzt brachte diese Fälschung zur Anzeige.

Nicole Gentner | David Zajonz

Geht von einem großen Dunkelfeld bei Impfpass-Fälschungen aus - die Leiterin der Ermittlungsgruppe "Stempel", Nicole Gentner. Bild: David Zajonz

Haben Sicherheitsbehörden weggeschaut?

Miro Dittrich vom Thinktank "Center für Monitoring, Analyse und Strategie" (CeMAS) beobachtet bereits seit längerer Zeit die kriminellen Aktivitäten auf Telegram. Er kritisiert, dass die deutschen Sicherheitsbehörden das Treiben auf Online-Plattformen zu lange unterschätzt hätten: "Das Wegschauen der Sicherheitsbehörden hat dazu geführt, dass sich auf Telegram ein großer Schwarzmarkt etabliert hat", sagt Dittrich. Für Händler, die bislang mit Drogen oder Waffen ihr Geld verdient hätten, seien gefälschte Impfpässe nun einfach noch ein weiteres Geschäftsfeld.

Treffpunkt für Corona-Leugner

In der Pandemie ist Telegram zum digitalen Treffpunkt für Corona-Leugner geworden. Prominentestes Beispiel ist der Kochbuchautor Attila Hildmann, der über seinen Telegram-Kanal Verschwörungstheorien verbreitet. Insofern scheint es nur folgerichtig, dass der Handel mit gefälschten Impfpässen über diese Plattform läuft.

Die Angst vor der Impfung und vor angeblichen Zwangsimpfungen sei bei Käuferinnen und Käufern der gefälschten Impfpässe ein großes Thema, glaubt Forscher Dittrich. Zwar gebe es auch Menschen, die zur Fälscherware greifen, weil sie noch keinen Impftermin bekommen haben und ungeduldig sind. Nach Einschätzung von Dittrich handelt die Mehrheit der Kunden aber aus ideologischen Gründen.

Großes Dunkelfeld vermutet

Wie groß das Ausmaß der Impfpass-Fälschungen in Deutschland insgesamt ist, bleibt schwer zu ermitteln. Das Bundeskriminalamt kann keine Zahlen dazu nennen, die Behörde teilt lediglich mit: "Im Vergleich zu sonstigen kriminellen Angeboten an Personal- und Ausweisdokumenten handelt es sich bei der Fälschung von Impfbescheinigungen noch um ein zahlenmäßig kleines Phänomen."

Die Leiterin der Kölner Ermittlungsgruppe "Stempel", Gentner, spricht allein für ihre Stadt von Verfahren im "niedrigen zweistelligen Bereich". Sechs Täter konnten bislang namentlich ermittelt werden. Gleichzeitig geht Gentner von einem großen Dunkelfeld aus. Die Ermittler vermuten außerdem aus, dass die Lockerungen für Geimpfte zu einer steigenden Zahl von gefälschten Impfpässen führen werden. Anbietern und Käufern drohen empfindliche Strafen - bis hin zu Freiheitsstrafen.

Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell am 27. Mai 2021 um 06:17 Uhr.