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Debatte um Covid-19-Immunität Ein Ausweis mit Risiken

Stand: 22.09.2020 04:22 Uhr

Die Idee klingt bestechend: Wer Covid-19 überstanden hat und dies mit einem Immunitätsausweis belegen kann, muss sich nicht an Beschränkungen halten. Aber wäre das fair? Heute äußert sich der Ethikrat.

Von Birgit Schmeitzner, ARD Hauptstadtstudio

Eine Dokumentation von Impfungen und Antikörperbestimmungen ist gute Praxis in Deutschland. So gut wie jeder hat ein gelbes Büchlein zu Hause, diesen Impfpass erhalten meist schon Säuglinge bei der ersten Vorsorgeuntersuchung. Eine solche Dokumentation wollte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) im Frühjahr auch für Covid-19-Genesene einführen und das Infektionsschutzgesetz entsprechend ergänzen.

Als "vorsorgliche Regelung", sagte Spahn damals, weil er auch genau wusste: Es gibt noch zu viele Unsicherheiten. Ist jemand nach überstandener Krankheit immun? Wie lange hält das an? Wann gibt es Impfstoffe, die wirken? Alles ungeklärte Fragen, die Kritik an dem Plan befeuerten.

Änderung des Infektionsschutzgesetzes zurückgestellt

Angesichts der vielen Einwände - auch vom Koalitionspartner SPD - brachte der Bundesgesundheitsminister Ende April den Gesetzentwurf ohne den Passus mit dem Immunitätsausweis ein. Für Spahn war das allerdings nur ein Zwischenschritt. Er argumentierte, dass man gerade im Gesundheitssystem, bei Pflegekräften, Ärztinnen und Ärzten schon wissen sollte, wer bereits immun ist und deswegen ganz anders eingesetzt werden kann.

Spahn sprach sich für eine breite gesellschaftliche Debatte aus, und beauftragte den Ethikrat damit, sich mit der Frage zu beschäftigen.

WHO bremst

Zu dem Zeitpunkt spielten weltweit einige Staaten mit dem Gedanken, einen Immunitätsausweis einzuführen. Die Weltgesundheitsorganisation mahnte, es gebe keinerlei Nachweis dafür, dass Antikörper (dauerhaft) vor einer zweiten Infektion schützen. Deswegen fehle auch die Grundlage dafür, einen Immunitätspass oder ein "risk-free certificate" auszustellen. An dieser offiziellen Einschätzung hat sich bis jetzt nichts verändert.

Virologe Drosten: Immunsystem hat ein Gedächtnis

Der Virologe Christian Drosten sieht allerdings durchaus Anzeichen dafür, dass Menschen nach einer überstandenen Covid-19-Erkrankung anders auf einen neuerlichen Kontakt mit dem Virus reagieren. Drosten sagte kürzlich im Coronavirus-Update von NDR Info, das Immunsystem habe ein Gedächtnis, das sofort wieder anspringe.

Drosten geht davon aus, dass fast alle Patienten, die eine Infektion durchgemacht haben, bis geschätzt Ende 2021 als immun gelten können. Wobei das nicht heiße, dass sie nicht wieder Symptome bekommen - aber eben nicht mehr so stark und auch nicht mehr so ansteckend.

Grad und Dauer einer Immunität wurden und werden also diskutiert, denn das bildet die Grundlage für alles weitere. Das Thema hat viele Facetten, die Argumente dafür und dagegen sind entsprechend vielfältig.

Einreise nur mit Immunitätsausweis?

Befürworter argumentierten, wer die Krankheit überstanden habe, könne sich viel freier bewegen. Sie könnten ohne Kontaktbeschränkungen zur Arbeit gehen, ohne dabei Sorge vor einer Ansteckung zu haben. Das ist besonders für Menschen wichtig, die beruflich viel Kontakt zu anderen haben, im Gesundheitssystem, in den Schulen, bei Polizei, in der Gastronomie und im Nahverkehr. Auch Reisen wären dann wieder problemlos möglich. Denkbar wäre auch, dass Länder einen Immunitätsausweis zur Bedingung für eine Einreise machen, so wie es etwa schon seit vielen Jahren für Gelbfieber praktiziert wird.

Kritiker führen das Schlagwort "Zweiklassengesellschaft" an. Ein Immunitätsausweis würde die Gesellschaft in zwei Gruppen mit unterschiedlichen Privilegien und Beschränkungen spalten. Das könnte durchaus zu sozialem Unfrieden führen. Denkbar ist auch, dass sich Menschen absichtlich infizieren, ob freiwillig oder möglicherweise sogar auf Druck des Arbeitgebers.

Wirklich fälschungssicher?

Ein denkbares Szenario wäre, dass ein Arbeitsvertrag an einen Immunitätsausweis gebunden wird. Abgesehen vom persönlichen Risiko, etwa Spätfolgen, würde ein absichtliches Anstecken die Infiziertenzahl weiter nach oben treiben. Das könnte das Gesundheitssystem unnötig belasten. Die Gegner einer Immunitätsbescheinigung sind außerdem skeptisch, dass sie fälschungssicher gestaltet werden kann und den Datenschutz-Vorgaben entspricht.

Hier hakt auch Spahns Kabinettskollegin, Bundesjustizministerin Christine Lambrecht ein. Die SPD-Politikerin warb kürzlich dafür, die Diskussion sehr transparent zu führen. Man habe bei der Corona-Warn-App gesehen, wie wichtig das für die Akzeptanz der Menschen sei.

Ethikrat soll Voraussetzungen und Folgen prüfen

Mit dem Für und Wider hat sich auch der Ethikrat in den vergangenen Monaten auseinandergesetzt. Das Beratergremium, das bei großen Fragen der Gesellschaft wie Sterbehilfe, Big Data und Gentechnik hinzugehzogen wird, hatte von Gesundheitsminister Spahn den Auftrag bekommen, sich dem Immunitätsausweis zu widmen. Es musste offenbar schnell gehen - die Bitte erreichte den gerade neu zusammengesetzten Ethikrat fast zeitgleich mit der Ernennung.

Die neue Vorsitzende des Ethikrats, Alena Buyx, sagte damals dem ARD-Hauptstadtstudio, das sei schon "ziemlich ungewöhnlich" gewesen. Aber natürlich lasse man eine Ministerbitte nicht liegen. Man habe bereits eine Arbeitsgruppe gebildet und werde versuchen, noch vor der parlamentarischen Sommerpause eine Stellungnahme vorzulegen.

Das gelang nicht, das Thema Immunitätsbescheinigung erwies sich offenbar als zu vielschichtig. Der Ethikrat prüfte diverse Facetten, die medizinischen Grundlagen und rechtlichen Fragen, die rein praktische Umsetzung in der Verwaltung und die komplexe ethische Einordnung. Das Ergebnis stellt das Beratungsgremium am Vormittag in Berlin vor.

Beratungen über Covid-19-Immunitätsausweis
Birgit Schmeitzner, ARD Berlin
22.09.2020 07:14 Uhr

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 22. September 2020 um 09:45 Uhr.

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Birgit Schmeitzner, BR

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