Impflücken in Deutschland Kinderärzte fordern Impfkonzept

Stand: 13.06.2014 16:13 Uhr

Beim Thema Impfen kochen die Gemüter bei deutschen Eltern hoch: Längst nicht alle sind dafür. Dabei können Kinderkrankheiten wie die Masern lebensgefährliche Spätfolgen haben. Kinderärzte fordern daher nun einen nationalen Impfplan.

Von Michael Weidemann, NDR, ARD-Hauptstadtstudio

Jedes fünfte Kind ist nicht ausreichend geimpft. Bei immer noch weit verbreiteten Kinderkrankheiten wie Masern führt das zu neuen Gefahren für die Gesundheit der Kleinen, warnen Deutschlands Kinder- und Jugendärzte. Denn erst bei einer 95-prozentigen Durchimpfungsrate ist die Ansteckungsgefahr gebannt - und gerade Masern bergen das Risiko lebensgefährlicher Spätfolgen, etwa einer meist tödlich verlaufenden Enzephalitis.

"Kindeswohl muss vor Elternrecht gehen"

Nicht ohne Grund hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) deshalb das Ziel vorgegeben, die Masern bis 2015 auszurotten, so der Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte, Wolfram Hartmann: "Ich sehe aufgrund meiner langjährigen Erfahrungen die einzige Möglichkeit, diese gesteckten Ziele, die man ja auch gegenüber der WHO bestätigt hat, zu erreichen, wenn man eine Impfpflicht für den Besuch von Schulen und Kindergärten einführt."

Kein Kitaplatz, keine Einschulung ohne ausgefüllten Impfpass also. Das Elternrecht, von Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe als Hindernis für eine allgemeine Impfpflicht angeführt, müsse im Interesse des Kindeswohls zurückstehen, fordern die Pädiater.

Impfpass Masern, Mumps, Röteln
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Zu viele Eltern in Deutschland lassen ihre Kinder nicht impfen: ein Impfpass mit den nichtangekreuzten Feldern Masern, Mumps und Röteln

Mehr gesellschaftliche Verantwortung gefordert

Mehr gesellschaftliche Verantwortung fordert der Berufsverband auch bei den wachsenden Umweltgefahren. So ist die Belastung durch Nikotin für die gesundheitlich besonders gefährdeten Kleinkinder nach wie vor sehr hoch, denn jedes zweite Kind lebt in einem Raucherhaushalt. Steigende Krankheitszahlen bei Bronchitis und Mittelohrentzündungen seien die Folge, klagen die Kinderärzte.

Ein zunehmendes Risiko stellt auch die Feinstaubbelastung dar, erläutert der Professor für Kinder- und Jugendmedizin, Michael Keller. Die Feinstaubbelastungen führe schon im Mutterleib dazu, dass die Kindern sich nicht gut entwickeln, so Keller. Das habe auch mit dem Straßenverkehr zu tun: "Wenn Sie wissen, dass ausgerechnet an den hauptbefahrenen Straßen natürlich wieder die Familien wohnen, die unter ökonomisch schlechteren Bedingungen leben, dann haben sie hier einen Teufelskreis." Und der müsse dringend durchbrochen werden, so Keller.

Sensibilität auch bei Nikotin und Antibiotika

Mehr Sensibilität fordern die Kinder- und Jugendärzte auch beim Umgang mit den verstärkt auf den Markt drängenden E-Zigaretten ein. Die rauchfreien Nikotinspender sind derzeit zwar noch so konzipiert, dass sie das suchtgefährdende Gift nur in geringeren Mengen abgeben. Für Jugendliche seien sie dennoch eine Gefahr, warnt Keller: "Die Kinder und Jugendlichen haben besonders sensitive Nikotinrezeptoren. Wenn sie vor 18 anfangen zu rauchen haben sie ein viel höheres Risiko, Kettenraucher zu werden, als später - und wenn die Zigarettenindustrie sagt, sie möchte Umsatz machen, wird es schon Mittel und Wege geben, vielleicht auch Veränderungen in der Produktion, dass das Nikotin schneller verdampft und dann doch diesen Kick erzeugt", so Keller: "Da müssen wir, meine ich, eher vorsichtig sein."

Auch beim Umgang mit Antibiotika sollte verstärkt auf die besondere Gefährdung von Kindern geachtet werden, ergänzen die Pädiater. In der Tiermast eingesetzte Präparate, aber auch den Kindern unbedacht verabreichte Medikamente können die empfindliche Darmflora im noch nicht voll entwickelten Körper verändern. Das führe zu mehr Diabeteserkrankungen, allergischem Asthma und Darmentzündungen, warnt der Kinderärzteverband.

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