Imam Mir Ali | SWR
Reportage

Afghanistan-Krise  Der Imam von Ramstein

Stand: 04.09.2021 08:58 Uhr

33.000 aus Afghanistan evakuierte Menschen sind auf dem US-Luftwaffenstützpunkt in Ramstein gelandet. Von dort werden sie in die USA oder andere Länder weitergeflogen. Ein Imam vermittelt Hoffnung. 

Von Ute Spangenberger, SWR 

Imam Mir Ali läuft durch die riesige provisorische Zeltstadt auf der US-Air Base in Ramstein. Der Militärseelsorger im Rang eines Captains lächelt den Menschen zu, nickt aufmunternd mit dem Kopf. Viele hier kennen ihn. Der 41-Jährige ist der einzige Imam der US-Air Force in Europa.

Ute Spangenberger

Ende Juni hat er seinen Dienst in der Pfalz angetreten und ist jetzt, in der Afghanistan-Krise, der Mann, der hier wohl am Besten versteht, welche Bedürfnisse und Ängste die evakuierten Menschen aus Afghanistan haben.

Über den gemeinsamen Glauben, erzählt der muslimische Militärseelsorger, komme er mit den Menschen aus Afghanistan schnell ins Gespräch. Themen gäbe es genug, viele Flüchtlinge seien verzweifelt: "Es gibt viele Probleme, mit denen sie konfrontiert sind. Das Offensichtliche ist, dass sie vertrieben wurden, weg von zu Hause sind, in einem fremden Land", sagt er gegenüber tagesschau.de. Vielen ist nichts mehr geblieben außer den Kleidern, die sie gerade tragen und ihrem Namen. Außerdem sorgen sie sich um zurückgelassene Familienangehörige in Afghanistan." 

540 Zelte, darunter elf Gebetszelte

Ganz in der Nähe von Imam Mir Ali spielen Jungen Fußball mit einem US-Soldaten. Männer in traditioneller afghanischer Kleidung laufen vor den Zelten auf und ab, Mütter beruhigen ihre weinenden Kinder, auf den Absperrgittern neben den Unterkünften flattert Wäsche zum Trocken. Mittlerweile stehen mehr als 540 Zelte für die Menschen aus Afghanistan und für die Helfer und die Administration bereit.

Imam Mir Ali läuft zu einem großen weißen Zelt, das auf den ersten Blick aussieht wie alle anderen. Am Eingang kleben mehrere Zettel, etwa mit dem Bild einer Moschee und Uhrzeiten für Gebete. Die Behausung ist eines von elf Gebetszelten, die es inzwischen auf dem Gelände gibt - getrennt nach Frauen und Männer.

Imam Mir Ali im Gespräch mit SWR-Korrespondentin Spangenberger | SWR

Imam Mir Ali erklärt, dass er im Gebetszelt den Menschen ein Gefühl von Sicherheit und Hoffnung vermitteln möchte. Bild: SWR

Der Imam zieht seine schweren Militärstiefel aus und geht in das Zelt. Hier liegen Dutzende kleine Gebetsteppiche. In einer Ecke - ein Schild, auf dem "Qibla" steht, das ist die vom Koran vorgeschriebene Gebetsrichtung nach Mekka.

Der Imam erzählt, dass die Gebetszelte für viele Flüchtlinge das einzig Vertraute in ihrer jetzigen entwurzelten Situation seien: "Hier biete ich ihnen einen Gebetsraum, einen heiligen Raum, in dem sie ihre fünf täglichen Gebete verrichten können, wir beten gemeinsam. Das ist wichtig, um etwas Ruhe, Frieden und Trost in ihre Herzen zu bringen. 

US-Luftbrücke aus Afghanistan 

Während der "Operation Allies Refuge" sind bislang mehr als 135 Flugzeuge in Ramstein gelandet. Immer noch kommen Menschen hier an, die von der US-Luftwaffe von US-Militärbasen im Nahen Osten ausgeflogen werden. Die Evakuierungsmission ist eine der größten Luftbrücken in der Geschichte der USA.

Die Versorgung der Menschen, die nicht länger als zehn Tage in Ramstein bleiben, ist für die US-Luftwaffenangehörigen und viele weitere Beteiligte eine Herkules-Aufgabe. Mit kaum Vorbereitungszeit mussten bis heute mehr als 33.000 Menschen, darunter auch viele Familien mit kleinen Kindern, medizinisch betreut und mit Essen versorgt werden. Hinzu kamen die vielen Verletzten nach dem verheerenden Selbstmordanschlag in Kabul, die hier nach Ramstein ausgeflogen wurden.

Der Imam beschreibt die immense Arbeit auf dem Stützpunkt so: "Es ist, als ob wir ein kaputtes Flugzeug fliegen würden, das wir während des Flugs reparieren." 

Ein Zelt für den Ältestenrat 

Neben den elf Gebetszelten gibt es inzwischen auch ein Zelt für den sogenannten Ältestenrat. "Durch die Gespräche mit den Afghanen hier haben wir gemerkt, dass es Sinn macht, ein Zelt für einen sogenannten Ältestenrat zur Verfügung zu stellen. Hier sollen aktuelle Probleme aufgrund der Unterbringungssituation angesprochen werden", erklärt Mir Ali.  

Wer in dieses Gremium berufen wird, klären die Afghanen unter sich. Vor allem Männer, die älter als 50 sind, kämen dafür in Frage. Der Imam erzählt, dass der Ältestenrat als eine Art Sprachrohr tätig sei und zwischen dem US-Militär und den Flüchtlingen vermittelt, etwa Regeln des Militärs an die Afghanen kommuniziert, oder umgekehrt: Wünsche der Afghanen weitergibt, zum Beispiel die Bitte nach Halal-Lebensmitteln, also Lebensmitteln, die nach muslimischen Speisevorschriften zubereitet sind.

Ungewisse Zukunft 

Seelsorger Mir Ali und sein Team versuchen, den Menschen ein Gefühl von Sicherheit und Hoffnung zu vermitteln, bevor sie Ramstein wieder verlassen. Wenige hundert Meter neben der Zeltstadt liegt der Hangar 5 der Air Base. Hierhin kommen die Menschen, deren Weiterflug in die USA oder andere Länder unmittelbar bevorsteht.

Trotz der vielen Reisenden, die in dem provisorischen Terminal auf die Shuttle-Busse warten, die sie zu den Flugzeugen bringen, ist es hier erstaunlich ruhig. Viele Menschen sind in sich gekehrt, starren vor sich hin, denken mit Furcht an die vergangenen Wochen und blicken mit Bangen in eine ungewisse Zukunft. Die meisten haben kein Gepäck dabei, nur sich und die Hoffnung, dass alles gut wird.  

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 21. August 2021 um 09:00 Uhr.