Zerstörungen durch Hochwasser in Insul | Sandra Biegger, SWR
Reportage

Hochwasser in Rheinland-Pfalz "Alles kaputt, alles weg!"

Stand: 16.07.2021 03:45 Uhr

Eine Nacht stellte das Leben vieler Menschen in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz auf den Kopf. Auch entlang der Ahr sorgte das Hochwasser für Verwüstung - und für Verzweiflung.

Von Sandra Biegger, SWR

„Alles kaputt, alles weg, es ist eine Katastrophe“, sagt Marlene Wiechmann und kämpft mit den Tränen. Kopfschüttelnd steht die 76-Jährige auf einer abschüssigen Straße oberhalb des von den Wassermassen zerstörten Ortskerns von Schuld in der Eifel. "Da war mal unser Tennisplatz, da war das Haus vom Stanni, dem Polen", sagt die Rheinland-Pfälzerin. Dabei zeigt sie mit dem Finger  auf Punkte, die von Wasser überspült und mit Schlamm, Bäumen und Schutt bedeckt sind. Um Marlene Wiechmann herum schwirren Kamerateams und Fotografen aus dem In- und Ausland. Das Hochwasser hat das kleine Dorf berühmt gemacht - und Marlene Wiechmann tief traurig.

Sandra Biegger

Bäume knickten wie Streichhölzer um

Marlene Wiechmann und ihr Mann Horst wohnen in einem Haus, das etwas erhöht steht. Auch sie haben in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag Wasser und Schlamm aus dem Keller geschippt, mussten zusehen, dass Bäume wie Streichhölzer umknickten.

Als die Eheleute erschöpft ins Bett gingen, hätten sie niemals vermutet, dass die Ahr nur wenige Meter entfernt so schlimm gewütet hat. Der reißende Fluss hat Häuser weggerissen und Brücken einstürzen lassen. Bislang habe sie nie Angst vor dem Wasser gehabt, sagt Marlene Wiechmann. Das hat sich jetzt geändert.

Auch Erika Stollenwerk hat mittlerweile Angst vor dem Fluss. Sie lebt einige Kilometer von Schuld entfernt im Dörfchen Insul. Der kleine Ort ist bei Touristen beliebt, auch wegen seiner vielen schönen Fachwerkhäuser. Als das Hochwasser kam, arbeitete Erika Stollenwerk in der Küche eines Hotels der Gemeinde - mit Blick auf die Ahr.

Aufgeregte Gäste hätten sie gefragt, ob man sich Sorgen wegen der steigenden Pegelstände machen müsse. "Nö!" habe sie da voller Überzeugung geantwortet. Zehn Minuten später sei der Speisesaal des Hotels evakuiert worden. "Klar, wir haben immer mal wieder Hochwasser gehabt, aber das hier? Katastrophe", sagt sie.

Die Hochwassernacht hat sie im zweiten Stock des Hotels verbracht - gemeinsam mit 16 anderen Personen. Nach Hause zu ihrem Sohn Jan konnte sie nicht mehr, obwohl sie eigentlich nur drei Minuten zu Fuß entfernt wohnt. Der reißende Fluss hatte nicht nur Häuser in Ufernähe mitgerissen, sondern auch die steinerne Brücke aus dem Mittelalter zerstört, die die beiden Ortsteile von Insul links und rechts der Ahr verbindet.  Dass es das kleine Hotel noch gibt, liegt nur daran, dass zwischen Gebäude und Flussufer ein Biergarten liegt.

"Auswandern, einfach weggehen"

Jetzt steht Erika Stollenwerk knöcheltief im Dreck, schiebt Matsch aus ihrem Hof und findet das gleichzeitig ziemlich sinnlos. "Ich bin fertig. Wo tut man diesen Sch… jetzt hin? Mein Auto ist kaputt und ich kann kaum noch atmen." Aber nicht etwa vor Erschöpfung, sondern weil über dem Anwesen ein beißender Geruch in der Luft hängt. Die Wassermassen haben auch die Öltanks der Familie im Keller zerstört.

Wie es weitergeht, wer für den Schaden aufkommt, sie weiß es nicht. "Auswandern, einfach weggehen, alles stehen und liegen lassen, wäre jetzt gut", sagt die Insulerin. Nur über eines ist sie froh: Dass ihr Mann derzeit nicht mit ihr und ihrem Sohn unter einem Dach lebt. Der ist ein schwerer Pflegefall, hat unter anderem ein Sauerstoffgerät, das mit Strom arbeitet.  Und der Strom war mit das erste, was nach dem Unwetter nicht mehr funktioniert hat.

Zerstörungen durch Hochwasser in Insul | Sandra Biegger, SWR

Das Hochwasser hat alles mitgerissen. Übrig bleiben Schutt, Schlamm und entwurzelte Bäume. Bild: Sandra Biegger, SWR

Angst um Verwandte

Auch Mobilfunknetz und Internet waren ausgefallen. Ein erst vor etwa einem Jahr verlegtes Glasfaserkabel schlängelt sich unweit von Insul wie ein Aal durch die Ahr. Immer wieder kommen Kinder und Enkel mit Panik im Gesicht in die überschwemmten Eifel-Dörfer gefahren, sehen nach, ob es ihren Eltern und Großeltern gut geht. Telefonisch ist kein Durchkommen. Die Angst, dass aus den vielen Vermissten Tote werden könnten, ist groß. Und in viel zu vielen Fällen leider auch begründet.

Es gibt aber auch die Geschichten von wundersamen Rettungen. In Insul soll ein Mann die Nacht auf einem von Wassermassen umspülten Brückenpfeiler verbracht haben, nachdem sein Haus eingestürzt war. Viele Anwohner berichten mit glasigen Augen, dass sie die ganze Zeit über seine Hilferufe gehört hätten und nicht helfen konnten, weil sie nicht vor die Tür konnten. Der Mann soll nach einer langen, kalten Nacht von einem Hubschrauber aus der Luft gerettet worden sein.

1910, sagt Marlene Wiechmann, habe es in ihrem Heimatdorf Schuld schon mal so ein Jahrhunderthochwasser gegeben.  Die Erzählungen darüber würden von Generation zu Generation weitergegeben. Dass es im Sommer 2021 eine Neuauflage davon geben würde, darauf hätte die 76-Jährige verzichten können. Sie hofft, dass ihr Heimatdorf wieder im alten Glanz erstrahlt - mit viel Fachwerk und schönen Gärten. So richtig daran glauben kann sie im Moment aber noch nicht.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 15. Juli 2021 um 22:45 Uhr.

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Moderation 16.07.2021 • 10:31 Uhr

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