Anne Priller-Rauschenberg hat die Bombardierung Kölns im Zweiten Weltkrieg miterlebt.

WDR-History-App Zeitzeugen des Weltkriegs im Wohnzimmer

Stand: 18.02.2019 04:00 Uhr

In wenigen Jahren wird es die letzten Zeitzeugen des Zweiten Weltkriegs nicht mehr geben. Mit einer History-App des WDR können sie auch künftig ihre Geschichte erzählen - als 3D-Projektion.

Von Ingrid Bertram, WDR

"Die heiße Luft im Hals. Das war grauenhaft. Der ganze Funkenflug. Jeder für sich ist um sein Leben gelaufen." So beschreibt Anne Priller-Rauschenberg ihre Erinnerungen an die Bombardierung Kölns im Zweiten Weltkrieg. Wenn sie berichtet, sitzt sie im Stuhl vor dem Zuschauer, und die Funken fliegen tatsächlich durch den Raum, und der Rauch steigt auf.

Über die App "WDR AR 1933-1945" kommt Priller-Rauschenberg über das Handy oder das Tablet an jeden gewünschten Ort und fängt an zu erzählen. Mit der sogenannten Augmented-Reality-Technik wird die Kölnerin an einem mit dem Gerät fixierten Punkt in den Raum dreidimensional projiziert. Die Zeitzeugin wirkt erstaunlich real.

Animation der Zeitzeugen-App des WDR
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Mit der sogenannten Augmented-Reality-Technik werden Zeitzeugen an einem mit dem Gerät fixierten Punkt in den Raum dreidimensional projiziert.

Beginn einer Datenbank

Priller-Rauschenberg wurde 1930 geboren. Für Zeitzeugen wie sie wird es immer schwieriger, zum Beispiel zu Schülern in ein Klassenzimmer zu kommen. Genau deswegen hat der WDR sie ins Studio geholt und ihre Geschichte dort aufgenommen.

Bisher erzählen drei Zeitzeuginnen von drei unterschiedlichen Schauplätzen des Zweiten Weltkriegs in der App von ihren Erlebnissen. Die Macher reisten auch nach London, um die Geschichte von Vera Grigg und der Luftschlacht dort aufzunehmen. In St. Petersburg erzählte Emma Barashkova von der deutschen Blockade von Leningrad. Aber das soll erst der Anfang sein. Berichte von den besten Freundinnen von Anne Frank sind bereits in Planung.

Das zerbombte Köln baut sich auf

Obwohl Videos mit einer relativ kleinen Datenmenge entstanden sind, haben die Entwickler spezielle Effekte eingebaut, um die Zeitzeugenberichte zu unterstützen: Flieger von der Luftschlacht in London rauschen durch den Raum, oder das zerbombte Köln baut sich vor dem Nutzer auf.

Die App richtet sich an ein möglichst großes Publikum, aber vor allem an Schüler. Ohne großen Aufwand können so die Geschichten im Klassenzimmer erlebbar werden. Zusätzlich bietet die App ausführliches Unterrichtsmaterial.

Die App "WDR AR 1933-1945" auf einem Tablet
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Die App "WDR AR 1933-1945" auf einem Tablet. Sie richtet sich an ein möglichst großes Publikum, aber vor allem an Schüler.

Geschichtsvermittlung für Kinder

Aber wie wirken solche Videos mit Animationen auf Kinder? Die App ist ab neun Jahren freigegeben. Im Unterricht steht der Zweite Weltkrieg aber erst in der neunten Klasse auf dem Lehrplan, also wenn die meisten Kinder mindestens 14 Jahre alt sind.

Grundsätzlich, sagt die Bildungsforscherin und Historikerin Christiane Bertram von der Universität Konstanz, seien die realen Zeitzeugenbesuche im Klassenzimmer die wirkungsvollsten für Schüler. Sie motivieren die Kinder und Jugendliche am ehesten, sich mit den Themen zu befassen. Daher wäre die WDR-App ein denkbarer Ersatz für reale Zeitzeugen.

Bertram hat die Wirkung von realen, von aufgenommenen und von geschriebenen Zeitzeugenberichten im Unterricht untersucht. Dabei hat sie auch festgestellt, dass die Schüler kritischer sind, wenn sie Interviews lesen und die Menschen nicht live erleben. Sie haben dann mehr Distanz. Daher sei es wichtig, dass es weitere Informationen gibt und ein Making-of-Film in der App erklärt, wie die Filme entstanden sind. Ohne dem könnten sich Kinder überwältigt fühlen, gerade wenn sie jünger sind.

Auch Animationen könnten leicht mit Computerspielen verwechselt werden. Deswegen empfiehlt Bertram, dass jüngere Kinder die Videos nur in Begleitung von Erwachsenen ansehen sollten. Neunjährige könnten noch nicht zwischen "virtuell" und "real" unterscheiden. Wenn Kinder mehr über die Kriegsvergangenheit erfahren wollen, dann sollte man sie auf jeden Fall dabei unterstützen und nicht allein lassen.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 18. Februar 2019 um 12:00 Uhr.

Korrespondentin

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Ingrid Bertram, WDR

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