Ein Mann sitzt im Rollstuhl. | Bildquelle: dpa

Medizinischer Meilenstein Hoffnung für Gelähmte

Stand: 24.09.2018 17:00 Uhr

US-Forschern ist ein Meilenstein in der Medizin geglückt: Gelähmte Patienten konnten mithilfe von Stimulatoren wieder gehen. Doch deutsche Experten warnen vor überzogenen Hoffnungen.

Von Ulrike Till, SWR

Gelähmte wieder gehen lassen - das ist ein uralter Menschheitstraum. Ob er jemals in Erfüllung geht, ist offen, aber US-Forscher sind dem Ziel jetzt einen entscheidenden Schritt nähergekommen. Gleich zwei wissenschaftliche Fachzeitschriften berichten heute von gelähmten Patienten, die ihre Beine mithilfe elektrischer Stimulatoren im Rückenmarkt selbst in Bewegung setzten konnten. Die besten Ergebnisse hat die Mayo Clinic in Rochester erzielt und in "Nature Medicine" veröffentlicht. Ein Patient konnte nach monatelangem Training wieder bis zu hundert Meter laufen - wenn auch nur mit einer Art Rollator und der Hilfe seines Trainers.

Der Patient ist seit vier Jahren vom Unterkörper abwärts komplett gelähmt und hat keinerlei Gefühl mehr in den Beinen. Das Rückenmark ist allerdings nicht komplett durchtrennt; ein paar Nervenfasern laufen noch durch bis ins Gehirn. Nur so kann der am Rückenmarkt implantierte Stimulator überhaupt etwas bewirken. Der Patient schaltet den Stimulator selbst mit einer Art Fernsteuerung an und ab. Die eingepflanzte Elektrode reizt dann gezielt bestimmte Beinmuskeln - wenn der gelähmte Patient sich dann vornimmt, sein Bein zu beugen oder zu strecken, wird dieser Befehl vermutlich über die wenigen noch intakten Nervenfasern vom Gehirn an die Muskeln weitergeleitet. Allerdings hat der Patient nach wie vor keine Empfindungen in den Beinen, daran hat sich auch durch den eingepflanzten Stimulator nichts geändert.

Keine Heilung im eigentlichen Sinne

Eine Heilung im eigentlichen Sinn ist das nicht, denn es wachsen keine Nervenfasern nach. Medizinisch bedeuten diese Ergebnisse dennoch einen Meilenstein. Frühere Versuche mit Elektrostimulation haben bisher nur bewirkt, dass Probanden wieder alleine stehen können, auch das  ist für Gelähmte schon eine wichtige Verbesserung. Jetzt ist es zum ersten Mal geglückt, dass ein vom Unterleib abwärts komplett gelähmter Patient etwas mehr als 300 Schritte mit Unterstützung laufen kann.

Allerdings ist er noch weit entfernt von flüssigem Laufen in halbwegs normalem Tempo. Selbst nach rund zehn Monaten intensiven Trainings musste sich der 29-jährige Patient bei jedem Schritt auf eine Art Rollator stützen und zusätzlich musste ihn ein Trainer an der Hüfte festhalten, sonst wäre der junge Mann umgefallen. Am Anfang waren sogar drei Therapeuten nötig: einer, um das Standbein stabil zu halten, ein anderer, um das Schrittbein mit nach vorne zu schwingen und einer für die allgemeine Balance. Auf einem Laufband klappte das unterstützte Gehen nach einer Weile übrigens auch.

Voraussetzung: intensives Training

Was sich bei den Testreihen ganz klar gezeigt hat: Elektrostimulation alleine reicht nicht; der implantierte Stimulator funktioniert nur nach intensivem Training. Fast hundert Übungseinheiten hat der Patient in der Klinik und zu Hause absolviert.

In die gleiche Richtung weist eine zweite heute erschienene Studie von Forschern aus Kentucky im "New England Journal of Medicine". Sie haben die gleiche Methode angewandt: Von vier Probanden konnten zwei ansatzweise wieder laufen, aber viel kürzer als bei der "Nature"-Studie. Das zeigt: Prinzipiell kann es klappen, aber es ist sehr schwierig und aufwendig. Deshalb warnen deutsche Experten im Moment noch vor überzogenen Hoffnungen.

Bisher gelingen die holprigen Gehversuche nur im Labor, mit viel fremder Unterstützung. Eigenständig - also in den eigenen vier Wänden - kann der Patient aus der aktuellen Studie sich zumindest wieder selbstständig auf die Seite legen und hinsetzen; das ist auch schon ein wichtiger Fortschritt.

Aber es könnte sein, dass die Methode bei weniger stark Verletzten sehr viel besser funktioniert: bei Patienten also, die noch etwas Gefühl in den Beinen haben oder sie noch ein bisschen bewegen können. Bei ihnen sind noch mehr Nervenleitungen im Rückenmark intakt, vermutlich lässt sich dann mit Stimulation deutlich mehr erreichen. Es geht auch nicht nur ums Laufen: Die amerikanischen Ärzte hoffen, dass gelähmte Patienten mit Rückenmarksstimulation vielleicht irgendwann auch wieder ihre Blase kontrollieren oder sogar Sex haben können.

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