Eine Frau wird in Heuchelheim (Hessen) geimpft | dpa
Überblick

Vor dem Impfgipfel Viel Streit um wenig Stoff

Stand: 01.02.2021 10:52 Uhr

Die Erwartungen an den "Corona-Impfgipfel" sind hoch - auch, weil es an vielen Stellen massiv ruckelt. Neuen Schwung statt mehr Streit soll die Bund-Länder-Schalte bringen. Wie die Impf-Situation momentan aussieht - ein Überblick.

Der Gesundheitsminister bemüht Superlative. Von der "größten Impfkampagne in der deutschen Geschichte" spricht Jens Spahn immer wieder, da seien Anlaufschwierigkeiten doch verständlich. Und Schuldzuweisungen würden jetzt auch nicht weiterbringen. Es helfe im Moment nicht, "wenn jeder mit dem Finger auf den anderen zeigt", sagte der CDU-Politiker im ZDF. Brüssel, die Bundesregierung, die Bundesländer, die Hersteller - wer ist Schuld am Ruckel-Start bei den Impfungen? Auf diese Frage dürfte es bei der heutigen Bund-Länder-Videokonferenz keine Antwort geben. Auch schnell mehr Impfstoff dürfte die Spitzenrunde nicht zaubern können. Wie sind die Positionen und der Stand in Sachen Impfung? Ein Überblick.

Position der Bundesregierung

Die Hoffnungen waren gewaltig, als die Corona-Impfungen in Deutschland am zweiten Weihnachtstag anliefen - nicht einmal ein Jahr nach Beginn der Pandemie. "Deutschland krempelt die Ärmel hoch" - so warb die Bundesregierung für die Impfkampagne und schraubte die Erwartungen sehr hoch. Doch aus der anfänglichen Euphorie ist längst Ernüchterung geworden. Es ruckelt an vielen Stellen massiv. Im Zentrum der innerdeutschen Kritik: der Gesundheitsminister. Vor allem die SPD schießt sich auf den CDU-Politiker ein, der bevorstehende Wahlkampf lässt grüßen. Zu wenig Impfdosen bestellt, zu wenig Druck gemacht bei der EU, bei den Herstellern, schlechte Kommunikation mit den Bundesländern, keine verlässlichen Lieferzusagen - kurz: Chaos.

Spahn selbst ist seit Wochen im Rechtfertigungsmodus. Unermüdlich wirbt er um Verständnis, spricht von weiteren "mindestens zehn harten Wochen" mit knappem Impfstoff. Und er fordert Realismus: "Wir können durch einen Gipfel alleine noch nicht mehr Impfstoffe produzieren", sagte er in einem "Bild"-Talk. Wichtig sei, dass man zunächst ein einheitliches Bild bekomme, wo die Schwierigkeiten lägen. Die Bundesregierung könne den Ländern auch nur die Lieferdaten und -mengen nennen, die sie von den Herstellern bekomme.

Position der Bundesländer

Die Impfzentren in den Bundesländern stehen seit Wochen bereit - und vielerorts leer. Das sorgt für Ärger, ebenso wie die unzuverlässigen Liefertermine für den knappen Impfstoff und dauerbesetzte Termin-Hotlines. Die Länder sehen den Bund in der Pflicht. Sie wollen vor allem Verlässlichkeit. Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller forderte in einem Brief an Kanzlerin Angela Merkel einen "nationalen Impfplan". Wenn man bis Ende September allen Menschen in Deutschland ein Impfangebot machen wolle, sei ein konkreter Fahrplan nötig, argumentierte der SPD-Politiker und Vorsitzende der Ministerpräsidentenkonferenz. Hamburgs Bürgermeister Peter Tschentscher und Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (beide SPD) äußerten sich ähnlich. Einen über Wochen und sogar Monate "verlässlichen Lieferplan" für die begehrten Impfstoffe verlangt auch CSU-Chef Markus Söder. Die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) beklagte in der "Bild am Sonntag", trotz der angekündigten fünf Millionen weiteren Impfdosen habe man nicht einmal für vier Wochen Lieferklarheit.

Klare Worte fand auch der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städtetages, Helmut Dedy. "Die Städte erwarten keine vagen Versprechungen mehr, sondern eindeutige Antworten auf die zwei wesentlichen Fragen: Wann gibt es ausreichend Impfstoff? Wann wird welcher Impfstoff ins Impfzentrum geliefert?", sagte Dedy der Deutschen Presse-Agentur. "Zurzeit können wir dort wegen der geringen Impfstoffmengen nur mit angezogener Handbremse agieren."

Doch auch die Länder müssen sich Kritik gefallen lassen. So gibt es gewaltige Probleme bei der Terminvergabe. Zum Start in NRW etwa waren Anmelde-Webseiten und Hotlines geradezu überrannt worden. Zahlreiche impfwillige Menschen ab 80 Jahren oder ihre Angehörigen kamen telefonisch nicht durch und hatten auch online zunächst keinen Erfolg. Ähnliche Klagen kamen auch aus anderen Bundesländern.

Doch: Wie realistisch sind schnelle Lösungen?

Organisation der Impfungen

Die Impfungen vor Ort laufen in der Regie der Länder, und einige sind da weiter als andere. Bereitstehen sollen insgesamt mehr als 400 regionale Impfzentren, aber Hochbetrieb herrscht längst noch nicht. Terminbuchungen werden nach und nach angeboten. Bei Impfwilligen gibt es oft Frust, weil viele bei Telefon-Hotlines nicht durchkommen. Die Kassenärzte baten schon um Geduld und versichern, ein "Wettrennen" um Termine sei nicht nötig. Über ihre bundesweite Nummer 116 117 werden Anrufer in den meisten Ländern an Call Center weitergeleitet, die Impffragen beantworten und teils Termine vermitteln. Online geht das meist auch. Aber da kommen regelmäßig Hinweise wie "Aktuell kein Impfstoff mehr verfügbar - derzeit keine weiteren Impftermine buchbar". Gesundheitsminister Spahn sagt dazu: "Das muss besser werden." Es mache Sinn, wie einige Länder es machten, nicht gleich alle aus einer Altersgruppe einzuladen - sondern die Gruppen, die einen Termin vereinbaren könnten, kleiner zu machen. Das Saarland geht so vor.

Der Impf-Zeitplan

Die Ungeduld ist groß - denn die Hoffnung ist: Je mehr Impfungen es gibt, desto weniger Alltagsbeschränkungen sind nötig. Für Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sind sie "das entscheidende Licht am Ende des Tunnels". Spahn hat Zwischenetappen abgesteckt: Bis Mitte Februar sollen alle Pflegeheimbewohner ein Impfangebot erhalten. Bisher sind 560.000 geimpft - gerechnet wird damit, dass sich wohl bis zu 650.000 impfen lassen möchten. Bis Ende März sollen alle Über-80-Jährigen ein Impfangebot bekommen haben. Nach und nach sollen sich weitere Gruppen impfen lassen können - über die Reihenfolge wird aber neu diskutiert. Spahn kündigte eine Überarbeitung der Impfverordnung an. Hintergrund: Die Ständige Impfkommission hatte den AstraZeneca-Impfstoff nur für Personen im Alter von 18 bis 64 Jahren empfohlen. Zur Beurteilung der Impfeffektivität ab 65 Jahren lägen bisher keine ausreichenden Daten vor. Zuvor hatte die EU-Arzneimittelbehörde EMA die europaweite Zulassung des Impfstoffs empfohlen, und zwar für Erwachsene ab 18 Jahren ohne eine Altersbegrenzung.

Vielleicht im Sommer könnten die Impfungen in die Arztpraxen übergehen und auf breiter Front vorankommen. Merkel bekräftigte, wenn alles klappe, könne man jedem "bis Ende des Sommers" ein Impfangebot machen. Und der Sommer gehe kalendarisch bis zum 21. September. Das wäre dann auch pünktlich zur Bundestagswahl am 26. September.

Der Impfstoff-Nachschub

Dass Impfstoff jetzt so rar ist, kommt weder plötzlich noch überraschend. Doch nachdem mehrere Hersteller ankündigten, weniger Impfdosen zu liefern als zunächst zugesagt, ist die Aufregung groß. Geliefert wurden bisher in Deutschland über 3,5 Millionen Dosen. 2,2 Millionen Dosen wurden gespritzt. Einige Länder lagern den Impfstoff erst ein, um ihn für die notwendige zweite Spritze sicher zu haben, andere verabreichen im Vertrauen auf kommende Lieferungen gleich alles. Am Freitag wurde das dritte Vakzin, das von AstraZeneca, zugelassen. Bis zum 22. Februar werden laut Gesundheitsministerium weitere fünf Millionen Impfdosen oder mehr an die Länder geliefert. Klar ist: Auf die Herstellungskapazitäten kommt es an. Oder wie Merkel es formulierte: "Ich betreibe keine Produktionswerke für Impfstoffe."

Die Rolle der Hersteller

Bei allem Respekt für die historisch fixe Entwicklung der Corona-Impfstoffe stehen die Anbieter unter verschärfter Beobachtung. BioNTech und sein US-Partner Pfizer sorgten für Ärger bei Bund und Ländern mit einer kurzfristigen Ankündigung, wegen Werksumbauten vorübergehend weniger zu liefern - auch wenn dadurch perspektivisch eine größere Produktion möglich werden soll. Große Erwartungen liegen auf einem neuen BioNTech-Werk in Marburg.

Mit AstraZeneca lieferte sich die EU-Kommission eine scharfe Auseinandersetzung: Der britisch-schwedische Konzern hatte vor gut einer Woche überraschend mitgeteilt, im ersten Quartal statt 80 Millionen nur 31 Millionen Dosen Impfstoff an die EU-Staaten zu liefern. Die Empörung war groß, am Sonntag sagte Astrazeneca dann zu, immerhin neun Millionen Dosen mehr zu liefern, also insgesamt 40 Millionen Dosen, wie EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen mitteilte

Jetzt fordert Söder: "Wir müssen mehr produzieren können." Grünen-Chef Robert Habeck will, dass alle Pharmakonzerne ihren Fähigkeiten entsprechend Impfstoffe mitproduzieren. Aber Spahn hat schon vorgewarnt: "Eine Impfstoff-Produktion lässt sich nicht in vier Wochen mal eben aufbauen." Er wandte sich auch gegen Forderungen, Impfstoff-Hersteller zur Vergabe von Lizenzen zu zwingen. Das mache nur dann Sinn, wenn die Firmen nicht kooperieren würden - was aber nicht der Fall sei.

Auch die Pharmafirmen warnten. "Eine Impfstoff-Fabrik ist kein Bücherregal aus dem Möbelhaus, das man schnell aufbauen kann", sagte etwa der Chef des Verbands forschender Arzneimittelhersteller (VFA) Han Steutel, in den Zeitungen des Redaktionsnetzwerks Deutschland. Für die komplexe Herstellung von Impfstoffen brauche es geeignete Produktionsanlagen und qualifiziertes Personal.

Bereits jetzt gibt es Kooperationen zwischen Pharmaunternehmen. So will etwa der Pharmakonzern Sanofi ab Sommer mehr als 125 Millionen Dosen des BioNTech-Impfstoffs für die EU liefern. Dazu sollen Anlagen am Standort Frankfurt-Höchst umgerüstet werden. 

Die Lieferaussichten 

Vertraglich für Deutschland reserviert sind in diesem Jahr beträchtliche Impfstoffmengen. Doch sie kommen nicht auf einen Schlag. Und vor allem bei den kleinen Mengen zu Beginn können schon leichte Abweichungen Impftermine durcheinanderbringen. Im zweiten Quartal soll mehr geliefert werden, im dritten dann noch mehr. Vorausgesetzt, bis dahin klappt alles wie vorgesehen. 

Konkret gesichert sind laut Gesundheitsministerium insgesamt mehr als 90 Millionen BioNTech-Dosen, 50 Millionen vom Hersteller Moderna und 56 Millionen von AstraZeneca. Folgen könnten - von bislang noch nicht zugelassenen Impfstoffen - 37 Millionen Dosen von Johnson & Johnson, 53 Millionen von Curevac und womöglich 55 Millionen von Sanofi/GSK. Spahn nimmt auch schon weitere Bestellungen in den Blick, die über das erste Impfangebot hinausgehen - etwa wegen möglicherweise extra nötigen Impfungen gegen Virus-Mutationen. Offen ist zudem, ob auch bei Covid-19 eine Verstärker-Impfung nach einigen Jahren fällig wird.


Die deutsche Impf-Lage im Vergleich 

In Israel, Großbritannien und den USA zum Beispiel wurden bisher mehr Menschen pro Einwohner geimpft als in Deutschland. In Großbritannien wurde das BioNTech-Präparat auch schon Anfang Dezember zugelassen, auch das in Praxen anwendbare AstraZeneca-Produkt wird dort schon gespritzt. In den EU-Staaten gibt es weniger große Unterschiede.

Weltweit sind die Impfungen ungleich verteilt. Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) wurden bisher rund drei Viertel der Dosen in zehn Ländern gespritzt. WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus mahnte, es sei nicht richtig, wenn jüngere Erwachsene in reichen Ländern noch vor den Älteren und dem Gesundheitspersonal in den armen Ländern geimpft würden. Experten warnen auch vor Rückschlägen in der Pandemie durch Impfnationalismus: Gegen die Impfstoffe resistente Virusmutationen könnten vor allem in den Ländern entstehen, wo wenig geimpft wird.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 01. Februar 2021 um 12:00 Uhr.

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Moderation 01.02.2021 • 16:14 Uhr

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