Eine Mitarbeiterin eines Impfteams zieht eine Spritze mit dem Coronavirus-Vakzin auf. | dpa

Impfungen für Kinder und Jugendliche Impfen ja - aber nicht prioritär

Stand: 28.05.2021 09:04 Uhr

Die Europäische Arzneimittelbehörde könnte heute den Weg frei machen für Corona-Impfungen auch für Kinder. Bund und Länder haben sich dafür ausgesprochen. Doch dieser Plan ist umstritten - aus mehreren Gründen.

Vor der Entscheidung der EU-Arzneimittelbehörde EMA über die Zulassung eines Corona-Impfstoffes für Kinder wird die Debatte über die Konsequenzen heftiger. Dabei geht es zum einen um die Befürchtung, der Weg für eine Impfflicht durch die Hintertür werde nun bereitet. Bundesfamilienministerin Christine Lambrecht (SPD) betonte jedoch, Freiheiten für Kinder und Jugendliche dürften nicht davon abhängig gemacht werden, ob sie geimpft sind. "Kinder und Jugendliche haben besonders unter der Pandemie gelitten. Sie müssen jetzt in vollem Umfang an den Öffnungsschritten teilhaben", sagte sie.

Der Verband Erziehung und Bildung (VBE) verlangte, die Eltern müssten sich gut informieren und dann selbstständig entscheiden können. Der VBE-Vorsitzende Udo Beckmann sagte der Nachrichtenagentur dpa, es dürfe "nie in Zweifel stehen, dass das Entscheidungsrecht, ob das einzelne Kind geimpft werden darf oder nicht, allein bei den Eltern liegt".

Kinder beim Impfen bevorzugen?

Auch die Frage der Priorisierung wird weiter diskutiert. Der Impfstoff bleibt vorerst ein knappes Gut, vielerorts liegt der Fokus derzeit bei Zweit- statt bei Erstimpfungen, es gibt nach wie vor lange Wartelisten. Intensivmediziner verlangen daher, den Impfstoff vor allem bei Erwachsenen einzusetzen, weil die ein höheres Risiko für schwere Krankheitsverläufe hätten. "Kinder erkranken häufig asymptomatisch oder im Verlauf harmlos und haben deshalb derzeit bei knappen Impfstoffkapazitäten keine dringliche Indikation für eine Impfung", sagt der Generalsekretär der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin, Florian Hoffmann, der Funke Mediengruppe.

STIKO hat noch nicht entschieden

Hinzu kommt, dass es aus Sicht von Experten immer noch zu wenig Studien zu Nebenwirkungen bei Kindern gibt. So will sich die Ständige Impfkommission (STIKO) in Deutschland mit ihrer Empfehlung noch Zeit lassen, weil aus ihrer Sicht die Daten über Nebenwirkungen bei Kindern noch zu dünn sind. Sie hat angedeutet, dass sie eine Impfung womöglich nur für vorerkrankte Kinder empfehlen will. STIKO-Mitglied Martin Terhardt betonte im Bayerischen Rundfunk, die Kommission wolle sich nicht unter Druck setzen lassen. "Wir sind ein unabhängiges wissenschaftliches Gremium, wir haben eine Satzung und eine Geschäftsordnung, die uns einer bestimmten Methodik verpflichten." Die STIKO werde "nach wissenschaftlichen Kriterien entscheiden und nicht nach politischen".

Ärztepräsident Klaus Reinhardt stellte sich hinter dieses Vorgehen: "Die Datenlage zu Risiken und Nutzen einer möglichen Corona-Impfung bei Kindern und Jugendlichen ist derzeit noch so unzureichend, dass man keine Empfehlung abgeben kann", sagte er der "Rheinischen Post".

Hausärzteverband: Impfdosen nicht zurückhalten

Solange Zulassung und Empfehlung fehlten, sei es "völlig absurd", Impfdosen vorsorglich für Kinder und Jugendliche zurückzuhalten, sagte der Vorsitzende des Deutschen Hausärzteverbands, Ulrich Weigeldt, mit Blick auf entsprechende Überlegungen. "Ob und wogegen Kinder und Jugendliche geimpft werden sollen, kann nur nach medizinischen und wissenschaftlichen Gesichtspunkten beantwortet werden und nicht nach politischen", so Weigeldt in der "Rheinischen Post". Es gebe in der aktuellen Situation mehr Möglichkeiten als nur die sofortige Impfung. "Die derzeitigen Einschränkungen, die die Kinder und Jugendlichen erfahren, basieren schließlich auf politischen Entscheidungen."

Ob in der Europäischen Union eine Corona-Impfung bereits für Kinder möglich wird, will die EMA am Nachmittag entscheiden. Der zuständige Experten-Ausschuss kommt zu einer außerordentlichen Sitzung zusammen, um über die Zulassung des Impfstoffs von BioNTech/Pfizer für Kinder ab zwölf Jahren zu beraten. Bisher ist er in der EU ab 16 Jahren freigegeben.

Am Donnerstag hatten Bund und Länder festgelegt, dass sich Kinder ab 12 Jahren in Deutschland vom 7. Juni an gegen Corona impfen lassen dürfen, sofern die EU-Behörde grünes Licht gibt. Am 7. Juni soll die Priorisierung hierzulande generell aufgehoben werden. Damit sollen sich dann auch Kinder von zwölf bis 16 Jahren um einen Termin bemühen können. Es ist allerdings nicht mehr vorgesehen, dass die Länder vom Bund zusätzliche Impfdosen für Kinder und Jugendliche erhalten sollen.

"Unser Ziel ist, dass im Sommer jeder ein Impfangebot erhält, da nehmen wir die Zwölf-Plus-Jährigen mit rein", bekräftigte Kanzleramtsminister Helge Braun im Morgenmmagazin. "Mitte September wollen wir durch sein, dass alle geimpft sind", und zwar "unter Einschluss dieser Jugendlichen". Dies sei realistisch. Ein bundesweites besonders Impfprogramm werde es für Kinder ab zwölf Jahren nicht geben, ergänzte der Kanzleramtsminister. Es sei aber "nicht ausgeschlossen", dass einzelne Länder dies machten. 

Über dieses Thema berichtete das ARD Morgenmagazin am 28. Mai 2021 um 07:42 Uhr.