Christian Lindner und Robert Habeck. | AFP

Lindner und Habeck Ziemlich beste Rivalen

Stand: 10.06.2022 07:20 Uhr

In der Bundesregierung knirscht es zwischen FDP und Grünen. Finanzminister Lindner und Wirtschaftsminister Habeck treten oft kumpelhaft auf - doch hinter der Fassade scheint es zu kriseln.

Von Oliver Neuroth, ARD-Hauptstadtstudio

Wenn Christian Lindner und Robert Habeck öffentlich auftreten, ist die Stimmung auf den ersten Blick gut. Es wird gewitzelt, gelacht, die beiden duzen sich. "Ja dann… einen schönen guten Abend von Christian und mir", sagt Habeck dann etwa.

Oliver Neuroth ARD-Hauptstadtstudio

Lindner hatte sich bei den Koalitionsverhandlungen im Kampf um das Finanzministerium durchgesetzt. Ein mächtiges Ressort. Unter Olaf Scholz als Minister hatte es mehr Gewicht innerhalb der Regierung bekommen. Habeck bekam das weniger einflussreiche Wirtschaftsministerium.

Die Grünen im Höhenflug

"Also für die Haushaltsdisziplin, Verzicht auf Steuererhöhungen, Schuldenbremse bin ich zuständig. Um das Wachstum kümmert sich der Robert", sagt Lindner. Doch inzwischen ist eher das Wirtschaftsministerium ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt - nicht zuletzt wegen des Kriegs in der Ukraine und dessen Folgen.

Habeck ist im ARD-Deutschlandtrend auf die Spitzenposition der beliebtesten Politiker aufgestiegen, Lindner steht "nur" auf Platz vier. Die Grünen sind im Höhenflug und gewinnen wichtige Landtagswahlen. Bei der FDP passiert das Gegenteil.

Typische FDP-Handschrift

Lindner versucht Fragen zur Stärke seiner Partei gekonnt wegzulächeln. "Leider hat die FDP die absolute Mehrheit im Bundestag verfehlt", sagt er und lacht. "Daher müssen wir in der Koalition Kompromisse machen."

Der Finanzminister legt nun Vorschläge auf den Tisch, die die typische FDP-Handschrift tragen. Um Profil zu zeigen, nicht von den Menschen vergessen zu werden - mit Blick auf die eher bescheidenen Zustimmungswerte. Anders als Habeck ist Lindner schließlich auch Parteichef.

Lindner gegen Übergewinnsteuer

So fordert Lindner, dass Spitzenverdiener keinesfalls höhere Steuern zahlen sollen, so wie es die Grünen verlangen. Lindner stellt sich zudem gegen die Idee einer Übergewinnsteuer, die beispielsweise für Mineralölkonzerne im Gespräch ist.

"Ich möchte nicht ein Steuersystem haben, wo nach der Stimmung am Stammtisch - wer ist uns gerade sympathisch und wer nicht - das Steuerrecht bestimmt wird", so Lindner.

Habeck dagegen sagt: Ihm leuchte nicht ein, warum diejenigen einfach so davonkommen sollen, die direkt Profiteure des Krieges und der Sanktionen seien, die gegen Russland verhängt wurden. 

Bei Energieversorgung weit auseinander

Ähnlich weit liegen die Positionen der beiden beim Thema Energieversorgung auseinander. Lindner ist für eine Debatte über die Atomkraft: "Wir müssen unideologisch über Fragen der Energieversorgung sprechen. Es geht um Bezahlbarkeit und um die Einsparung von CO2-Emmissionen."

"Ideologiefrei, fachlich wurde das Thema zu Beginn der Legislatur durchgeprüft. Es ist aus den Fachministerien heraus entschieden und politisch auch, dass es da keinen Weg in Deutschland weiter geben wird", schmettert Habeck die Idee ab.

Retten, was zu retten ist

Aus den ziemlich besten Freunden Christian und Robert scheinen ziemlich beste Rivalen geworden zu sein. Oder professionell agierende Ministerkollegen.

Offen über ihr Verhältnis zueinander sprechen will anscheinend keiner der beiden. Als Lindner vor ein paar Wochen nach der Regierungsklausur auf Schloss Meseberg auf den Beziehungsstatus zwischen ihm und Habeck angesprochen wird, schweigt er erst einmal.

Habeck versucht zu retten, was zu retten ist: "Läuft super!" Ein Satz, der diplomatisch oder ironisch gemeint sein kann.

Über dieses Thema berichtete BR24 am 10. Juni 2022 um 06:50 Uhr.