Überlebende Holocaust-Opfer legen Kränze an der "Todesmauer" im ehemaligen nationalsozialistischen deutschen Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz ab | Bildquelle: REUTERS

Holocaust-Gedenktag "Unsere Erinnerungskultur bröckelt"

Stand: 27.01.2019 13:07 Uhr

Immer weniger Zeitzeugen können von den NS-Verbrechen berichten. Außenminister Maas fordert daher neue Ansätze des Erinnerns. Kanzlerin Merkel warnte, Antisemitismus sei nach wie vor eine Gefahr in der Gesellschaft.

Anlässlich des Holocaust-Gedenktages hat Bundesaußenminister Heiko Maas für neue Ansätze geworben, um sich mit den Verbrechen zur Zeit des Nationalsozialismus auseinanderzusetzen. In einem Gastbeitrag für die "Welt am Sonntag" betonte der SPD-Politiker, dass der Zeitpunkt näher rücke, an dem Zeitzeugen nicht mehr vom NS-Unrecht berichten könnten.

Orte des Erinnerns und des Lernens

Darum sei es wichtig, dass "unsere Gedenkkultur" sich daran anpasst, forderte Maas: "Was wir jetzt brauchen, sind neue Ansätze, um historische Erfahrungen für die Gegenwart zu nutzen. Unsere Geschichte muss von einem Erinnerungs- noch stärker zu einem Erkenntnisprojekt werden." Orte des Erinnerns müssten gleichzeitig Orte des Lernens werden, denn:

"Wer heute geboren ist, für den ist etwa die Pogromnacht zeitlich genauso weit entfernt wie bei meiner Geburt ein Reichskanzler Bismarck. Das verändert das Gedenken, schafft mehr Distanz."

"Unsere Erinnerungskultur bröckelt", warnte Maas weiter, sie stehe "unter Druck von extremen Rechten". Umso gefährlicher sei das Unwissen gerade der jungen Deutschen, das eine CNN-Erhebung offenbart habe:

"40 Prozent wissen nach eigener Einschätzung kaum etwas über den Holocaust. Das sind schockierende Zahlen, die wir nicht tatenlos hinnehmen dürfen. Wir müssen die Geschichten der Menschen bewahren, die aus eigenem Erleben von dem Unfassbaren berichten können."

Mit Blick auf die Digitalisierung schreibt Maas, was einst am Stammtisch geraunt worden sei, "wird nun mit einem Klick für alle Welt öffentlich". Hass könne sich schneller verbreiten und in Hetze und schlimmstenfalls Gewalt münden.

"Null Toleranz" gegen "Rassenwahn"

Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel hat in ihrem wöchentlichen Video-Podcast dazu aufgerufen, Antisemitismus und Hass nicht einfach hinzunehmen.

"Dieser Tag lässt uns daran erinnern, was Rassenwahn, Hass und Menschenfeindlichkeit anrichten können."

Jeder Einzelne in der Gesellschaft habe die Aufgabe und auch die Verantwortung, dagegen "null Toleranz zu zeigen. Antisemitismus zeige sich durch Hass auf Juden durch die hiesige Bevölkerung, aber auch durch zugewanderte Muslime, sagte Merkel. Sie verwies auf das 2018 geschaffene Amt des Beauftragten der Bundesregierung für den Kampf gegen Antisemitismus und auf die geplante bundesweite Meldestelle für judenfeindliche Übergriffe.

Berlin-Schöneberg gedenkt jüdischen Holocaust-Opfern ihres Stadtviertels
tagesschau 20:00 Uhr, 27.01.2019, Griet von Petersdorff, RBB

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Knobloch fordert "Aufschrei" von Politik und Gesellschaft

Der Judenhass habe wieder zugenommen, sagte die Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Charlotte Knobloch, der "Passauer Neuen Presse". "Wir erleben ihn von allen Seiten - von der politischen Linken, von Rechtsextremen wie der AfD und von Muslimen, die den Judenhass mit einer Israelfeindlichkeit verbinden."

Es fehle immer noch der "große gesellschaftliche Widerstand", monierte die ehemalige Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland und forderte einen "Aufschrei der gesellschaftlichen und politischen Institutionen" gegen einen wachsenden Antisemitismus in Europa und speziell in Deutschland.

Der Exekutiv-Vizepräsident des Internationalen Auschwitz Komitees, Christoph Heubner, äußerte die Sorge, dass das gesellschaftliche Klima nicht nur mit "antisemitischem Hass vergiftet" werde: "An die Stelle von Empathie und Toleranz tritt Abgrenzung, Neid und aggressiver Hass", so Heubner.

Der 27. Januar ist der Internationale Holocaust-Gedenktag. An dem Tag wird der sechs Millionen ermordeten europäischen Juden gedacht, der Sinti und Roma, der Zwangsarbeiter und der vielen anderen Opfer des Nationalsozialismus. Am 27. Januar 1945 hatten sowjetische Soldaten die Überlebenden des Vernichtungslagers Auschwitz befreit. Das Lager steht symbolhaft für die NS-Verbrechen.

Auch der Bundestag erinnert jährlich in einer Gedenkstunde an die Opfer. Sie findet diesmal am kommenden Donnerstag statt.

Holocaust-Gedenktag: Außenminister Maas warnt vor Bröckeln der Erinnerung
Frank Aischmann, ARD Berlin
27.01.2019 11:44 Uhr

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Über dieses Thema berichtete MDR aktuell am 26. Januar 2019 um 13:09 Uhr.

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