Jonathan Linker vor seinem Elternhaus | HR
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tagesthemen mittendrin Was auf dem Land alles geht

Stand: 19.11.2020 12:46 Uhr

Boomende Großstadt, abgehängte Provinz? Von wegen. In Hessen wollen innovative Unternehmen zeigen, dass ein modernes Leben auch auf dem Land möglich ist. 

Von Jakob Schaumann, HR

Von der Burg Hohenburg oberhalb von Homberg Efze kann man große Teile des hessischen Schwalm-Eder-Kreises überblicken. Es ist eine Region, die seit vielen Jahren unter der Landflucht leidet. Viele junge Menschen ziehen nach der Schule weg und kommen meist nicht wieder.

Die "HOMEberger" wollen gegensteuern. Ihr Ziel: Zeigen, dass im Zeitalter der Digitalisierung die Unterschiede zwischen Stadt und Land an Bedeutung verlieren. "Wir wollen die Menschen in der Region dazu anregen, ihre Heimat selbstbewusster wahrzunehmen", sagt Initiator Jonathan Linker. Vom jungen Koch bis zum Smartphone-Entwickler, haben sich innovative Unternehmerinnen und Unternehmer zusammengetan, um einen nachhaltige Zukunft auf dem Land zu schaffen.

Ohne Strom aufgewachsen

Linker lebt mit seiner Frau, den zwei Kindern und einem weißen Schäferhund auf einem fast 100 Jahre alten Hof am Ortsrand von Frielendorf. Es ist sein Elternhaus. Mitte der 1980er-Jahre wächst er hier anfangs noch ohne Strom auf.

Nach der Schulzeit zieht es ihn wie viele junge Menschen in die Großstadt. Doch nach zehn Jahren in Frankfurt hat er genug von der Enge der Main-Metropole und entscheidet sich, zurück in seine ländliche Heimat zu ziehen. Mit der Geburt seiner Kinder beginnt Linker, über deren Zukunft nachzudenken und beschließt aktiv zu werden. "Ich wollte das Gefälle zwischen Stadt und Land auflösen. Statt zuzuschauen habe ich mich dazu entschlossen anzupacken."

Blick von der Burgruine auf das Gelände mit Teich | HR

Fernblick: Von der Burgruine aus kann man weite Teile des 16 Hektar großen Geländes überblicken. Bild: HR

Heimat modern gestalten

Auf einer Klausurtagung zum Thema "Kommunale Entwicklung" trifft er vor knapp drei Jahren einige Unternehmer aus der Region. Sie tauschen Nummern aus und merken schnell, dass sie alle eines gemeinsam haben. Sie wollen ihre Heimat nachhaltig und modern gestalten. "Kernidee des Konzepts war es, spannende Unternehmer nicht nur als wirtschaftliche Akteure zu zeigen, sondern auch als zufriedene Landbewohner, die sich hier zu Hause fühlen", so Linker.

Seit gut zwei Jahren gibt es nun die "HOMEberger". "Ich habe mit dem Netzwerk erst gelernt, was es in der Region alles gibt und wie ähnlich die Bedürfnisse sind."

Auf ihrer Homepage stellen sich die "HOMEberger" nicht einfach nur vor. Sie wollen mit der Initiative Vorbild für andere Regionen sein und so einen Anstoß für mehr Fortschritt auf dem Land geben.

Smartphones vom Dorf

So haben zum Beispiel Carsten und Samuel Waldeck etwas realisiert, das erstmal nach Utopie klingen mag. 2014 gründeten die beiden Brüder in Falkenberg "Shift". "Shift" baut keine gewöhnlichen Smartphones. Der Anspruch ist, so nachhaltig wie möglich zu produzieren. Dabei setzen sie auf faire Arbeitsbedingungen und verwenden größtenteils Rohstoffe aus zertifizierten Quellen. "Ich denke, wenn man ganz fest an etwas glaubt und viel Liebe reinsteckt, kann man einiges schaffen, auch auf dem Land", erzählt Carsten Waldeck. Der besondere Clou der "Shiftphones": Sie sind modular gebaut. Das bedeutet, dass alle Teile schnell und einfach austauschbar sind. Den Standort des Unternehmens sieht er als Vorteil: "Hier in der Region sind Immobilien noch erschwinglich, außerdem gibt es auf dem Land mehr Raum zur Entfaltung und die Natur bietet viel Ruhe und Entschleunigung."

Als Teil der "HOMEberger", wollen Carsten und Samuel Waldeck vor allem junge Menschen nach Nordhessen locken und zeigen, wie innovativ das Landleben sein kann.

Shiftphone in Verpackung | HR

Reparieren statt Entsorgen: "Shiftphones" sind nachhaltige Smartphones. Bild: HR

Landleben statt Sterneküche

Vom Anbau seines Restaurants blickt Moritz Zinn durch eine Panoramascheibe auf einen großen Naturteich. Den Entschluss, in die Heimat zurückzukehren, fasst der 27-jährige Koch schon in seiner Ausbildung. Er lernt in der Spitzengastronomie, doch in der Anonymität der Großstadt bekommt er schnell Heimweh. "Während meiner Ausbildung ist die Heimatliebe von Jahr zu Jahr gewachsen", sagt Zinn.

Gemeinsam mit seiner Familie wagt er 2014 einen mutigen Schritt. Im 250-Seelen-Dorf Wallenstein kaufen sie 16 Hektar Land. Restaurant, Campingplatz, Schwimmbad und Burgruine - alles hängt zusammen. So funktioniert auch das Modell Selbstständigkeit fernab der Großstadt. Als Gründungsmitglied der "HOMEberger" wurde ihm der Nutzen schnell klar. "Wir haben durch das Netzwerk rausgefunden, dass wir als Selbstständige auf dem Land alle ähnliche Probleme haben. Durch den regelmäßigen Austausch können wir uns deutlich besser unterstützen."

Tausch gegen ein Leben auf dem Land

Von der Großstadt in die nordhessische Provinz - das ist die Grundidee des "Summer of Pioneers". Wegen der Corona-Pandemie musste das Projekt abgesagt werden, doch nächsten Sommer soll es starten. Dann tauschen 20 Menschen ihre urbane Heimat für sechs Monate gegen ein Leben auf dem Land. Die Pioniere stellen ihre Kreativität in den Dienst der Gastregion und bekommen im Gegenzug eine Wohnung und einen gemeinsamen Coworking Space. Zusammen mit der Stadt Homberg und dem KoDorf-Netzwerk wollen die "HOMEberger" so Großstädter für das Landleben begeistern und hoffen, dass der eine oder andere Pionier für immer strandet.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 19. November 2020 um 22:15 Uhr.