Eine Erzieherin liest mit Zwillingen ein Buch in einer Kindertagesstätte | Bildquelle: dpa

Bildungsbarometer Ifo mahnt Chancengleichheit für Kinder an

Stand: 28.08.2019 15:57 Uhr

Bildung für alle, Kindergartenpflicht und kostenlose Kitas ab vier Jahren: Laut Ifo-Bildungsbarometer muss sich der Staat stärker um die Heranwachsenden kümmern. Die Reaktionen aus der Politik sind kontrovers.

Zwei von drei Deutschen sind für eine Kita-Pflicht für Kinder ab vier Jahren. Im heute vorgelegten Ifo-Bildungsbarometer sprachen sich 67 Prozent für eine solche Regelung aus.

Eine deutliche Mehrheit von 78 Prozent befürwortet außerdem, dass Kitas für Kinder ab vier kostenlos sein sollten.

Der SPD-Bildungsexperte Oliver Kaczmarek schloss eine Kita-Pflicht nicht grundsätzlich aus. Familien- und Bildungspolitiker anderer Parteien winkten dagegen ab.

Verschiedene Reformideen für das Bildungssystem

In der repräsentativen Umfrage des Ifo-Instituts wurden die Menschen nach ihrer Meinung zu verschiedenen Reformideen für das deutsche Bildungssystem mit Blick auf mehr Chancengleichheit für alle Kinder befragt. 71 Prozent der Deutschen sind generell der Meinung, der Staat sollte mehr Geld für Kinder aus schlechter gestellten Familien ausgeben, um die Chancengleichheit zu erhöhen.

Philipp Lergetporer vom Ifo Zentrum für Bildungsökonomik sagte, die Befragung habe gezeigt, dass es beim Thema Bildung eine große Reformbereitschaft in der Bevölkerung gebe. Von acht Reformvorschlägen, die man den Befragten zur Bewertung vorgelegt habe, seien sieben mehrheitsfähig.

Mehr Geld für Schulen, Lehrer und Studenten

So befürwortet eine Mehrheit neben der Kita-Pflicht und der kostenfreien Kinderbetreuung auch die Einführung von Ganztagsschulen, mehr Ausgaben für benachteiligte Schulen und höhere Lehrergehälter an sogenannten Brennpunktschulen.

Am meisten Zustimmung bekommt ein Ausbau von Stipendienprogrammen für einkommensschwache Studenten (83 Prozent).

Kritik an Idee einer Kindergartenpflicht

Der Bund will nach den Worten von Bildungsministerin Anja Karliczek (CDU) dem Ziel, "mehr Chancengerechtigkeit in der Bildung zu erreichen, in den nächsten Jahren näher kommen". Demnächst starte eine neue Initiative, um Schulen in sozial schwierigen Lagen besser zu fördern, erklärte Karliczek.

Die Idee einer Kindergartenpflicht wurde allerdings von Bildungs- und Familienpolitikern verschiedener Parteien umgehend abgelehnt. Marcus Weinberg von der CDU sagte der "Welt", er sei zwar der festen Überzeugung, dass ein Kind von Betreuung und früher Bildung in der Kindertagesstätte profitiere. Man habe aber die individuellen Lebensmodelle der Familien zu respektieren.

Auch die bildungspolitische Sprecherin der Grünen, Margit Stumpp, zeigte sich skeptisch: Bevor über eine Kita-Pflicht nachgedacht werde, müssten die jetzt schon fehlenden Plätze geschaffen, und es müsse in die Qualität investiert werden.

Die Einführung einer Kindergartenpflicht sei so überflüssig wie ein Kropf, sagte der AfD-Bildungspolitiker Götz Frömming.

Lob für "Gute-Kita-Gesetz"

Der bildungspolitische Sprecher der SPD, Oliver Kaczmarek, verwies auf das "Gute-Kita-Gesetz" der Regierung, über das in den kommenden Jahren 5,5 Milliarden Euro vom Bund für die Kitas bereitgestellt werden. "Sollten wir feststellen, dass sich trotz dieser Offensive Eltern gegen einen Kita-Besuch entscheiden und die Leistungsunterschiede zwischen den Kindern mit und ohne Kita-Besuch bestehen bleiben, müssten wir über weitere Schritte nachdenken und dürften dabei eine Kita-Pflicht nicht ausschließen", sagte Kaczmarek der "Welt".

Mit dem "Gute-Kita-Gesetz" traf die Bundesregierung in der Bevölkerung offensichtlich einen Nerv. "Was wir finden, ist dass über 80 Prozent dieses Gesetz befürworten", sagte Lergetporer. Das Erstaunliche sei, dass das Institut bei dieser Frage explizit darauf hingewiesen habe, dass das Budget aus Steuermitteln finanziert werde. "Und trotzdem finden wir so hohe Zustimmungsraten. Hier sehen wir die Mehrheit der Deutschen deutlich hinter dem Gesetz versammelt."

Mit Informationen von Kilian Pfeffer, ARD-Hauptstadtstudio

Über dieses Thema berichtete B5 Aktuell am 28. August 2019 um 16:20 Uhr.

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