Michael Kellner
Interview

Grünen-Geschäftsführer auf dem Parteitag "Wirtschaft braucht ökologische Ideen"

Stand: 22.11.2014 12:38 Uhr

Ökologie müsse nicht zugunsten von Ökonomie hintenangestellt werden, sagt der Grünen-Geschäftsführer Michael Kellner im Gespräch mit tagesschau.de. Noch streite die Partei über die richtige Wirtschaftspolitik, aber auch über das Vorgehen gegen den IS.

tagesschau.de: Die Grünen sind in den vergangenen Wochen und Monaten nicht immer besonders harmonisch aufgetreten. Was ist Ihr Eindruck nach dem ersten Tag des Parteitags: Finden Sie, die Partei konnte ihre bestehenden Risse wieder kitten?

Michael Kellner: Der grüne Chor sollte manchmal noch etwas harmonischer singen. Aber ich erlebe hier auf dem Parteitag bislang viel Harmonie und Einigkeit. Beispielsweise in der Debatte zum Thema Freiheit konnten wir zeigen, dass wir die Kraft sind, die in Deutschland für Selbstbestimmung und für Freiheit in all ihren Ausprägungen steht.

Michael Kellner, Bundesgeschäftsführer von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Zur Person

Michael Kellner ist seit Oktober 2013 Politischer Bundesgeschäftsführer von Bündnis 90/Die Grünen. Er wurde 1976 im thüringischen Gera geboren und trat mit 21 Jahren in die Partei ein. Der studierte Politikwissenschaftler übernahm seit 2005 verschiedene Parteiämter auf Landes- und Bundesebene - u.a. war er Büroleiter der damaligen Parteichefin Claudia Roth.

tagesschau.de: Ein Reizthema sind die Waffenlieferungen an kurdische Kämpfer im Irak und in Syrien. Cem Özdemir hat sich in seiner Eröffnungsrede dafür eingesetzt, um die IS-Terroristen bekämpfen zu können. Wie passt das zum pazifistischen Kern Ihrer Partei?

Kellner: Wir sind uns einig: Der Vormarsch des "Islamischen Staates" muss gestoppt werden. In den betreffenden Ländern herrscht eine furchtbare Situation, bis hin zu einem möglichen Völkermord, vor dem die Vereinten Nationen bereits gewarnt haben. Dagegen müssen wir etwas tun, humanitäre Hilfe leisten und Hilfe für Flüchtlinge. Ob Waffenlieferungen ein richtiges Instrument sind, um den Konflikt zu lösen, darüber gibt es in der Partei verschiedene Meinungen.

"Wir sind die Anwälte der Verbraucher"

tagesschau.de: Winfried Kretschmann hat in seiner Rede betont, dass die Grünen "selbstverständlich" eine Wirtschaftspartei seien und dass man den Menschen nicht immer "beibiegen muss, was grüne Politik heißt". Wie wollen Sie Wirtschaftsinteressen und Umwelt miteinander versöhnen?

Kellner: Ich sehe das nicht so, dass wir die Ökologie zugunsten der Ökonomie hintenanstellen müssen. Es gibt genügend Innovationsträger unter den Unternehmen, die zeigen, dass man auch mit ökologischen Ideen eine Wirtschaft voranbringen kann. Und genau das wollen wir unterstützen. Denn es gibt ja nicht nur die eine gute oder die eine böse Firma. Auf der anderen Seite müssen wir aber auch klare Kante zeigen, wenn Firmen gegen eine ökologische Wende im Land stehen - wie etwa Monsanto, die Pestizide, Düngemittel und gentechnisch veränderte Pflanzen herstellen.

Beim Thema Ernährung, das heute eine große Rolle spielen wird, gilt es für uns zu zeigen: Wir sind die Anwälte der Verbraucher, wir machen für sie Politik gegen Dreck im Essen - wie Gentechnik oder hormonverändertes Fleisch.

Pädophilie-Debatte - sich der Verantwortung stellen

tagesschau.de: Die Delegierten werden auch über den Abschlussbericht des Politologen Franz Walter zur Pädophilie-Debatte in Ihrer Partei diskutieren. Denken Sie, dass Sie das Thema damit abschließen können?

Kellner: Ich glaube, dass wir eine Verantwortung aus der eigenen Geschichte haben, und dieser Verantwortung werden wir uns dauerhaft stellen. Deswegen ist es richtig und wichtig, dass wir über das Thema diskutieren, um hier noch mal ein Zeichen zu setzen, dass wir uns mit unserer Vergangenheit auseinandersetzen.

"Es geht uns darum, Herrn Scholz von seinem Thron zu stoßen"

tagesschau.de: Ist Ihre Partei fit für die anstehenden Landeswahlen in Hamburg und Bremen?

Kellner: Ich freue mich sehr auf die beiden Wahlen. In Bremen könnten wir bei einem Wahlsieg einen historischen Erfolg feiern und erstmals drei Legislaturperioden regieren. Auch in Hamburg bin ich optimistisch, dass wir eine weitere grüne Regierungsbeteiligung erkämpfen können. Mit wem, dass müssen die HamburgerInnen entscheiden. Aber erst mal geht es uns darum, Herrn Scholz von seinem Thron der Alleinregierung zu stoßen.

tagesschau.de: Bei vielen Rednern klang bereits das Thema Bundestagswahl 2017 an. Wie realistisch ist dann ein schwarz-grünes Bündnis?

Kellner: Wir sind heute im Jahr 2014 - und ich kriege weder graue Haare, wenn ich über Schwarz-Grün in Hessen noch wenn ich über Rot-Rot-Grün in Thüringen rede. Diese Beispiele zeigen unsere Stärke und Eigenständigkeit. Klar ist für uns vor allem: Wir können keine Option ausschließen. Wir werden nach unseren Inhalten gehen und ausloten, was möglich ist, und danach entscheiden wir.

Das Interview führte Alexander Steininger.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 22. November 2014 um 12:50 Uhr.

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KOMMENTARE

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Prof. Dr. Martin Lindner 22.11.2014 • 20:43 Uhr

Subventionen

Die Kernkraft wurde mit ungeheuren Mitteln gefördert. Gerade darum ist es ökonomisch irrsinnig, eine Industrie dann abzuschalten, wenn sie die größten Entwicklungs- und Herstellkosten verdient hat und als Cash Cow für die nächste Generation der Stromerzeugung dienen sollte. Genau das war das Konzept von Schwarz-Gelb 2010. Und leider sind auch Wind- und Sonnenenergie nie umsonst. Gerade die Wartung ist sehr, sehr teuer. Der Preis eines Gutes hängt von seinen Herstellkosten ab, die sind bei Wind extrem hoch. Ein Skandal ist die Zahl 106. Sie beziffert als Prozentzahl die Versorgung mit Lebensmitteln der EU. In Japan sind es nur 40%. Deshalb sorgt unsere Agrarlobby für den Export von Lebensmitteln. Mit anderen Worten: Die EU sorgt selbst dafür, dass Afrika verarmt und uns von dort Wirtschaftsflüchtlinge schickt. Fair Trade, Aufhören mit "Esst lokale Lebensmitteln", Bevölkerungsreduktion auf der ganzen Welt, Reduktion der Treibhausgase und vieles mehr wäre das Gebot grüner Politik.