Ein völlig zerstörtes Haus am Ortseingang von Altenahr (Rheinland-Pfalz) | dpa

Nach der Hochwasserkatastrophe Immer noch viele Menschen vermisst

Stand: 28.07.2021 14:59 Uhr

Nach der Flutkatastrophe werden in Rheinland-Pfalz immer noch 73 Menschen vermisst, mindestens 134 haben dort ihr Leben verloren. In Nordrhein-Westfalen gibt es keine Vermissten mehr, dort starben 47 Menschen.

Fast zwei Wochen nach der Hochwasserkatastrophe ist der Verbleib einiger Menschen immer noch ungewiss. Mindestens 134 Menschen haben in den Fluten in Rheinland-Pfalz ihr Leben verloren, dort werden nach wie vor 73 Menschen vermisst. In den betroffenen Gebieten Nordrhein-Westfalens werden keine Menschen mehr vermisst, sagte Innenminister Herbert Reul. Es seien 47 Todesopfer zu beklagen.

Zwischen Hoffnung und Ohnmacht

Den Gefühlszustand der Angehörigen, die knapp zwei Wochen nach den verheerenden Regenfällen keine Gewissheit haben, was mit ihren Lieben passiert ist, beschreibt der katholische Notfallseelsorger Zenon Szelest mit zwei Worten: Hoffnung und Ohnmacht. Es würde ihnen nur Gewissheit helfen, sagen die Experten.

"Zunächst sind die Angehörigen bemüht, aktiv zu werden", sagt der Diakon aus Köln. Sie würden zum Beispiel selbst losziehen und Einsatzkräfte, Nachbarn und Passanten auf den Vermissten ansprechen. "Dann kommt aber die große Hilflosigkeit." In Ahrweiler, Schleiden und anderen Orten habe das Wasser alles mitgerissen. "Da können sie nicht viel machen. Das Einzige, was noch bleibt, ist die Vorstellung, dass die vermissten Menschen noch am Leben sind."

Identifizierung der Toten schwierig

Derzeit gebe es viel Informationsaustausch und Hoffnung in den Flutgebieten, beobachtet Szelest. Im Laufe der Zeit würden aber immer weniger Nachrichten kommen, Aussagen von Befragten widersprächen einander. "Dann wird es natürlich sehr schlimm." Umso wichtiger sei es, dass die Leichen identifiziert würden. Erst wenn die Angehörigen Gewissheit hätten, könne der Verarbeitungsprozess beginnen. "Die Hoffnung, dass die Menschen am Leben sind, blockiert das Trauern", sagt der Geistliche.

Die Identifizierung der Toten gestaltet sich allerdings schwierig. Fingerabdrücke, Zahnproben oder DNA-Abstriche müssten mit Vergleichsmaterial der Verstorbenen abgeglichen werden, sagte der rheinland-pfälzische Innenminister Roger Lewentz (SPD) der ARD. "Wenn allerdings auch viele Häuser weggerissen sind, in denen diese Menschen gelebt haben, ist das ein sehr aufwendiges Verfahren."

In Nordrhein-Westfalen keine Vermissten mehr

In Nordrhein-Westfalen ist die Lage anders, dort werden keine Menschen mehr vermisst. Das sagte Innenminister Herbert Reul im Landtags-Innenausschuss. Es seien 47 Todesopfer zu beklagen. Nach bisherigen Erkenntnissen wurden 23 Menschen vermutlich auf der Straße von den Wassermassen erfasst und in den Tod gerissen, wie Reul berichtete. Vier Verstorbene seien Feuerwehrleute.

Reul betonte, es handele sich um die größte Naturkatastrophe, die NRW je durchlitten habe. Experten gingen von "mindestens" einem Jahrhundert-Unwetter aus. Bis zu 23.000 Kräfte von Feuerwehr, Hilfsorganisationen, Technischem Hilfswerk und Krisenstäben seien im Einsatz gewesen. Der Wiederaufbau könnte mancherorts sogar Jahre dauern.

Sachschaden gehe "in die Milliarden"

Der Sachschaden - privat wie öffentlich - gehe "in die Milliarden". Auch die Versorgung mit Trinkwasser, Strom, Gas und die Telekommunikationsnetze seien schwer getroffen und funktionierten in Teilen der Krisenregionen auch weiterhin nicht. Anfangs waren Reul zufolge rund 100.000 Menschen in den betroffenen Gebieten in NRW ohne Strom. Diese Zahl sei nach letztem Stand auf etwa 5000 Personen gesunken. Die Gasversorgung sei trotz aller Fortschritte punktuell noch nicht wiederhergestellt. Zum Thema Telekommunikation hieß es, dass bis heute circa 20.000 Mobilfunkanschlüsse und etwa 11.000 Festnetzanschlüsse der Vodafone sowie etwa 40.000 Kundenanschlüsse der Telekom ausgefallen seien.

Keine Toleranz für Angriffe auf Helfer

Unterdessen hat die Bundesregierung Angriffe auf Helfer in den Hochwasser-Gebieten scharf verurteilt. Es habe Meldungen gegeben, wonach Mitglieder des Technischen Hilfswerks (THW) beschimpft und mit Müll beworfen worden seien - und dies sei leider nicht der erste vergleichbare Vorfall gewesen, sagte die stellvertretende Regierungssprecherin Ulrike Demmer. "Wir tolerieren keine solchen Angriffe auf Helferinnen und Helfer. Und wir tolerieren auch nicht die Ausnutzung der Lage durch extreme Kräfte."

Die Vize-Präsidentin des THW, Sabine Lackner, hatte am Wochenende von den Vorfällen berichtet. Hinter den Angriffen stünden vor allem "Querdenker" oder Menschen aus der Prepper-Szene, die sich als Betroffene der Flutkatastrophe ausgäben, sowie einige frustrierte Flutopfer, sagte sie. Die Polizei im Katastrophengebiet an der Ahr hatte von möglichen Aktivitäten von Rechtsextremisten und der sogenannten "Querdenker"-Szene berichtet.

"Eine Instrumentalisierung dieses schlimmen Geschehens, das Konterkarieren von unmittelbar wichtigen Hilfsleistungen und das Ausnutzen der angespannten Lage der Menschen vor Ort, verbunden mit Mobilisierungsversuchen, ist hier klar zu erkennen", sagte Demmer mit Blick auf die Hochwassergebiete insgesamt.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 28. Juli 2021 um 13:00 Uhr.