Horst Herold | Bildquelle: dpa

Ex-BKA-Chef Herold gestorben Der hartnäckige Datensammler

Stand: 14.12.2018 19:27 Uhr

Er galt als RAF-Jäger, der früh auf den Computer setzte: In seiner Zeit als BKA-Chef hatte Horst Herold aber mit massivem Widerstand zu kämpfen - und erlitt eine bittere Niederlage.

Von Holger Schmidt, SWR, ARD-Terrorismusexperte

Seine größte Leistung konnte seine dunkelste Stunde nicht verhindern: Horst Herold erkannte als einer der ersten Kriminalisten die Chance, mit Datenverarbeitung und systematischem Vorgehen Verbrechern auf die Spur zu kommen. Er sammelte Informationen, stellte Hypothesen über das Täterverhalten auf und suchte dann nach den Schnittmengen.

In der Hochzeit der RAF-Ermittlungen in den 1970er-Jahren barg dieses Vorgehen große Chancen. Herold wusste viel über die Lebensweise der Linksterroristen. Sie bezahlten die Miete in bar, bevorzugten anonyme Wohnblöcke in Ballungsgebieten in der Nähe von Autobahnen. In so einer Schnittmenge musste man suchen.

Als im Herbst 1977 der Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer entführt wurde, sah Herold dessen Versteck klar vor Augen. Man musste es nur finden. Tatsächlich gab ein Streifenpolizist einen Hinweis auf das mögliche Versteck - und alle Herold-Kriterien passten.

Horst Herold mit dem damaligen Innenminister Genscher | Bildquelle: picture-alliance / dpa
galerie

Horst Herold mit dem damaligen Innenminister Genscher anlässlich seines Dienstantritts als BKA-Chef am 31. August 1977

Kompetenzgerangel mit Landespolizeien

Doch der Hinweis blieb innerhalb der Polizei unbearbeitet liegen. Auch, weil das Bundeskriminalamt damals vergleichsweise wenige Kompetenzen in der Terrorbekämpfung hatte und es ein Hin und Her mit den Landespolizeien gab. Das Ergebnis ist bekannt: Schleyer wurde ermordet, die Täter erst Jahre später gefasst.

Hanns Martin Schleyer | Bildquelle: dpa
galerie

Dieses Foto von Hanns Martin Schleyer veröffentlichte die RAF.

Herold hatte in der Theorie Recht, doch in der Praxis war er gescheitert. Bis in seine letzten Lebensjahre hat er sich darüber tief gegrämt. Aus heutiger Sicht erkannte Herold viele Chancen und Probleme "seines" Bundeskriminalamts viel früher als die Innenminister, die für ihn und seine Nachfolger zuständig waren. Besonders "Kommissar Computer" wird in der Behörde mit ihm verbunden beziehungsweise die "Rasterfahndung" und eine "Totalüberwachung", wie es seine Kritiker nannten.

Herold polarisierte. Fotos von damals zeigen ihn häufig, wie er mit Stolz modernste Computer Politikern präsentierte, die die Geräte wie seltene Insekten beäugten. Heute wirken diese Bilder eigentümlich aus der Zeit gefallen, damals wähnten viele Kritiker den Überwachungsstaat. "Wer weiß schon, was er treibt", war in Teilen der Öffentlichkeit auch der Vorwurf, der dem wohl bekanntesten Polizisten in der Geschichte der Bundesrepublik gemacht wurde.

Distanz und Neider - auch in der Politik

Was Herold damals wollte, ist heute anerkannter Standard. Damals allerdings sahen die Öffentlichkeit und viele Politiker Herolds Ideen durchaus kritisch. Und auch in der Politik gab es Distanz und Neider. Ende der 1970er-Jahre hatte der FDP-Innenminister Gerhard Baum deutliche Differenzen mit Herold, und ein Abteilungsleiter im Bundesinnenministerium, der spätere BKA-Chef Heinrich Boge, hatte Interesse an Herolds Job.

Herold geriet unter Druck und musste Anfang der 1980er-Jahre erkennen, dass der damalige Generalbundesanwalt Kurt Rebmann und einige Verfassungsschützer bei der Fahndung nach RAF-Terroristen sogar gezielt an ihm vorbei arbeiteten.

"Letzter Gefangener der RAF"

Herold ging verbittert in den einstweiligen Ruhestand und zog sich in sein Haus zurück. Dieses Haus musste er allerdings auf eigene Kosten auf dem Gelände einer Bundespolizei-Kaserne im bayerischen Rosenheim bauen. Denn Herold galt noch bis Ende der 1980er-Jahre als extrem gefährdet und sein Heimatland Bayern lehnte es ab, in einer Innenstadtlage für seine Sicherheit zu sorgen. "Die Leute sagen, das Haus ist mein Stammheim und ich der letzte Gefangene der RAF", spottete Herold. Und nahm zur Kenntnis, wie wenig man ihm seinen Einsatz dankte.

Wer ihn in diesem "Stammheim" besuchte, erlebte auch in den letzten Jahren einen weiterhin interessierten Kriminalisten und höflichen Gastgeber.

Horst Herold servierte Butterbrezeln, Kuchen und passende Getränke, sinnierte gerne über neue kriminalistische Methoden und sah mit Genugtuung, wie "sein" BKA im Laufe der Jahre zu dem wurde, was er sich immer gewünscht hatte: Eine leistungsfähige Behörde zur Terrorbekämpfung.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 14. Dezember 2018 um 20:00 Uhr.

Darstellung: