Am Brüder Grimm-Denkmal auf dem Hanauer Marktplatz wird an die Opfer des rassistisch motivierten Anschlags erinnert | dpa

Sechs Monate nach Anschlag Hanau - der Schrecken bleibt 

Stand: 19.08.2020 11:01 Uhr

Vor einem halben Jahr erschütterte das rassistische Attentat von Hanau Deutschland. Heute gedenken Angehörige und Freunde jener Menschen, die ermordet wurden. Ihr Leben ist vom erlittenen Verlust und Ängsten gezeichnet.

Von Sandra Tzschaschel und Oliver Feldforth, HR

Salam Hashemi fällt das Reden über die Ereignisse in Hanau vor einem halben Jahr immer noch schwer. Traumatisch sind die Stunden der Ungewissheit und des Bangens vor dem Krankenhaus. Hashemi hat bei dem rassistisch motivierten Anschlag seinen Sohn Nesar verloren. Dessen Bruder Etris überlebte die Tat nach einer Notoperation. "Es fehlen mir ganz viele Erinnerungen aus der Nacht", sagt Hashemi heute.

Zu Hause haben sie das Zimmer des toten Sohnes seitdem nicht angerührt. Wie geht Hashemi mit dem Verlust um? Wie schaffen es die Hashemis, nach der mörderischen Tat weiterzuleben? Er und seine Frau kämpfen jeden Tag mit dem Schmerz. Aufgeben ist keine Option, schon der drei anderen Kinder wegen.

Nur durch Zufall überlebt

Für Hashemi und die anderen Angehörigen der neun Todesopfer hat die Stadt Hanau in der Innenstadt einen Raum zur Verfügung gestellt. In Sichtweite steht die Shisha-Bar - der erste Anschlagsort. Der 43-jährige Attentäter Tobias R. eröffnete dort am Abend des 19. Februar das Feuer auf die Gäste. Danach schoss er in einer Bar und einem Kiosk um sich.

Es treffen sich Eltern, deren Kinder ermordet wurden und Frauen und Männer, die ihre Freunde verloren haben. Die Überlebenden sind oft nur durch einen Zufall nicht selbst in die Schusslinie des Mörders geraten. Heute kommen sie in der Stadt zusammen, auch weil der Tod ihrer Angehörigen nicht vergessen werden soll. Sie gedenken mit Kerzen und Bildern der Toten auf dem Marktplatz.

Eingeladen zu der Veranstaltung hat die "Initiative 19. Februar". Als Verweis auf das Datum des Anschlags ist für 19.02 Uhr eine Schweigeminute geplant. Auch soll ein neues Banner mit der Aufschrift "Kein Platz für Rassismus und Gewalt - Hanau steht zusammen für Respekt, Toleranz und Zivilcourage" angebracht werden.

Ehepaar Hashemi | HR

Das Ehepaar Hashemi verlor in der Anschlagsnacht einen Sohn. Vater und Mutter kämpfen jeden Tag mit dem Schmerz. Bild: HR

Angst als ständiger Begleiter

Wie sehr die Tat auch heute noch die Stadt prägt, merkt auch Juliana Anand. Sie hat ein Geschäft in der Krämerstraße, das weniger als hundert Meter vom ersten Tatort in der Hanauer Innenstadt entfernt liegt. Am Morgen nach der Tatnacht wollte sie ihren Kosmetiksalon neu eröffnen. Drei Jahre lang hatte die 32-Jährige daraufhin gearbeitet.

Die Freude über ihre Existenzgründung ist der Angst gewichen. Anand fühlte sich immer gut integriert in Deutschland. Ihre Familie kommt aus Afghanistan, sie lebt seit ihrem fünften Lebensjahr in Hanau. Jetzt, ein halbes Jahr nach dem Anschlag, fühlt sie sich immer noch unwohl und unsicher.

Sie lässt ihre Kinder immer noch nicht allein auf den Spielplatz gehen. Sie war oft gemeinsam mit ihrem Mann in der Shisha-Bar in der Straße nebenan und denkt, der Anschlag hätte auch sie beide treffen können. Was wäre dann aus ihren Töchtern geworden?

Die Kosmetikerin Juliana Anand | HR

Die Kosmetikerin Juliana Anand fühlt sich unwohl und unsicher. Sie lässt ihre Kinder nicht alleine auf den Spielplatz. Bild: HR

Der Friseur Cengiz Han | HR

Der Friseur Cengiz Han lebt seit 55 Jahren in Hanau. Über den Anschlag redet er nur ungern. Bild: HR

"Wir machen einfach weiter"

Die Angst will Cengiz Han nicht zulassen. Der 66-jährige Friseur will sich sein Leben in Hanau nicht zerstören lassen. Ungern redet er über die Tat und wie sie sein Leben in der Stadt beeinflusst hat. Seit 55 Jahren lebt er hier und hat mit seiner Frau zwei Kinder großgezogen. "Wir machen einfach weiter, auch wenn wir noch trauern", sagt er. Hanau habe das nicht verdient.

"Ich gehöre zu Hanau. Ich fühle mich hier nicht wie ein Ausländer", sagt er. Die Tat eines Einzelnen dürfe nicht alles überschatten, davon ist er überzeugt. Daraus lernen, das müsse man aber schon und aufpassen, dass so etwas Schreckliches nicht wieder passiere.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 19. August 2020 um 05:37 Uhr.