Mobbing | Bildquelle: picture alliance / dpa

Hass im Internet HateAid klagt für Mobbingopfer

Stand: 04.07.2019 16:27 Uhr

Wer Mobbing im Internet erlebt, fühlt sich oft alleingelassen. Strafanzeigen helfen nach Meinung der neu gegründeten Hilfsorganisation HateAid selten. Der Verein macht es anders.

Von Ramona Schlee, ARD-Hauptstadtstudio

"Ich würde gerne eine Enthauptungsvideo mit Ihnen sehen" - Ist das noch Kritik oder bereits Hass, gar eine Drohung? Bekommen hat diesen Tweet die ehemalige Verbraucherschutzministerin und Grünen-Politikerin Renate Künast vor einigen Jahren. Sie hat damals Strafanzeige erstattet und ist damit gescheitert.

Strafanzeigen seien nicht das richtige Mittel, sagt eine neue Hilfsorganisation namens HateAid. Viel wirksamer seien nach Ansicht des Hilfsvereins Zivilrechtsklagen - mit diesen können Hater auf Schadensersatz verklagt werden. Genau dabei will HateAid den Opfern von Hassattacken helfen, indem die Organisation Geld und anwaltliche Unterstützung bereitstellt.

Anna-Lena von Hodenberg, Geschäftsführerin von HateAid, und Luisa Neubauer, Aktivistin von Fridays for Future. | Bildquelle: dpa
galerie

Anna-Lena von Hodenberg (r.), Geschäftsführerin von HateAid, und Luisa Neubauer, Aktivistin von Fridays for Future. Neubauer hat sich bei HateAid Hilfe gesucht.

Wüste Beschimpfungen gegen Klimaaktivistin

Auch Luisa Neubauer hat bei HateAid Hilfe gefunden. Sie gilt als das Gesicht der Fridays-for-Future-Bewegung in Deutschland. Seit Monaten streitet sie mit Schülern für das Weltklima, ruft dafür jeden Freitag zu Schulstreiks auf. Hater greifen sie dafür im Netz an: "Es fängt an mit 'Lass dich abtreiben' bis hin zu 'Meine Tochter wird hoffentlich nie wie du'", erzählt sie. Es sei furchtbar, das zu lesen, "und ich würde lügen, würde ich sagen, dass mich das nicht trifft", gesteht Neubauer. "Aber in erster Linie denke ich: Leute, macht was Besseres mit eurer Zeit."

Neubauer lässt sich von HateAid vertreten. Denn Hass im Netz muss ihrer Ansicht nach bestraft werden. Die Organisation sichtet alles, was im Netz über die junge Aktivisten gepostet wird.

Erstrittenes Geld kommt anderen Opfern zugute

Ist etwas zivilrechtlich strafbar, bringen es Anwälte wie Jan Stahl zur Anzeige. Erstreiten die Anwälte vor Gericht tatsächlich Schadenersatz, kommt das allen zugute, erklärt Stahl:

"Das heißt, das Geld, das wir erstreiten, wird im Rahmen einer gelebten Solidarität wieder für andere zur Verfügung gestellt, um möglichst großflächig und möglichst zahlreich den Menschen helfen zu können."

Betroffene, die erfolgreich gegen Hass vorgehen und ein Schmerzensgeld erstreiten, spenden dieses also wieder an HateAid. Das Geld fließe vollständig zurück in die Prozesskostenfinanzierung.

Auf diese Weise will HateAid den Opfern von Hass im Netz alle Kosten für ein Gerichtsverfahren abnehmen. Die Organisation sieht sich zudem als Erstanlaufstelle und bietet verschiedene Beratungen an. Dazu zählt, wie man Profile und Konten im Internet möglichst sicher macht, wenn plötzlich die eigenen persönlichen Daten im Netz auftauchen.

Sorge um Meinungsfreiheit

Ziel des Hilfsvereins bleibe immer: Die Täter dürfen nicht ungeschoren davonkommen. Darauf pocht die Geschäftsführerin von HateAid, Anna-Lena von Hodenberg. Hasskommentare nur aus dem Netz zu nehmen, reiche nicht aus:

"Ich bringe immer das Beispiel: Sie lassen Ihr Auto draußen und jemand zerkratzt das und dann wird das Auto neu lackiert und dann geht der wieder zum Auto und zerkratzt das wieder. Genauso läuft das im Netz. Wenn Sie nur löschen, dann schreiben die Hater eben noch drei andere Nachrichten, das bringt es eben nicht."

Von Hodenberg sorgt sich um die Meinungsfreiheit in Deutschland. Eine ganz aktuelle Studie zeige: Mehr als die Hälfte der Internet-User hielten sich bei Diskussionen im Netz zurück. Aus Angst, Opfer von digitalen Hassattacken zu werden.

Folgen im analogen Leben

Die Grünen-Politikerin Künast - selbst häufig Zielscheibe von Hatern - sieht Folgen auch im analogen Leben. Sie sieht kritisch, wenn sich aufgrund von Hasskommentaren manche im Bundestag, im Landtag oder im Landkreis nicht mehr engagieren wollen. Es gibt ihrer Ansicht nach genügend Beispiele für Politiker, die sich mit Sorge um ihre Familien dann lieber zurückziehen. "So was nennt man Zersetzung", sagt sie.

Für diese Zersetzung seien nur sehr wenige verantwortlich, die im Netz sehr laut und sehr wirksam Hass verbreiten. Der Hilfsverein will diese wenigen aus der Deckung holen und von Gerichten bestrafen lassen: für die Debattenkultur, für die Demokratie und für die Würde der Opfer von Hass im Netz.

"Hate Aid" will Opfern von Hass im Netz helfen
Ramona Schlee, ARD Berlin
04.07.2019 14:02 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 04. Juli 2019 um 15:49 Uhr.

Darstellung: