Logo "Bündnis90 Die Grünen" | Bildquelle: dpa

Zukunft der Grünen Auf dem Weg zur "Volkspartei"?

Stand: 19.10.2018 15:01 Uhr

Die Grünen gehörten mit ihrem Rekordergebnis zu den Siegern der Bayern-Wahl. Und laut Umfrage können sie auch bei der Landtagswahl in Hessen auf ein Rekordergebnis hoffen. Werden sie nun zu einer "Volkspartei"?

Von Ruth Kirchner, ARD-Hauptstadtstudio

Nach ihrem guten Abschneiden bei der Landtagswahl in Bayern erheben die Grünen noch mehr als bisher den Anspruch, politisch mitgestalten zu wollen. Und damit, wie es Parteichef Robert Habeck ausdrückt, "ins Zentrum der Demokratie" zu rücken. Von Protestpartei, als die die Grünen einst antraten, spricht heute in der Parteispitze niemand mehr. Mit dem Begriff Volkspartei aber tun sich die Grünen schwer.

Zeit für Euphorie

Robert Habeck und Anton Hofreiter | Bildquelle: PHILIPP GUELLAND/EPA-EFE/REX/Shu
galerie

Die Grünen sind nach der Bayernwahl euphorisch.

Die Grünen versprühen nach der Bayernwahl Euphorie. Und es geht nicht nur um ihre 17,5 Prozent in Bayern. Sie sind überzeugt, dass sie Menschen für sich gewinnen konnten, die sie früher nie gewählt hätten, zum Beispiel einige Überläufer von der SPD.

"Stimmungen und Veränderungen erfassen"

Gero Neugebauer
galerie

Politikwissenschaftler Gero Neugebauer sagt, die Grünen könnten Stimmungen und Veränderungen erfassen.

Für Politikwissenschaftler Gero Neugebauer ist dies ein deutliches Signal. "Die Grünen sind in der Lage, Stimmungen, Veränderungen auch in Lebensstilen, aber auch Veränderungen in Bedürfnissen und Interessen eines bestimmten Publikums besser zu erfassen und auch wiederzugeben als die anderen Parteien." Insofern seien die Grünen eine Partei, die über bestimmte ideologische Grenzen hinaus in der Lage sei, bestimmte, primäre bürgerliche Gruppen zu erfassen.

Sonntagsfrage
galerie

Im DeutschlandTrend des ARD-Morgenmagazins kommen die Grünen auf 19 Prozent.

Volkspartei? Begriff aus vergangenem Jahrhundert

Schon werden die Grünen als kommende Volkspartei gehandelt. Denn auch im DeutschlandTrend des ARD-Morgenmagazins lagen sie zuletzt mit 19 Prozent vor der SPD. Obwohl sie im Bundestag die kleinste Fraktion stellen - noch hinter FDP und Linke. Doch Volkspartei - damit tun sich die Grünen schwer. Das sei "ein Begriff aus dem vergangenen Jahrhundert", wehrt die Fraktionschefin Göring-Eckhart ab.

Robert Habeck | Bildquelle: dpa
galerie

Laut Parteichef Robert Habeck will, dass die Grünen politisch mitgestalten.

Und auch Parteichef Robert Habeck wiegelt ab: "Das Wort selbst wirft ein Problem auf. Das Konzept der Volksparteien war, grob gesprochen: Wir schleifen alle gesellschaftlichen Widersprüche schon in unseren Reihen ab. Also Mann, Frau, Protestant, Katholik, Nord gegen Süd, Arbeitnehmer, Angestellter." Alle würden sozusagen miteinander vermengt, dass ein gemeinsamer kleiner Nenner rauskomme und den würde man in die politische Debatte einbringen.

"Relativ bunte Gesellschaft"

Eine Partei mit unscharfem Profil - genau das wollen die Grünen nicht sein. Aber Volkspartei ist auch aus Sicht von Parteienforscher Neugebauer der falsche Begriff. Die Wählerbasis der Grünen bleibe trotz aller Erfolge begrenzt. Neugebauer sagt, sie würden vor allen Dingen städtische Bevölkerungsgruppen repräsentieren. Sie seien oft hochgebildet, meist auch mit einem höheren Einkommen, also nicht Arbeiter, nicht Prekäre. Es sei eine relativ bunt gemischte Gesellschaft, aber keine, die am Rande der Gesellschaft steht.

Volkspartei zu sein, die allen etwas anzubieten hat, das gelinge allerdings keiner Partei mehr, so Neugebauer. Zudem wüssten die Grünen, dass sich ein Teil ihrer Stärke aus den Schwächen von Union und SPD speist.

Was Parteichef Habeck nicht davon abhält, immer wieder zu betonen, dass er politisch mitgestalten will: "Wir haben die Aufgabe, ins Zentrum der Demokratie zu rücken. Das ist ohne Frage eine neue Rolle für uns, aber eine, die wir suchen und die wir haben wollen."

Ob die Partei diese Rolle ausfüllen kann, ist noch nicht entschieden. Die Flügelkämpfe in den eigenen Reihen liegen noch gar nicht so lange zurück. Wenn nächstes Jahr in Brandenburg, Sachsen und Thüringen gewählt wird, geht es für die Grünen um andere existentielle Fragen: Denn dort dümpeln sie in den Umfragen weiter zwischen fünf und sieben Prozent.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 19. Oktober 2018 um 12:08 Uhr.

Darstellung: