Stahlknecht Vertrauensfrage | Bildquelle: dpa

Stahlknecht entlassen Der Sturz des Kronprinzen

Stand: 04.12.2020 19:35 Uhr

Jahrelang gab es für Holger Stahlknecht nur eine Richtung: nach oben. Vielen galt der Innenminister und CDU-Landeschef bereits als Nachfolger von Ministerpräsident Haseloff in Sachsen-Anhalt. Jetzt stürzt er über ein Interview.

Das Einstecktuch, das Gespür und jedes Wort sitzt: So trat Innenminister Holger Stahlknecht stets auf. Nichts schien zwischen ihm und der Kür zum nächsten CDU-Spitzenkandidaten zu stehen - außer er selbst.

CDU-Landeschef mit großer Zustimmung

Eine Zeit lang scheint Stahlknecht alles zu gelingen. Besonnen managt er mit seinem Krisenstab das Jahrhunderthochwasser von 2013. Er gibt bundesweite Interviews, duelliert sich mit der AfD im Landtag und bekommt viel Anerkennung. Vor zwei Jahren wird er mit 85 Prozent Zustimmung und langem Applaus zum CDU-Landeschef gewählt. Damit gilt er als ausgemachter Nachfolger für Ministerpräsident Reiner Haseloff.

Die Oper ist dem 56-Jährigen näher als das Bierzelt, er raucht Pfeife, schwärmt von Klavier- und Jazzabenden - und bleibt den geselligen Stammtischrunden von Fraktion und Basis lieber fern. Für manche in der CDU ist er immer noch ein Westdeutscher - er stammt ja aus Hannover. Doch schon Anfang der 1990-Jahre kam Stahlknecht als junger Wirtschaftsstaatsanwalt nach Sachsen-Anhalt. Und er blieb. Er ist verheiratet, hat zwei Söhne und als passionierter Jäger auch mehrere Hunde.

Vom Staatsanwalt zum Innenminister

Stahlknecht war viele Jahre Bürgermeister seines kleinen Heimatortes Wellen in der Börde - zu Beginn noch parteilos. Es hätten alle Parteien darum geworben, dass er ihr Parteibuch nehme, erzählte Stahlknecht einmal. Er entscheidet sich für das der Christdemokraten und macht schnell Karriere. Im Jahr 2002 hängt er den Job des Staatsanwalts an den Nagel und wechselt als Abgeordneter in den Landtag, vier Jahre später ist er Vize-Fraktionschef, fünf weitere Jahre später Innenminister.

Schon vor der Landtagswahl 2016 ermutigt ihn mancher, gegen Haseloff anzutreten, um CDU-Spitzenkandidat zu werden. Jetzt, vier Jahre später, hätte Stahlknecht wohl auch gern gewollt. Im Juni 2021 wird in Sachsen-Anhalt gewählt. Doch seinen Ambitionen machte Amtsinhaber Haseloff kürzlich einen Strich durch die Rechnung, als er verkündete, für eine dritte Amtszeit als CDU-Spitzenkandidat anzutreten. Stahlknecht lässt es nicht auf einen offenen Machtkampf ankommen, sondern lässt dem Amtsinhaber den Vortritt.

Holger Stahlknecht | Bildquelle: dpa
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Viele sagten ihm Ambitionen auf das Amt des Ministerpräsidenten nach.

Zunehmende Kritik

Zumal Stahlknecht auch nicht mehr unumstritten war, insbesondere in der wackeligen Koalition mit SPD und Grünen. Die Kritik an der fehlenden Polizeipräsenz vor der Synagoge beim Terroranschlag von Halle, das Rumeiern der Landes-CDU beim Umgang mit einem Kreis-Vorstand mit Neonazi-Tattoo und die gescheiterte Berufung des Polizeigewerkschafters Rainer Wendt sind nur die auffälligsten Beispiele.

Als in der Corona-Krise in vielen Bundesländern die Krisenstäbe der Regierungen unter Führung der Innenminister starten, bleibt Stahlknecht nahezu unsichtbar. Stattdessen übernimmt Haseloff erst selbst die Führung in der Krise - und dann auch die erneute Spitzenkandidatur für die Landtagswahl 2021.

Wollte er Haseloff ausstechen?

Doch seit heute sitzt Stahlknecht nicht mehr auf der Wartebank, sondern im politischen Abseits. Denn ausgerechnet mit einem nicht abgesprochenen Interview mitten in der brenzligsten Phase des verfahrenen Koalitionsstreits zum Rundfunkbeitrag meldete er sich zu Wort. Nicht wenige werten das als Versuch, Haseloff doch noch auszustechen und Ministerpräsident zu werden. Der Versuch geht nach hinten los. Haseloff entlässt seinen Innenminister. Begründung: schwer gestörtes Vertrauensverhältnis. Nun hat Stahlknecht auch seinen Rücktritt vom Amt des CDU-Landesvorsitzenden bekannt gegeben.

Quelle: dpa

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 04. Dezember 2020 um 14:24 Uhr.

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