Susanne Hennig-Wellsow | REUTERS

Co-Chefin der Linken Hennig-Wellsow erklärt Rücktritt

Stand: 20.04.2022 19:15 Uhr

Gemeinsam mit Janine Wissler hatte sie die Linke seit einem guten Jahr geführt. Nun tritt Susanne Hennig-Wellsow mit sofortiger Wirkung zurück. Als Grund nannte sie unter anderem den kürzlich aufgedeckten Sexismus in der Partei.

Die Bundesvorsitzende der Linken, Susanne Hennig-Wellsow, hat ihren Rücktritt erklärt. Sie verbreitete auf ihrer Homepage eine entsprechende Erklärung.

"Ich stelle mein Amt als Parteivorsitzende der Linken mit sofortiger Wirkung zur Verfügung", schrieb die 44-Jährige. Seit Ende Februar 2021 hatte Hennig-Wellsow die Linkspartei gemeinsam mit Janine Wissler geführt. Die neue Doppelspitze folgte auf Katja Kipping und Bernd Riexinger.

"Neue Gesichter"

Als Grund für ihren Rücktritt nannte sie unter anderem ihre private Lebenssituation. Ihr achtjähriger Sohn brauche sie und habe Recht auf Zeit mit ihr. "Aber auch die Linke braucht in dieser Situation eine Vorsitzende, die mit allem, was sie hat, für die Partei da ist", so Hennig-Wellsow.

Auch der Umgang mit Sexismus in der Partei und eine dringend notwendige Erneuerung der Linken waren der Mitteilung zufolge Gründe für ihren Rücktritt. Dafür seien "neue Gesichter" nötig.

"Das Versprechen, Teil eines Politikwechsels nach vorn zu sein, konnten wir aufgrund eigener Schwäche nicht einlösen", schrieb Hennig-Wellsow über den Zustand ihrer Partei. "Zu wenige Menschen glaubten uns, dass wir bereit und in der Lage wären, dieses Land aktiv gestaltend zum Besseren zu verändern."

"Eklatante Defizite der Partei"

Ihr Ziel, eine Erneuerung der Linken anzustoßen, habe sie nicht erreicht. "Ich weiß um die vermeidbaren Fehler, die ich selbst gemacht habe", so Hennig-Wellsow. Sie habe es nicht geschafft, diejenigen zu überzeugen, die mit Erneuerung die Angst vor dem Verlust des Vertrauten verbänden.

Mit Blick auf den Umgang mit Sexismus innerhalb der Partei schrieb sie: "Ich entschuldige mich bei den Betroffenen und unterstütze alle Anstrengungen, die jetzt nötig sind, um aus der Linken eine Partei zu machen, in der Sexismus keinen Platz hat."

Es seien eklatante Defizite der Partei offengelegt worden. Der "Spiegel" hatte am Freitag mutmaßliche Fälle sexualisierter Gewalt in der hessischen Linkspartei veröffentlicht.

Susanne Hennig-Wellsow (r., Die Linke) hat Thomas Kemmerich (l., FDP), dem neuen Thüringer Ministerpräsident, die Blumen vor die Füße geworfen und wendet sich ab. | dpa

Susanne Hennig-Wellsow (r., Die Linke) hat Thomas Kemmerich (l., FDP), dem mit AfD-Stimmen gewählten Thüringer Ministerpräsident, die Blumen vor die Füße geworfen und wendet sich ab. | Bildrechte: dpa Bild: dpa

Bartsch: schwierige Situation für die Linke

Linken-Fraktionschef Dietmar Bartsch sagte, der Rücktritt verdiene Respekt, er sei für ihn aber auch überraschend gekommen. Dadurch sei die Linke in eine ausgesprochen schwierige Position gekommen. Man müsse nun schnell wieder Fuß fassen, um den Auftrag der Wähler zu erfüllen. Am stärksten sei die Linke immer dann gewesen, wenn die Krise am größten war, so Bartsch.

Heute Abend werde der Parteivorstand tagen, um Schlussfolgerungen aus der Situation zu ziehen. Die Herausforderungen seien gigantisch, die Probleme groß. Man brauche nun eine programmatische Diskussion, sagte Bartsch. Die Linke müsse ihre Rolle im Parteiensystem überdenken und brauche eine strategische, programmatische und auch personelle Neubesinnung.

In den tagesthemen wies Bartsch Forderungen nach einem Rücktritt auch der anderen Co-Vorsitzenden Janine Wissler zurück. Zu sagen, die neue Parteiführung verantworte die negativen Wahlergebnisse im Saarland und bei der Bundestagswahl, "das ist meines Erachtens falsch". Allerdings forderte Bartsch seine Partei auf, keine "innerparteilichen Kriege" mehr zu führen. "Diese Auseinandersetzung muss endlich der Vergangenheit angehören. Da helfen aber keine Appelle. Da möge sich jede und jeder an die eigene Nase fassen und etwas dafür tun, dass wir unserer historischen Verantwortung gerecht werden."

Kein Glückwunsch für Kemmerich

Vor ihrer Wahl in den Bundestag war Hennig-Wellsow 17 Jahre lang Abgeordnete im Thüringer Landtag. Seit 2014 war sie dort Fraktionsvorsitzende.

Bundesweit bekannt wurde sie im Februar 2020, als sie dem mit AfD-Stimmen zum Ministerpräsidenten gewählten FDP-Politiker Thomas Kemmerich nicht gratulierte, sondern ihm stattdessen den Blumenstrauß vor die Füße warf.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 20. April 2022 um 14:00 Uhr.