Annalena Baerbock, Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen, und Robert Habeck, Bundesvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen unterhalten sich zu Beginn der Präsidiumssitzung ihrer Partei. | Bildquelle: dpa

K-Frage bei den Grünen Es kann nur einen geben - oder eine

Stand: 20.11.2020 12:32 Uhr

Die Grünen wollen an die Macht - aber sie wollen sich nicht entscheiden, mit wem an der Spitze. Auch nicht bei diesem Parteitag. Doch der Druck steigt.

Eine Analyse von Kristin Joachim, ARD-Hauptstadtstudio

So viel schon mal vorab: Die K-Frage wird auch auf diesem Parteitag der Grünen nicht beantwortet werden. Es soll allein ums Grundsatzprogramm gehen. Auch wenn man durchaus der Ansicht sein kann, dass die Entscheidung, wer die Grünen im kommenden Jahr in den Wahlkampf führen wird etwas Grundsätzliches ist.

Doch die Grünen sehen den Zeitpunkt noch nicht gekommen: "Es wäre falsch, den Grundsatzprogrammprozess mit Personalentscheidungen zu überlagern", findet Bundesgeschäftsführer Michael Kellner. Es sei richtig, "die Entscheidung, wer auf den letzten Metern zieht" im nächsten Jahr zu treffen.

Die CDU ist ja auch noch nicht so weit

Aus Sicht der Grünen ist das nachvollziehbar. Auch die CDU, von den Grünen selbst als Hauptgegner im kommenden Wahlkampf bezeichnet, hat bisher weder einen neuen Parteichef noch einen Kanzlerkandidaten. Warum also sollten sie die Entscheidung schon jetzt treffen, die doch in gewisser Weise das Ende des erfolgreichen Teams Habeck/Baerbock bedeutet?

Die Grünen betonen immer wieder, dass die Führung im Duo funktioniert und zeitgemäß ist. Zuletzt nach der Wahl in den USA, als Robert Habeck den Wahlsieg von Joe Biden und Kamala Harris vor allem damit begründet, dass beide als echtes Team funktioniert hätten: Sie habe seiner Kampagne Leidenschaft verliehen, er habe mittlere Wählerschichten angesprochen.

Der Druck auf die Grünen wächst

Für den Politikwissenschaftler Oskar Niedermayer ist allerdings klar, dass der Druck auf die Grünen wachsen wird, sich endlich festzulegen: "Sie können es vielleicht noch ein paar Monate aufschieben, aber auch die Wähler wollen wissen - wenn die Grünen schon um Platz Eins spielen - mit wem sie denn dann als Kanzler oder als Kanzlerin zu rechnen haben."

Und auch auf diesem Parteitag werden Beobachter ganz genau hinschauen: Gibt es Hinweise, wer eher für die Kanzlerkandidatur geeignet ist? Wer hält die bessere Rede? Wer spricht zu welchen Themen? Und wer schafft es im Konfliktfall, besser zu vermitteln und Führungsstärke zu zeigen?

Je näher die Bundestagswahl rückt, desto entscheidender wird auch werden, wer zu welcher Talkshow eingeladen wird. Insofern dürfte es für Habeck nicht ganz leicht gewesen sein, dass kürzlich in einer Runde mit den potenziellen oder künftigen Kanzlerkandidaten Friedrich Merz und Olaf Scholz eben Annalena Baerbock saß - und nicht er. Es sei schon eine gewisse Spannung bei den Chefs zu spüren, berichtet einer, der schon lange in der Partei dabei ist.

Wer am Ende das Rennen macht, ist allerdings völlig offen. Ginge es allein nach aktuellen Umfragewerten, müsste die Wahl auf Habeck fallen. Allerdings holt Baerbock hier stetig auf. Innerhalb der Partei dürfte Baerbock bessere Karten haben. Sie gilt als bestens vernetzt und sie ist - bei den Grünen kein unwesentlicher Faktor - eine Frau.

Erstmal weiter zweigleisig

Vor der Landtagswahl in Baden-Württemberg im März nächsten Jahres wird die Entscheidung wohl kaum fallen. Die Wahl gilt als wichtige Wegmarke. Hier geht es darum, stärkste politische Kraft zu bleiben. Dann ist nicht mehr viel Zeit, einen Wahlkampf zu entwerfen, der auf einen Kandidaten zugeschnitten ist.

Für die Parteistrategen scheint es also unausweichlich, erstmal weiter zweigleisig zu fahren und so lange wie möglich auf die erfolgreiche Team-Strategie zu setzen. Wie auch immer die Entscheidung am Ende ausgeht, Parteibeobachter sind sich einig, dass das Ergebnis dann von der gesamten Partei mitgetragen wird: "Die Grünen sind seit 2005 in Wartestellung, das ist fast ein ganze Generation. Die Partei möchte endlich wieder Regierungsverantwortung haben", sagt die Politikwissenschaftlerin Andrea Römmele.

Aus der Partei ist zu hören, dass die Nummer zwei dann weiterhin vorne im Team mitspielen soll. Der Fokus der Aufmerksamkeit aber liegt dann ausschließlich auf der Nummer eins. Denn auch bei den Grünen gilt: Es kann nur einen geben. Oder eine.

Über dieses Thema berichteten am 20. November 2020 WDR 5 ab 13:15 Uhr im "Mittagsecho" und die tagesschau um 17:00 Uhr.

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Kristin Joachim, RBB

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