Cem Özdemir | Bildquelle: dpa

Cem Özdemir Der Schattenmann der Grünen

Stand: 24.09.2019 05:19 Uhr

Cem Özdemir will heute an die Spitze der Grünenfraktion im Bundestag gewählt werden. Ob er sich durchsetzen kann, ist nicht sicher. Doch seine Kandidatur bringt ihm wieder Schlagzeilen und die Fraktion aus der Ruhe.

Von Kristin Joachim, ARD-Hauptstadtstudio

Ob sich Cem Özdemir als Fraktionsvorsitzender der Grünen durchsetzen kann, ist nicht ausgemacht. Doch schon seine Kandidatur allein bringt die Fraktion in Wallung. Plötzlich ist er wieder da. Obwohl er ja eigentlich nie wirklich weg war. Doch seit Anfang 2018, als der 53-Jährige den Parteivorsitz abgegeben hat, steht er in der zweiten Reihe.

Von seinem Posten als Vorsitzender des Verkehrsausschusses sagt er zwar selbst, es sei ihm da nie langweilig geworden. Ausschussvorsitzender - das ist auch nicht nichts, aber eben auch nichts, worauf man auf seinem Twitter-Account hinweist. Da steht nur Bundestagsabgeordneter für Stuttgart I. So richtig profilieren konnte sich Cem Özdemir hier nie. Auch Ausschussmitglieder meinen, dass es deutlich war, dass Özdemir in den Tiefen seines Herzens hier nicht ausgefüllt war.

Beliebt und charismatisch

So richtig glauben konnte es niemand - weder in der Fraktion, noch im Medienbetrieb der Hauptstadt - dass es das jetzt gewesen sein soll mit dem Grünen-Politiker. Zu beliebt, zu charismatisch ist der einstige Bundesvorsitzende, als dass die Grünen ihn im Verkehrsausschuss verstecken sollten.

Nun also noch einmal der Versuch, in der Partei eine führende Rolle zu übernehmen. Er nutzt die Chance, die im rechten Moment zu kommen scheint. Er hat die Füße still gehalten, sich demütig gezeigt, nachdem seine Zeit als Parteivorsitzender nicht ohne Kritik geblieben ist. Sehr viel länger hätte er das nicht machen können, ohne irgendwann als "Hinterbänkler" gesehen zu werden. Sehr angriffslustig kam er so nicht rüber. Zudem hatte sich die Chance, in Baden-Württemberg in absehbarer Zeit Winfried Kretschmann zu beerben, wenige Tage vor der Verkündung seiner Kandidatur zerschlagen.

Anton Hofreiter und Katrin Göring-Eckardt, Fraktionsvorsitzende von Bündnis90/Die Grünen im Bundestag, | Bildquelle: dpa
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Die bisherigen Fraktionschefs Göring-Eckardt und Hofreiter wollen ihre Jobs behalten.

Duo kandidiert gegen Göring-Eckardt und Hofreiter

Jetzt tritt er an, gemeinsam mit Kirsten Kappert-Gonther. Sie formulieren es als Angebot an die Fraktion. Offenbar sehen sie diese unter der jetzigen Führung von Anton Hofreiter und Kathrin Göring-Eckardt nicht ausreichend auf eine künftige Regierungsbeteiligung vorbereitet. Hier müsse sich die Fraktion noch besser aufstellen.

Der Kampf gegen die Klimakrise sei das eine Thema. Laut Özdemir sei ihm auch wichtig:

"Das andere große Thema, das meine Biographie prägt, das ist der Kampf gegen Rechtsextremismus, der Kampf gegen jede Art von Fanatismus. Und auch da möchte ich meinen Beitrag leisten."

Özdemir zeichnet in seiner Fraktion eine Art Alleinstellungsmerkmal aus: Seine anatolische Herkunft, die er immer in den Vordergrund stellt. Die ihn bei seiner Kritik an der Politik der Türkei, an der AfD, besonders glaubhaft macht. Özdemir weiß um seine Stärken, zu denen sein rhetorisches Talent zählt. Dieses setzte er in den vergangenen zwei Jahren nicht häufig, aber wenn, dann mit voller Wucht auch gegen die AfD im Parlament ein. Diese Reden finden viel Beachtung. Davon will er mehr. Das Parlament sei der Ort der Widerrede gegen die AfD, sagt er.

Unruhe in der Fraktion

Die Überraschung über seine Kandidatur war groß, auch wenn eigentlich jeder wusste, dass mit Özdemir noch zu rechnen ist. Und doch konnten sich in der Fraktion offenbar nur wenige vorstellen, dass es jemand wagen würde, die mantramäßig vor sich hergetragene Geschlossenheit nach außen aufs Spiel zu setzen. Dieser Geschlossenheit wird ein großer Anteil an den guten Umfragewerten zugesprochen.

Mit der Kandidatur kommt nun Unruhe in die Fraktion. Bei den Flurgesprächen im Bundestag - gerade im linken Flügel - aber auch bei dem ein oder anderen Realo, wird die Kritik laut, Özdemir sei eine One-man-Show. Er sei jemand, der nicht im Team arbeiten könne und sich auf Kosten anderer profiliere. Eine Kritik, die sicherlich vor allem aus seiner Zeit als Parteichef im Duo mit Simone Peter herrührt, wo es öfter hoch herging, auch nach außen. Viele haben Angst, es könnte mit Kappert-Gonther ähnlich ablaufen, auch wenn sie deutlich macht, dass diese Gefahr bei ihr nicht bestünde:

"Ich glaube, dass Cem Özdemir sich nicht trauen würde, mich zu dissen."

Viel Einsatz für die Grünen

Doch auch in der Zusammenarbeit mit der Parteispitze Annalena Baerbock und Robert Habeck können sich viele nicht recht vorstellen, dass Özdemir es aushalten könnte, dass der Fokus der Aufmerksamkeit auf den beiden Parteichefs liegt - und dass das auch so bleiben soll.

Özdemir hat auf der anderen Seite viel für die Grünen getan, für die Öffnung der Partei nach außen, indem er Themen aufs Tableau gebracht hat, mit denen er sich nach innen nicht nur Freunde machte: mit seinen Äußerungen zu mehr Härte des Rechtsstaats, wenn er die Grundgesetztreue und das Frauenbild mancher Migranten in Frage stellte, oder gleich das ganze Multikulti-Konzept der Grünen. Diese Töne wirken besonders vor dem Hintergrund seiner Biografie. Damit hat er innerhalb der Partei polarisiert, aber es hat ihm anderseits auch großen Respekt verschafft.

Teamfähig durch Handball

Sollte er gewählt werden, muss es ihm gelingen, neuen Schwung in die Fraktion zu bringen, ohne sich selbst zu sehr in den Vordergrund zu stellen. Özdemir betont wohl auch deshalb immer wieder seine Teamfähigkeit: "Ich war in meiner Jugend Handballtorwart. Die Hütte sauber halten und das Spiel mit guten Pässen nach vorne aufbauen, die Mitspieler anspielen, so sehe ich die Jobbeschreibung auch für die beiden Fraktionsvorsitzenden. Erfolgreich sind wir als starkes grünes Team."

Die Frage ist, ob er tatsächlich aus der Vergangenheit gelernt hat. Wer das Risiko scheut, das vermeintlich sichere Fahrwasser zu verlassen, in dem die Grünen gerade schippern, wird sich wohl zweimal überlegen, für Özdemir zu stimmen.

Grüne wählen neue (oder alte) Fraktionsspitze
Sabine Henkel, ARD Berlin
24.09.2019 06:25 Uhr

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Über dieses Thema berichteten am 24. September 2019 B5 aktuell um 06:05 Uhr und die tagesschau um 09:00 Uhr.

Korrespondentin

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Kristin Joachim, RBB

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