Luftaufnahme der Gemeinde Insul im Ahrtal. | dpa

Hochwasser im Ahrtal Warum kam die Warnung so spät?

Stand: 29.07.2021 14:54 Uhr

Zwei Wochen nach den verheerenden Überschwemmungen im Ahrtal fragen sich viele Menschen, wie es zu dieser Katastrophe kommen konnte. Warum wurden die Anwohner nicht früher gewarnt?

Von Iris Völlnagel, SWR

Zwei Wochen nach der Hochwasserkatastrophe im Ahrtal läuten in vielen Orten die Kirchenglocken. Über Twitter hat Landrat Jürgen Pföhler alle Bürgerinnen und Bürger des Kreises Ahrweiler aufgerufen, für zehn Minuten innezuhalten und gemeinsam der Opfer zu gedenken.

Iris Völlnagel

14 Tage sind vergangen seit der Nacht, die das Leben in der Region einschneidend verändert hat. Um 19.50 Uhr am 14. Juli 2021 ahnten viele noch nicht, welche Katastrophe sie erwartete.

Hätten Tote verhindert werden können?

Längst stellen sich viele Menschen auch die Frage: Hätte die Katastrophe verhindert werden können, zumindest die Toten? Allein in Rheinland-Pfalz sind 134 Menschen ums Leben gekommen, 766 Menschen wurden verletzt und 73 werden noch immer vermisst.

"Glauben sie mir, wie oft ich darüber nachdenke", wird der rheinland-pfälzische Innenminister Roger Lewentz Tage nach dem Unglück immer wieder zitiert. Natürlich hätte man evakuieren können, aber das sei nicht seine Entscheidung gewesen, sondern die des Kreises.

"Nur der Landrat und der zuständige Brand- und Katastrophenschutzinspekteur hätten das aus der Erfahrung von 2016 wissen können", so der Innenminister gegenüber der Presse.

Eine Katastrophe mit Ansage?

2016 war das letzte Hochwasser, aber nicht das einzige. Damals stieg das Wasser der Ahr von normal 90 Zentimetern auf 3,79 Meter. Zahlreiche Keller, Straßen und Brücken waren überschwemmt. Die Folgen waren verheerend. Doch sollte es dieses Mal schlimmer kommen.

Bereits am 8. Juli 2021 - sechs Tage vor der Katastrophe - hatte das Europäische Hochwasserwarnsystem eine hohe Wahrscheinlichkeit von Überschwemmungen vorausgesagt. Am 12. Juli 2021 informiert der Deutsche Wetterdienst (DWD) mehr als 100 Kontakte in Rheinland-Pfalz, darunter Kreisverwaltungen und Feuerwehren. Am nächsten Tag verstärkt der DWD seine Warnung: "Die nächsten Tage haben es in sich."

Am späten Nachmittag des 14. Juli gegen 17.17 Uhr misst der Pegel der Ahr 2,78 Meter. Das Landesamt für Umwelt ruft die höchste Warnstufe aus. Um 17.40 Uhr trifft sich der Krisenstab um den Landrat in der Kreisverwaltung in Bad Neuenahr-Ahrweiler. Gegen 19.30 Uhr verlässt Innenminister Lewentz den Krisenstab. Tage später wird er sagen, zu dem Zeitpunkt hatte er den Eindruck, alles sei vorbereitet. Es seien dort erfahrene Leute, die auch das Hochwasser 2016 bewältigt hatten.

Schlüsselmoment um 19.09 Uhr

Um 19.09 Uhr sei für ihn ein Schlüsselmoment gewesen, erzählt Landrat Jürgen Pföhler später einer Zeitung. Zu dem Zeitpunkt habe der DWD seine Prognose für den Pegel Altenahr kurzzeitig von fünf auf gut vier Meter herunterkorrigiert. "Das muss man wissen", so der Landrat. Allerdings korrigierte der DWD die Ansage rasch wieder. Eine Korrektur, die bei den Verantwortlichen des Krisenstabs offenbar nicht ankam.   

Kurz nach 20 Uhr kündigt das Mainzer Landesamt für Umwelt (LfU) für die frühen Morgenstunden am nächsten Tag eine Flutwelle von sieben Metern an. Um 20.56 Uhr twittert der Kreis Ahrweiler, dass es Hochwasser und Starkregen an der Ahr gebe. Der aktuelle Pegelstand sei 5,09 Meter. Mit weiteren Sturzfluten sei zu rechnen.

Eine Leserin schreibt mit Verweis auf die Daten des LfU: "575cm größer als ein Jahrhunderthochwasser!" Wie hoch die Flutwelle tatsächlich kam, lässt sich später nur in Computermodellen nachzeichnen, denn gegen 20.45 Uhr wurde der Pegel beim Stand von 5,75 Meter aus den Fluten weggerissen.

Verzweifelte Hilferufe von Nachbarn

Dennoch vergehen mehr als zwei Stunden bis um 23.09 Uhr die Anwohner entlang der Ahr die Aufforderung bekommen, 50 Meter rechts und links des Flusses ihre Häuser zu räumen. Viel zu spät, sagen die Bewohner von Bad Neuenahr-Ahrweiler. Zu diesem Zeitpunkt hören sie schon längst die verzweifelten Hilferufe von Nachbarn. Nicht alle werden sie später lebend wiedersehen.

Am Tag nach der Katastrophennacht spricht Landrat Pföhler von einer "absoluten Katastrophe". Die Konzentration liege nun darauf, Menschen zu retten und Bergungen vorzunehmen. Dann ist er für zehn Tage nicht zu sehen.

Schlamm auf der Straße vor dem Kurhaus in Bad Neuenahr | dpa

Das Kurhaus in Bad Neuenahr im Ahrtal - nach der Katastrophe. Bild: dpa

"Gegenseitige Schuldzuweisungen helfen nicht"

Die Landesbehörden übernehmen auf Bitten des Kreises die Einsatzleitung vor Ort. Am 26. Juli 2021 äußert sich Pföhler in einem Interview mit der Rhein-Zeitung: "In dieser Situation sage ich ganz klar: Gegenseitige Schuldzuweisungen helfen uns überhaupt nicht weiter." Und: "Nach meinem Eindruck reagierten alle zuständigen Behörden, der DWD, der Hochwassermeldedienst Rheinland-Pfalz, der Kreis Ahrweiler und alle Katastrophenschutzeinheiten unverzüglich und warnten die Bevölkerung zu unterschiedlichen Zeitpunkten." Was sich dann entwickelt habe, sei eine Ausnahmesituation gewesen, so der Landrat.

Bei der Frage, wer wann hätte wie agieren müssen, gehe es nicht um Schuldzuweisung, sagen auch viele Anwohner und Helfer an der Ahr. Trotzdem sei der Wunsch da, zu erfahren, warum es so lange dauerte, bis der Evakuierungsaufruf kam. Nur so lasse sich für mögliche künftige Katastrophen daraus lernen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 29. Juli 2021 um 09:10 Uhr.