"Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus" im Bundestag. | picture alliance/dpa

Holocaust-Gedenktag "Antisemitismus ist mitten unter uns"

Stand: 27.01.2022 12:10 Uhr

Mahnende Worte und eindringliche Appelle von Bundestagspräsidentin Bas und eine bewegende Schilderung der Holocaust-Überlebenden Auerbacher: Der Bundestag hat am Holocaust-Gedenktag an die NS-Opfer erinnert.

Bundestagspräsidentin Bärbel Bas hat anlässlich des Gedenktages für die Opfer des Nationalsozialismus dazu aufgefordert, sich heutiger Judenfeindlichkeit zu stellen. "Der Antisemitismus ist da", sagte die SPD-Politikerin in der Gedenkstunde des Parlaments zum Holocaust-Gedenktag. Er sei ein Problem der ganzen Gesellschaft und "mitten unter uns".

Bundestagspräsidentin Bärbel Bas | AFP

"Antisemitismus ist nicht hinnehmbar. Punkt.": Bundestagspräsidentin Bärbel Bas am Holocaust-Gedenktag. Bild: AFP

Bas: "Antisemitismus ist nicht hinnehmbar"

Gleichzeitig unterstrich die Parlamentspräsidentin: "Antisemitismus ist nicht hinnehmbar. Punkt." Feindlichkeit gegenüber Jüdinnen und Juden finde sich "nicht nur am äußersten Rand, nicht nur bei den ewig Unbelehrbaren und ein paar antisemitischen Trollen im Netz", führte sie weiter aus.

Bas forderte dazu auf, sich selbst zu hinterfragen, wie frei man wirklich von antijüdischen Klischees sei. Sie betonte die Bedeutung der Erinnerung an die Geschichte und forderte dazu auf, sie lebendig zu halten. Zudem plädierte sie für "Mut zur Intoleranz" gegenüber denjenigen, die zu Hass aufstacheln und die Verbrechen der Nazis relativieren.

Im Jahr 1996 hatte der damalige Bundespräsident Roman Herzog den Tag der Befreiung des NS-Konzentrationslagers Auschwitz durch die Rote Armee als Gedenktag proklamiert. Seitdem erinnert das Parlament rund um diesen Tag mit einer eigenen Veranstaltung an die Opfer der Verfolgung und Ermordung durch die Nationalsozialisten.

Holocaust-Überlebende wirbt für Versöhnung

Auch die Holocaust-Überlebende Inge Auerbacher appellierte im Bundestag an die Menschen in Deutschland, sich dem Antisemitismus entgegenzustellen. "Leider ist dieser Krebs wieder erwacht, und Judenhass ist in vielen Ländern der Welt, auch in Deutschland, wieder alltäglich", sagte sie: "Diese Krankheit muss so schnell wie möglich geheilt werden."

Auerbacher erzählte vor den Abgeordneten, wie sie wie durch ein Wunder mit ihren Eltern das Konzentrationslager Theresienstadt überlebte und nach Kriegsende nach New York auswanderte. Dort litt sie jahrelang unter Krankheiten als Folge der NS-Verfolgung. "Ich habe noch die grauenhafte Zeit des Schreckens und des Terrors in Erinnerung" sagte Auerbacher.

Die Holocaust-Überlebende Inge Auerbacher im Bundestag | dpa

Eindringliche Worte und Werben um Versöhnung: Die Holocaust-Überlebende Inge Auerbacher. Bild: dpa

Sie schloss ihre Rede mit den Worten: "Menschenhass ist etwas Schreckliches. Wir sind alle als Brüder und Schwestern geboren. Mein innigster Wunsch ist die Versöhnung aller Menschen." Die Vergangenheit dürfe nie vergessen werden.

Israels Parlamentspräsident Levy: "Nie wieder"

Neben Auerbacher sprach auch der israelische Parlamentspräsident Mickey Levy: Er betonte in seiner Rede die Notwendigkeit, nicht nachzulassen in der Erinnerungsarbeit. Dies verbinde Deutschland und Israel. 80 Jahre und sieben Tage reichten nicht, "um alle Wunden zu heilen", sagte Levy mit Blick auf die Wannseekonferenz am 20. Januar 1942, bei der die Nazis die Ermordung der europäischen Juden planten.

Der israelische Parlamentspräsident Mickey Levy spricht im Bundestag | AP

Nicht Nachlassen in der Erinnerungsarbeit, forderte der israelische Parlamentspräsident Levy in einer emotionalen Rede. Bild: AP

Aus der Erinnerung müsse auch eine Vision geschaffen werden. Es gehe darum, die Generation der Enkel, Urenkel und alle, die nach ihnen kommen, zusammenzubringen. "Die ewig ernste Mahnung des Holocaust an den Juden Europas lautet: Nie wieder. Nie wieder", sagte Levy. Er dankte der früheren Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) für ihre Verdienste um die Beziehungen zu Israel. Abschließend gedachte er mit Tränen in den Augen in einem Gebet der Opfer des Holocaust.

Zu den Teilnehmern der Gedenkveranstaltung im Bundestag gehörten auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Bundeskanzler Olaf Scholz, Bundesratspräsident Bodo Ramelow und der Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Stephan Harbarth.

Zuvor hatten sie im Stelenfeld des Denkmals für die ermordeten Juden Europas in Berlin Kränze niedergelegt. Bereits am Mittwoch besuchte Steinmeier die brandenburgische KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen.

Kranzniederlegung am Holocaust-Denkmal am Holocaust-Gedenktag | REUTERS

Kranzniederlegung am Holocaust-Denkmal: Bundesverfassungsgerichtspräsident Stephan Harbarth, Bundestagspräsidentin Bärbel Bas, Israels Parlamentspräsident Mickey Levy, Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Bundeskanzler Olaf Scholz und Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (v.l.n.r) Bild: REUTERS

Scholz: Erinnerung nicht verblassen lassen

Scholz rief nach Angaben seines Regierungssprechers Steffen Hebestreit dazu auf, die Erinnerung an die Verbrechen der Nationalsozialisten nicht verblassen zu lassen. "Das schulden wir den Ermordeten." Auch weitere Mitglieder der Bundesregierung und andere Spitzenpolitikerinnen und -politiker gedachten der NS-Opfer.

Mahnungen des Antisemitismus-Beauftragten

Der Antisemitismus-Beauftragte Felix Klein forderte neue Ansätze, um die Erinnerung an die NS-Verbrechen wachzuhalten. "Sie darf nicht in Formeln und Ritualen erstarren, und sie sollte nicht nur den Kopf ansprechen, sondern auch das Herz und die Emotionen“, sagte Klein der Nachrichtenagentur dpa. Empathie sei entscheidend in "Zeiten der Verrohung und der Shoa-Relativierungen".

Zentralrat fordert Taten

Der Zentralrat der Juden hatte anlässlich des Holocaust-Gedenktages die schnelle Verabschiedung eines Demokratiefördergesetzes gefordert. Dies sei nötig, um das zivilgesellschaftliche Engagement gegen Antisemitismus zu fördern, erklärte der Zentralrat. Zudem müssten in allen Bundesländern Antisemitismus-Beauftragte bei den Staatsanwaltschaften eingesetzt werden.

Mehrere bundesweite Aktionen

Anlässlich des Holocaust-Gedenktages finden mehrere Veranstaltungen statt - unter anderem die bundesweite Aktion #LichterGegenDunkelheit, bei der Gedenk- und Bildungsstätten beleuchtet werden. Die Aktion will ein Zeichen gegen Rassismus und Antisemitismus setzen.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 27. Januar 2022 um 12:00 Uhr.