Eingang zum Vernichtungslager Auschwitz | Bildquelle: AP

Merkel zum Holocaust-Gedenktag "Null Toleranz gegen Antisemitismus"

Stand: 27.01.2019 02:48 Uhr

Anlässlich des Gedenktags für die Opfer des Nationalsozialismus appelliert Kanzlerin Merkel an jeden Einzelnen, Antisemitismus, Hass und Rassenwahn nicht zu tolerieren.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat anlässlich des Holocaust-Gedenktags dazu aufgerufen, keinerlei Toleranz gegenüber Antisemitismus und Hass zu zeigen. "Dieser Tag lässt uns daran erinnern, was Rassenwahn, Hass und Menschenfeindlichkeit anrichten können", sagte Merkel in ihrem wöchentlichen Video-Podcast. Jeder Einzelne in der Gesellschaft habe die Aufgabe, "auch Verantwortung dafür zu tragen, dass wir null Toleranz gegen Antisemitismus, Menschenfeindlichkeit, Hass und Rassenwahn zeigen". "Und das ist leider in unserer heutigen Zeit wieder von großer Dringlichkeit."

Antisemitismus zeige sich durch Hass auf Juden durch die hiesige Bevölkerung, aber auch durch zugewanderte Muslime, sagte Merkel. Sie verwies auf das 2018 geschaffene Amt des Beauftragten der Bundesregierung für den Kampf gegen Antisemitismus und auf die geplante bundesweite Meldestelle für judenfeindliche Übergriffe.

Angela Merkel spricht im Bundestag | Bildquelle: REUTERS
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Der Gedenktag ist Mahnung gegen Hass und Rassenwahn, sagte die Kanzlerin.

Knobloch fordert "Aufschrei" von Politik und Gesellschaft

Der Judenhass habe wieder zugenommen, sagte die Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Charlotte Knobloch, der "Passauer Neuen Presse". "Wir erleben ihn von allen Seiten - von der politischen Linken, von Rechtsextremen wie der AfD und von Muslimen, die den Judenhass mit einer Israelfeindlichkeit verbinden."

Es fehle immer noch der "große gesellschaftliche Widerstand", monierte die ehemalige Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland und forderte einen "Aufschrei der gesellschaftlichen und politischen Institutionen" gegen einen wachsenden Antisemitismus in Europa und speziell in Deutschland.

Der Exekutiv-Vizepräsident des Internationalen Auschwitz Komitees, Christoph Heubner, äußerte die Sorge, dass das gesellschaftliche Klima nicht nur mit "antisemitischem Hass vergiftet" werde: "An die Stelle von Empathie und Toleranz tritt Abgrenzung, Neid und aggressiver Hass", so Heubner.

Maas: "Erinnerungskultur bröckelt"

Außenminister Heiko Maas warb für neue Ansätze in der Auseinandersetzung mit NS-Verbrechen. Erinnerungsorte müssten auch Lernorte sein, schrieb der SPD-Politiker in einem Gastbeitrag für die "Welt am Sonntag". "Wer heute geboren ist, für den ist etwa die Pogromnacht zeitlich genauso weit entfernt wie bei meiner Geburt ein Reichskanzler Bismarck. Das verändert das Gedenken, schafft mehr Distanz."

Der Zeitpunkt rücke näher, an dem Zeitzeugen nicht mehr vom NS-Unrecht berichten könnten, schrieb Maas. "Unsere Gedenkkultur muss sich daran anpassen. (...) Was wir jetzt brauchen, sind neue Ansätze, um historische Erfahrungen für die Gegenwart zu nutzen. Unsere Geschichte muss von einem Erinnerungs- noch stärker zu einem Erkenntnisprojekt werden."

Der Minister warnt: "Unsere Erinnerungskultur bröckelt, sie steht unter Druck von extremen Rechten." Umso gefährlicher sei das Unwissen gerade der jungen Deutschen, das eine CNN-Erhebung offenbart habe. "40 Prozent wissen nach eigener Einschätzung kaum etwas über den Holocaust. Das sind schockierende Zahlen, die wir nicht tatenlos hinnehmen dürfen. Wir müssen die Geschichten der Menschen bewahren, die aus eigenem Erleben von dem Unfassbaren berichten können."

Mit Blick auf die Digitalisierung schreibt Maas, was einst am Stammtisch geraunt worden sei, "wird nun mit einem Klick für alle Welt öffentlich". Hass könne sich schneller verbreiten und in Hetze und schlimmstenfalls Gewalt münden.

"Gedenken neu gestalten"

Der 27. Januar ist der Internationale Holocaust-Gedenktag. An dem Tag wird der sechs Millionen ermordeten europäischen Juden gedacht, der Sinti und Roma, der Zwangsarbeiter und der vielen anderen Opfer des Nationalsozialismus. Am 27. Januar 1945 hatten sowjetische Soldaten die Überlebenden des Vernichtungslagers Auschwitz befreit. Das Lager steht symbolhaft für die NS-Verbrechen.

Auch der Bundestag erinnert jährlich in einer Gedenkstunde an die Opfer. Sie findet diesmal am kommenden Donnerstag statt. Merkel bezeichnete den Gedenktag als "ein Tag der Mahnung, damit sich so etwas niemals wiederholt." In Zukunft werde es darauf ankommen, Gedenken neu zu gestalten, weil die Zeitzeugen immer weniger werden.

Holocaust-Gedenktag: Außenminister Maas warnt vor Bröckeln der Erinnerung
Frank Aischmann, ARD Berlin
27.01.2019 11:44 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Inforadio am 26. Januar 2019 um 13:03 Uhr.

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