Mitte März 2019 nehmen Schüler in Dublin an den "Fridays for Future"-Protesten teil. | Bildquelle: dpa

"Fridays for Future" Was die Bewegung so erfolgreich macht

Stand: 17.05.2019 11:13 Uhr

Ob beim Petersberger Klimadialog, bei den Hauptversammlungen von VW oder RWE: "Die Fridays for Future"-Bewegung ist derzeit allgegenwärtig. Was macht die Bewegung so erfolgreich?

Von Melanie Katharina Marks für tagesschau.de

Sie haben das Wort. Bei den Hauptversammlungen von VW oder RWE. Bei der Klimakonferenz in Kattowitz. Vor den Vereinten Nationen. Seit Monaten schon protestieren die "Fridays for Future"-Aktivisten, doch die Aufmerksamkeit für ihre Bewegung reißt nicht ab.

Im Gegenteil: Die Schüler haben es geschafft, sich und ihr Anliegen weltweit auf die öffentliche und politische Agenda zu setzen. Politiker, wie etwa der UN-Generalsekretär Antonio Guterres forderten, den Aufruf der Jugend zu hören. Und Bundeskanzlerin Angela Merkel erklärte erst jüngst wieder in einem Zeitungsinterview, es sei gut, dass die Bewegung Druck mache. "Die jungen Leute machen uns deutlich, dass sie noch entschiedeneres Handeln für nötig - und machbar - halten."

Was aber ist es, das diese Bewegung so erfolgreich macht?

Das Thema trifft einen Nerv

"Die 'Fridays for Future'-Bewegung hat mit ihrem Thema schon einmal einen Startvorteil", sagt Sebastian Haunss, Forscher am Institut für Protest- und Bewegungsforschung. "Es gibt einen sehr großen gesellschaftlichen Konsens darüber, dass in Sachen Klimaschutz was getan werden muss." Gestritten werde nur darüber, wie. "Das unterscheidet 'Fridays for Future' von anderen Bewegungen, wie etwa der Frauenbewegung oder der Bürgerrechtsbewegung in den USA." Diese hätten zunächst die Relevanz ihres Themas begründen müssen.

Tatsächlich: Bei einer Umfrage des Meinungsforschungsinstitut infratest dimap gaben 74 Prozent der Befragten schon im vergangenen Herbst an, dass sie von der Bundesregierung mehr Engagement in Sachen Klimaschutz erwarteten. Die "Fridays-for-Future"-Bewegung wurde erst im Dezember groß, als die Schwedin Greta Thunberg bei der UN-Klimakonferenz sprach. Und seither bleibt das Thema in aller Munde. Im ARD-EuropaTrend gut eine Woche vor der Europawahl gab eine Mehrheit der Befragten an, der Klimaschutz sei für sie das wichtigste Thema.

Die Erde hat Fieber: Demonstranten der "Fridays For Future"-Bewegung mit einem Transparent. | Bildquelle: dpa
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"Die Erde hat Fieber". Dass für den Klimaschutz etwas getan werden muss, ist weitestgehend Konsens.

Junge Menschen kämpfen für ihre Zukunft

Doch der thematische Vorteil sei nicht alleine der Grund für den Erfolg, so Haunss. Die Bewegung habe es geschafft, das Thema so zu framen, so zu erzählen, dass es sehr anschlussfähig werde: Wir müssen unsere Zukunft in die eigene Hand nehmen. "Das ist eine sehr große Forderung, aber mit konkreter Handlungsempfehlung", sagt Haunss.

Auch Thomas Schlemmer vom Institut für Zeitgeschichte in München sieht darin einen zentralen Erfolgsfaktor. Er spricht von dem Narrativ der "Doppelten Zukunft". Das bedeutet: "Es geht nicht nur um die Zukunft des Planeten, sondern auch um die eigene Zukunft. Und wenn junge Menschen das fordern, ist es natürlich sehr stark und hat eine große Durchschlagskraft."

Hinzu komme, dass es schwieriger sei, junge Menschen zu kritisieren. "Politiker wollen natürlich signalisieren, dass sie sowohl das Thema als auch die jungen Menschen als Bürger ernst nehmen", so Schlemmer - vor allem, weil sie potenzielle zukünftige Wähler seien.

Eigentor für Politik-Profis

Für Aufmerksamkeit hatten etwa der FDP-Vorsitzende Christian Lindner und die CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer gesorgt. Während sie vor allem die Tatsache kritisierte, dass die Jugendlichen die Schule schwänzten, sprach er den Schülern die Fähigkeit ab, alle globalen Zusammenhänge, das technisch Sinnvolle und ökonomisch Machbare zu sehen. "Das ist eine Sache für Profis", so Lindner.

Beide Politiker mussten in der Öffentlichkeit für ihre Äußerungen viel und heftige Kritik einstecken. Stadträte, Politiker anderer Parteien, Wissenschaftler und Vertreter von Umweltorganisationen stellten sich hinter die Schüler.

Bewegung bleibt unabhängig - und authentisch

Trotz der großen Unterstützung ist die "Fridays-for-Future"-Bewegung unabhängig geblieben. Auch das sieht Haunss als Erfolgsfaktor. "Man unterstellt den Schülern, dass sie ehrlich für ihr Anliegen kämpfen, nicht taktisch oder strategisch." Sie ließen sich nicht vor einen Karren spannen.

Bei großen Demonstrationen verzichten die Aktivisten weitestgehend auf politische Logos oder Sticker. Zentrale Redeanteile übernehmen immer die Mitglieder der Bewegung. Sie organisieren sich über Messenger wie WhatsApp oder Telegram.

All das ist für Hannah Schmid-Petri, Professorin für Wissenschaftskommunikation an der Universität Passau, auch ein Grund dafür, dass "Fridays for Future" überhaupt so viele Jugendliche mobilisieren konnte. "Die Hürde, sich zu engagieren ist nicht so groß. Jugendliche können sich punktuell für ein Thema einsetzen und sie müssen sich nicht in feste Strukturen integrieren."

Und dennoch: "Je größer die Bewegung wird, desto nötiger ist es auch, dass sich gewisse Strukturen herausbilden", so Schmid-Petri - auch, damit die Bewegung Forderungen durchsetzen könne. Denn bislang erhält die Bewegung zwar große Aufmerksamkeit. Konkrete Maßnahmen hat die Politik aber noch nicht getroffen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 17. Mai 2019 um 14:23 Uhr.

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