H&M | Bildquelle: REUTERS

Proteste gegen H&M Arbeiten im "Standby-Modus"

Stand: 13.10.2017 20:24 Uhr

Unter dem Motto "Schwarzer-Freitag" hat der Verein "Aktion gegen Arbeitsunrecht" vor 19 H&M-Filialen in Deutschland gegen die schlechten Arbeitsbedingungen der Modekette protestiert: Immer mehr Mitarbeiter seien nur noch "Standby" beschäftigt, also auf Abruf.

Von Vera Dreckmann, WDR

Die sogenannte Arbeit auf Abruf ist im Teilzeit- und Befristungsgesetz geregelt: Der Arbeitnehmer hat keine fixe Dienstzeit, sondern nur einen Rahmenvertrag, der die Anzahl der Arbeitsstunden im Monat festlegt. Wann gearbeitet werden muss, kann flexibel vereinbart werden und richtet sich nach dem Arbeitsanfall. Die Arbeitszeit muss aber mindestens zehn Stunden in der Woche betragen und der Beschäftigte muss mindestens drei Stunden am Stück eingesetzt werden. Außerdem muss der Arbeitgeber ihn mindestens vier Tage vorher über seine Arbeitszeit informieren.

Kritik an "Arbeitskraft aus der Tube"

Zwar sind grundsätzlich auch Regelungen zulässig, die die Arbeitnehmer schlechter stellen, doch nach Aussage von Gerhard Bosch vom Institut für Arbeit und Qualifikation an der Universität Duisburg-Essen gibt es bisher keinen Tarifvertrag, den die Gewerkschaften zu Ungunsten der Arbeitnehmer unterschrieben hätten. Dennoch hat er an dieser "Arbeitskraft aus der Tube" vieles zu kritisieren. "Es ist ein Riesenproblem für viele Teilzeitbeschäftigte, dass sie keine festen Arbeitszeiten haben: Sie können von ihrem Teilzeitvertrag nicht richtig leben und können aber gleichzeitig keinen zweiten Job annehmen, weil sie nicht wissen, wann sie eingesetzt werden."

Die Arbeitgeberseite dagegen schätzt diese Beschäftigungsregelung. Insbesondere in den Bereichen Handel, Gastronomie, Transport, aber auch bei den Postdienstleistern und im Tourismus wechselt das Kundenaufkommen stark. Eine schnelle Anpassung mit abrufbereiten Mitarbeitern ist für Unternehmen eine kostengünstige Lösung.

17 Prozent der Beschäftigten auf Abruf

Eine Studie des Instituts für Arbeit und Berufsforschung in Nürnberg zeigt, dass 17 Prozent der Beschäftigten in Deutschland auf Abruf eingesetzt werden. Rund ein Drittel dieser Standby-Arbeiter sind Minijobber. In der Praxis wird die im Teilzeit- und Beschäftigungsgesetz festgeschriebene Vorankündigungszeit von vier Tagen oft nicht eingehalten. Etwa 13 Prozent der Arbeitgeber in Deutschland nutzen diese besondere Beschäftigungsform.

Tarifverträge mit mehr Schutz

Das Teilzeit- und Tarifbefristungsgesetz beschreibt nur die Mindestanforderungen, es gibt aber Tarifverträge, die die Arbeitnehmer besser schützen. Die Gewerkschaft ver.di und der Einzelhandel haben zum Beispiel in Nordrhein-Westfalen eine Regelung vereinbart, die eine Mindestarbeitszeit von vier Stunden pro Tag und 20 Stunden in der Woche vorsieht.

H&M Deutschland ist ein tarifgebundener Betrieb und hat die regionalen Flächentarifverträge anerkannt. Dennoch unterlaufe die Einzelhandelskette diese Regelung, kritisiert Nils Böhlke vom Landesfachbereich Handel bei ver.di NRW.

Luftballons mit dem H&M-Logo | Bildquelle: REUTERS
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Der schwedische Modehändler H&M beschäftigt Mitarbeiter immer häufiger auf Abruf.

So sieht es auch Werner Rügemer vom Verein "Aktion gegen Arbeitsunrecht", weshalb er die Protestaktion deutschlandweit initiiert hat. Immer mehr H&M Beschäftigte müssten nicht nur auf Abruf arbeiten, sondern würden zudem nur befristet eingestellt. "Wir wollen herausstellen, dass H&M nicht nur in den Produktionsstätten im Ausland, sondern auch in Deutschland ein Vorreiter ist für schlechte Arbeitsbedingungen."

Außerdem weist er darauf hin, dass der rechtliche Sitz von H&M Deutschland in Amsterdam ist. Das heißt: "Wer in einer deutschen Filiale arbeitet und einen Arbeitsvertrag mit H&M abschließt, schließt ihn mit H&M Amsterdam ab." Böhlke von ver.di NRW bestätigt das. Dieses Holdingmodell werde bewusst genutzt, um Steuern zu sparen und die Mitwirkung der Gewerkschaften zu reduzieren. Auch wenn an den Protesten heute nicht viele H&M-Mitarbeiter teilgenommen hätten, das Problem sei groß.

H&M pocht auf Flexibilität

H&M Deutschland weist die Anschuldigungen zurück. Wörtlich schreibt das Unternehmen: "Als verantwortungsvoll agierendes Unternehmen haben wir immer sowohl die betriebswirtschaftlichen Interessen und die Interessen unserer Mitarbeiter im Blick. Als kundenorientiertes Handelsunternehmen nutzen wir verschiedene Arbeitszeitmodelle, welche das deutsche Arbeitsrecht zulässt. Der Anteil unserer flexiblen Stundenkräfte liegt dabei in einem gesunden Verhältnis zu den Vollzeitkräften und ist auf verschiedene Faktoren, die bedient werden müssen, zurückzuführen: Öffnungszeiten und Kundenströme haben sich in den letzten Jahren geändert und der Einzelhandel an sich benötigt ein gewisses Maß an Flexibilität."

H&M hatte 2015/2016 in Deutschland einen Bruttoumsatz von knapp vier Milliarden Euro und betreibt bundesweit derzeit 418 Filialen.

Über dieses Thema berichtete die Aktuelle Stunde im WDR-Fernsehen am 13. Oktober 2017 um 18:45 Uhr.

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