Eine medizinische Fachangestellte setzt bei einem Probedurchlauf im Impfzentrum Bamberg bei einer Dame die Kanüle zur Impfung an. | Bildquelle: dpa

Niedrige Impfbereitschaft "In der Krise übernimmt das Angstgehirn"

Stand: 23.12.2020 17:28 Uhr

Nach den Feiertagen beginnen auch in Deutschland die Impfungen gegen das Coronavirus. Doch viele sind skeptisch. Die Impfbereitschaft ist seit dem Frühjahr sogar gesunken. Wie kann das sein - und was kann man tun?

Von Sandra Stalinski, tagesschau.de

Am 27. Dezember werden in Deutschland die ersten Menschen gegen Corona geimpft. "Endlich", möchte man sagen. Denn seit dem Frühjahr, als in Deutschland die erste Welle bereits zu Zehntausenden Infizierten und einigen Tausend Toten geführt hatte, beherrschte kaum ein Thema die Schlagzeilen mehr als die Frage nach einem verfügbaren Impfstoff.

Beinahe 80 Prozent der Deutschen wären laut "Covid-19 Snapshot Monitoring"-Projekt (Cosmo) damals bereit gewesen, sich impfen zu lassen, wäre ein Impfstoff bereits verfügbar gewesen. Jetzt, wo er da ist, wollen sich der Befragung zufolge nur noch 49 Prozent impfen lassen. Wie kann das sein, angesichts der fürchterlichen Bilder von Intensivstationen und immer höheren Todeszahlen?

Wichtigster Faktor: Vertrauen in die Sicherheit

Cornelia Betsch, Professorin für Gesundheitskommunikation an der Uni Erfurt, wundert das zunächst mal nicht. "Gerade weil die Impfung jetzt so greifbar und real ist, sind die Bedenken höher", sagt Betsch, die die (zwei-)wöchentliche Cosmo-Befragung leitet, im Gespräch mit tagesschau.de. "Was noch weit entfernt ist, erscheint oft als das Wünschenswerte. Je näher es kommt, desto mehr Gedanken machen wir uns über praktische Probleme und Umsetzungsfragen."

Der wichtigste Faktor für die Impfbereitschaft sei das Vertrauen in die Sicherheit der Impfung. "Es gibt ein unglaublich hohes Informationsbedürfnis bei den Menschen, und wer mehr Informationen braucht, ist in der Regel auch etwas skeptischer", sagt Betsch.

Für eine Immunisierung der Bevölkerung ist Experten zufolge aber eine Impfquote von 60 bis 70 Prozent notwendig. Die Bundesregierung hofft deshalb, dass möglichst viele sich impfen lassen.

"Neue Gefahren erzeugen Angst"

Der Angstforscher Borwin Bandelow von der Uni Göttingen hat noch eine andere Erklärung für die geringe Impfbereitschaft: "Immer wenn eine neue Gefahr auftaucht, die unbeherrschbar erscheint, haben die Menschen davor übergroße Angst." Das habe man im März gesehen, als die Menschen so irrationale Dinge taten, wie Toilettenpapier zu hamstern, sagt Bandelow. Jetzt werde das Impfen als die neue unbekannte Gefahr wahrgenommen, an Corona habe man sich bereits gewöhnt.

"In der Krise übernimmt das Angstgehirn das Kommando. Aber das Angstgehirn ist nicht gut in Statistik, man erreicht es nicht mit Zahlen und Fakten", erklärt er im Gespräch mit tagesschau.de. Interessant ist, dass auch medizinisches Personal, das dem Coronavirus überproportional stark ausgesetzt ist, keine höhere Impfbereitschaft zeigt. In der Cosmo-Befragung und auch in Daten vom Robert Koch-Institut (RKI) gibt es sogar Hinweise auf eine noch niedrigere Impfbereitschaft als in der Normalbevölkerung.

Übliche Impfreaktionen treten auf

Dabei sprechen die Zahlen und Fakten eigentlich für sich. Der mRNA-COVID-19-Impfstoff von Biontech/Pfizer, mit dem jetzt begonnen wird, hat die drei üblichen Phasen der Impfstoffentwicklung und Zulassung durchlaufen. Zehntausende in den USA, Kanada, Großbritannien und andern Ländern außerhalb der EU haben ihn bereits bekommen. Dabei traten beispielsweise die üblichen lokalen Impfreaktionen auf, die es auch bei Grippeimpfungen gibt: Schmerzen an der Einstichstelle, Abgeschlagenheit, bei etwa einem Drittel der Geimpften auch Kopfschmerzen und Frösteln. Vereinzelt gab es auch stärkere allergische Reaktionen.

Prominente, die sich impfen lassen?

Demgegenüber steht das vergleichsweise hohe Risiko einen schweren Covid-19-Verlauf zu erleiden beziehungsweise daran zu sterben. In Deutschland sind 1,6 Prozent aller Personen, für die bestätigte SARS-CoV-2-Infektionen übermittelt wurden, im Zusammenhang mit der Erkrankung gestorben. Mittlerweile sind das mehr als 27.000 Menschen. Unzählige und zum Teil noch unklare Langzeitfolgen bei Covid-19-Infektionen sind dokumentiert. An den Folgen einer Covid-19-Impfung, ist bislang niemand gestorben.

"Die Chance, an Corona zu erkranken oder zu sterben, ist um eine Vielfaches höher als durch die Impfung Nebenwirkungen zu bekommen", schlussfolgert Angstforscher Bandelow. Diese Risikoabwägung könne aber nur das "Vernunftgehirn" machen. Das einfach gestrickte Angstgehirn erreiche man hingegen mit eher plakativen Mitteln. "Beispielsweise ist es sicherlich gut, wenn Prominente wie Joe Biden sich vor laufender Kamera impfen lassen", sagt er. Das helfe den Leuten, Vertrauen zu fassen. Man könne überlegen, auch in Deutschland eine Kampagne mit prominenten Impflingen zu machen. Allerdings müsse man dabei natürlich die Reihenfolge einhalten und erstmal Prominente über 80 finden.

"Sagen, was wir wissen und was wir nicht wissen"

Trotzdem sei es notwendig, dass die Menschen eine Risikoabwägung auf Grundlage der verfügbaren Fakten vornähmen, findet Julia Neufeind, Expertin für Impfprävention und -kommunikation am RKI. Auch Transparenz sei dabei zentral. "Es ist wichtig, dass wir sagen, was wir wissen und auch sagen, was wir nicht wissen." Aber da man davon ausgehe, dass wir eine gute, sichere Impfung haben, müsse auch betont werden, "dass die sehr geringen Risiken einer Impfung, einer potenziell schwerwiegenden und lebensbedrohlichen Erkrankung gegenüberstehen." Wenn die Risiken übermäßig aufgebläht würden, entstehe ein schiefes Bild.

Was tatsächlich fehlt, sind Langzeitstudien, weil es den Impfstoff nunmal noch nicht so lange gibt. Erkenntnisse über mögliche Spätfolgen einer Impfung sind also noch nicht vorhanden. Vor allem die Schnelligkeit, mit der die Impfstoffentwicklung stattfand und auch die Dringlichkeit, mit der jetzt die Impfungen gestartet werden, erzeuge bei den Menschen Skepsis, sagt Neufeind im Gespräch mit tagesschau.de. "Und dass es da Fragen gibt, ist völlig normal." Das in dieser Pandemie große Informationsbedürfnis der Menschen könne gar nicht so schnell gefüllt werden.

Niedergelassene Ärzte spielen wichtige Rolle

Eine wichtige Rolle dürften gerade in der Anfangszeit, die niedergelassenen Ärzte spielen, meint Kommunikationsexpertin Betsch. Es werde wohl keinen Arztbesuch in naher Zukunft geben, bei dem nicht die Frage gestellt würde, ob man sich impfen lassen solle oder nicht. Deswegen sei es wichtig, gerade sie mit ausreichend Informationen zu versorgen.

Alle drei Experten gehen allerdings davon aus, dass sich die Impfbereitschaft erhöhen wird, wenn die Impfungen erstmal angelaufen sind. Wenn sich nach und nach immer mehr Menschen impfen lassen, werde die Impfung normaler und die Ängste gingen zurück. Von zentraler Bedeutung sei aber auch das umfassende Monitoring der Impfungen und aller auftretenden Unregelmäßigkeiten, um weiter Vertrauen in die Impfung zu schaffen.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 23. Dezember 2020 um 17:00 Uhr.

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Sandra Stalinski  Logo tagesschau.de

Sandra Stalinski, tagesschau.de

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