Blister für HIV-Vorbeugung (Prep) | Bildquelle: dpa

HIV-Prophylaxe PrEP als Kassenleistung - Lob von Medizinern

Stand: 03.09.2019 05:20 Uhr

Seit Anfang des Monats übernehmen alle gesetzlichen Krankenkassen die Kosten für die medikamentöse Prophylaxe gegen HIV, PrEP. Experten sprechen von einem wichtigen Schritt, um die Zahl der Neuansteckungen zu senken.

Von Svea Wenderoth, WDR

Die "Gib Aids keine Chance"-Kampagne wirbt bisher für die Nutzung von Kondomen. Doch seit einigen Jahren könnte es eigentlich auch Plakate für die "Prä-Expositions-Prophylaxe" geben. Die schützt - laut Deutscher Aidshilfe - nämlich so sicher vor HIV wie ein Kondom und wird jetzt auch von der gesetzlichen Krankenkasse übernommen. Damit ein ständiger Schutz gegen HIV gewährleistet ist, sollte das Medikament - ähnlich wie die Antibabypille - täglich eingenommen werden.

Die PrEP ist in der EU seit Ende 2016 zugelassen. Mit Ablauf des Patentschutzes kamen Nachahmerpräparate auf den Markt. Außerdem wurde der Produktionsprozess weiter vereinfacht, sodass die Kosten von mehr als 800 Euro auf mittlerweile 40 Euro im Monat gesunken sind. Die Patienten müssen lediglich den üblichen gesetzlichen Eigenanteil von zehn Euro zahlen. Anders als private Krankenversicherungen übernimmt die gesetzliche Krankenkasse diese Kosten nun.

Für Menschen mit erhöhtem Infektionsrisiko

Damit die Kosten übernommen werden, müssen die Patienten mindestens 16 Jahre alt und einem erhöhten Infektionsrisiko ausgesetzt sein. Ein höheres Risiko besteht vor allem für homosexuelle Männer und Patienten, die sich Drogen injizieren. Das Medikament kann nur von Ärzten verschrieben werden, die sich dafür formal qualifiziert haben.

Dass die gesetzlichen Krankenkassen nun die Kosten übernehmen, hält Holger Wicht von der Deutschen Aidshilfe für einen wichtigen Schritt: "Viele Menschen waren bislang nicht optimal geschützt, konnten es sich aber auch nicht leisten, monatlich 40 Euro für das Medikament auszugeben", erklärt er.

Außerdem sei es ein Schritt in Richtung Etablierung. "Wenn es eine ganz normale Schutzmethode ist, die von der Kasse gezahlt wird, wird es stärker akzeptiert. Und wenn intensiver über das Thema gesprochen wird, werden auch Leute auf das Medikament aufmerksam, die es bislang gar nicht kannten, obwohl sie Bedarf haben."

Jens Spahn | Bildquelle: FELIPE TRUEBA/EPA-EFE/REX
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Auf Betreiben von Gesundheitsminister Spahn wird die PrEP-Therapie von allen gesetzlichen Krankenkassen übernommen.

Wirkstoffe sind gut erforscht

Auch aus medizinischer Sicht bietet die PrEP mehrere Vorteile. Die beiden Substanzen, die in der PrEP enthalten sind, werden schon seit Jahren bei der HIV-Therapie eingesetzt. Daher sind sie gut erforscht. 

Norbert H. Brockmeyer, der das Zentrum für Sexuelle Gesundheit und Medizin des Katholisches Klinikums Bochum leitet, hält das Medikament für eine wichtige Ergänzung zum Kondom: "75 Prozent unserer Patienten nutzen Kondome nicht regelmäßig. Wenn sie die PrEP anwenden, steigt diese Zahl zwar auf 90 Prozent an, dafür gibt es dann aber auch nur ein sehr geringes HIV-Infektionsrisiko. Das Medikament hat bei richtiger Anwendung eine Präventionsrate von mehr als 90 Prozent und führt zur Verringerung der HIV-Infektionen."

Obwohl die PrEP HIV-Infektionen verhindern kann, bietet es keinen Schutz vor anderen Geschlechtskrankheiten. Darüber wird auch in den Beratungsgesprächen mit der Aidshilfe und mit dem Arzt aufgeklärt.

Selten Nieren- und Knochenprobleme als Nebenwirkungen

Die HIV-Präexpositionsprophylaxe kann - wie andere Medikamente auch - Nebenwirkungen haben. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte weist auf eine mögliche "Entstehung oder Verschlechterung von Nieren- und Knochenproblemen" hin. Tim Kümmerle, Facharzt für Allgemeinmedizin und Infektiologie, hält das Risiko jedoch für akzeptabel: "Die Nebenwirkungen treten nur in seltenen Fällen auf. Wenn man Anzeichen für eine Schädigung der Nierenfunktion erkennt, kann man das Medikament rechtzeitig absetzen ohne Folgeschäden davonzutragen. Knochendichteveränderungen finden ebenfalls nur selten und in geringen Ausmaße statt."

Regelmäßige Kontrollen nötig

Damit Nebenwirkungen und - in Ausnahmefällen - auch Resistenzbildungen frühzeitig erkannt werden, sind allerdings zwingend Check-Ups nötig. Diese werden alle drei Monate durchgeführt. Die Kosten für diese ärztliche Untersuchung übernimmt ebenfalls die gesetzliche Krankenkasse. Holger Wicht von der Deutschen Aidshilfe sieht in den Kontrolluntersuchungen noch weitere Vorteile: "Durch diese regelmäßigen Checks sind die Patienten stärker an Diagnostik und Behandlung angebunden und Infektionen können früher erkannt und behandelt werden."

In Australien wird das Medikament seit April 2018 von den Krankenkassen bezahlt. Die in der Fachzeitschrift Lancet veröffentlichten Ergebnisse zeigen einen Rückgang der Neuinfektionen. Wie effektiv die Wirkung der PrEP in Deutschland ist, will das Bundesministerium für Gesundheit Ende 2020 auswerten.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 04. September 2019 um 09:20 Uhr.

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