Mitten in einer verschlammten Straße voller Trümmer in Ahrweiler steht nach der Hochwasserkatastrophe im Juli 2021 eine Flasche mit einem Blumenstrauß. | EPA

Hochwasserkatastrophe "Eine noch nie erlebte Ausnahme"

Stand: 22.07.2021 21:28 Uhr

Nach der Hochwasserkatastrophe zeigt sich auch die Politik noch schockiert. Finanzielle Hilfe wird auf den Weg gebracht, und gleichzeitig reißen die Fragen nicht ab, ob nicht im Voraus schon mehr hätte getan werden können.

Auch Tage nach der Zerstörung durch Hochwasser und Überschwemmungen in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen ist das Ausmaß der Katastrophe noch schwer fassbar.

"Die Situation ist eine solche Ausnahme, die die Bundesrepublik noch nicht erlebt hat", fasste es der rheinland-pfälzische Innenminister Roger Lewentz zusammen. Mehr als 170 Menschen kamen durch das Unglück ums Leben. Zuletzt hatten die Rettungskräfte in Euskirchen in Nordrhein-Westfalen mitgeteilt, am Mittwoch ein weiteres Todesopfer geborgen zu haben.

Mit Blick auf den besonders schwer von der Katastrophe betroffenen Kreis Ahrweiler sagte Lewentz, es sei alles zusammengekommen, "was an ungünstigen Umständen überhaupt zustande kommen konnte".

"Außerhalb jeder Vorstellungskraft"

Auch die Bundestagsabgeordnete Mechthild Heil, deren Wahlkreis in Ahrweiler liegt, sprach von einer Situation, die "außerhalb jeder Vorstellungskraft" gelegen habe. Viele Bewohner der Region seien traumatisiert von den Erlebnissen der vergangenen Tage. "Einige von ihnen mussten mit ansehen, wie Menschen ertrinken", so Heil.

Neben Gebäuden wurden auch Infrastruktur, Strom- und Trinkwasserversorgung teilweise komplett zerstört. Schätzungen deutscher Versicherer zufolge belaufen sich die Schäden in Milliardenhöhe.

Wurde Bevölkerung nicht rechtzeitig alarmiert?

Umso lauter wurde in den vergangenen Tagen die Frage, ob in den betroffenen Regionen rechtzeitig vor der Gefahr gewarnt wurde. Bereits Anfang der Woche hatte der Leiter des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK), Armin Schuster, sich der aufkommenden Kritik entgegengestellt. Das Warnsystem seiner Behörde habe funktioniert. Vor Ort seien Landkreise und Kommunen zuständig.

Ähnlich äußerte sich nun ein Sprecher des nordrhein-westfälischen Innenministeriums. Für die "Organisation der Schadensabwehr bei Großeinsatzlagen und Katastrophen" seien Landräte und Oberbürgermeister zuständig. Und die hätten alle zum gleichen Zeitpunkt die Unwetterwarnungen des Deutschen Wetterdienstes erhalten. Ministeriumschef Herbert Reul hatte sich zuvor klar hinter die Kreise und Kommunen gestellt. Ihm sei kein Fall bekannt, "wo auf Grund zu später Evakuierung Schaden entstanden ist". Doch zum Teil hätten die Anwohner die herausgegebenen Warnungen nicht ernst genug genommen.

Warnung teils nicht über alle Kanäle veröffentlicht

Doch nicht alle Landkreise haben ihre Anwohner vor dem Unwetter auf die gleiche Art und Weise gewarnt. Ein Beispiel: In Ahrweiler wurde eine Meldung über die sogenannte Katwarn-App herausgegeben. Hinter der App stehen die öffentlichen Versicherer und das Fraunhofer-Institut. Über die NINA-App vom BBK wurde über die lokalen Behörden jedoch keine Warnung rausgeschickt.

Das BBK betonte dazu: Ob und mit welchem Inhalt über das System eine Warnung ausgelöst und dann über die Warn-App NINA ausgespielt werde, entschieden die Kommunen und Kreise eigenständig. Diese könnten zusätzlich auch eigene vor Ort vorhandene Warnmittel wie Sirenen oder kommerzielle Warn-Apps verwenden.

Doch teilweise seien die Sirenen durch die Lautstärke der Wassermassen gar nicht zu hören gewesen, sagte dazu Lewentz. Außerdem würden alle denken, die Feuerwehr werde alarmiert, wenn eine Sirene ertönt. Zudem sei diese Form des Alarms teilweise nicht mehr an die moderne Bauweise angepasst, etwa an doppelt verglaste Fenster, durch die der Sirenenton nicht so leicht dringt.

Um in Zukunft eine eventuell zu späte Warnung vor Katastrophen wie dem Hochwasser zu vermeiden, will Nordhrein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet einem Bericht der "Bild" zufolge schnellstmöglich auch auf Informationen per SMS setzen. Die dafür notwendige Technologie "Cell Broadcasting" solle notfalls auch im Alleingang in seinem Bundesland etabliert werden.

Soforthilfen für Betroffene beschlossen

Das nordrhein-westfälische Landeskabinett beschloss am Donnerstag in einer Sondersitzung Soforthilfen über 200 Millionen Euro bereitzustellen. Zuvor hatte auch der Bund Soforthilfen über die selbe Summe beschlossen.

Laut Laschet sollen die Hilfen an vier Gruppen ausgezahlt werden: Privatbürger, Wirtschaft, Landwirte und Kommunen. Anträge könnten ab sofort gestellt werden. Wie auch in Rheinland-Pfalz können Privathaushalte vorerst eine Summe von bis zu 3500 Euro erhalten. Bedürftigkeits-, Vermögens- und Detailprüfungen werde es nicht geben, sicherte Laschet zu.

Am Wochenende drohen neue Gewitter

Die Hochwasserlage hatte sich zuletzt in beiden Bundesländern wieder etwas entspannt. Nun blickt der Deutsche Wetterdienst mit Sorge auf das kommende Wochenende. Gewitter könnten erneut Starkregen mit sich bringen. Angesichts der noch nassen Böden birgt das die Gefahr, dass neue Regenfälle nicht von der Erde aufgenommen werden und Flüsse erneut anschwellen könnten.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 22. Juli 2021 um 22:15 Uhr.