Eine junge Frau liegt mit einer Grippe im Bett. | imago stock&people

Wegen Corona-Pandemie Einige Grippe-Varianten verschwunden

Stand: 13.10.2021 18:03 Uhr

Im vergangenen Jahr blieb die Grippewelle aus. Experten befürchten, dass sie dafür in diesem Jahr besonders heftig ausfällt. Einige Grippe-Varianten scheinen allerdings verschwunden zu sein.

Von Jan-Claudius Hanika, BR-Wissenschaftsredaktion

Abstands- und Hygienemaßnahmen, Kontaktbeschränkungen und Maskenpflicht dämmen nicht nur die Ausbreitung des Coronavirus ein. Auch andere Viren und Bakterien haben es schwer, sich auszubreiten. Die Grippewelle fiel deshalb im vergangenen Winter nahezu aus. In der Grippesaison 2019/20 meldeten die Labore in Deutschland 186.919 Fälle von Influenza. 2020/21 waren es nur 564.

In diesem Winter könnte die Grippe jedoch mit umso größerer Macht zurückkehren - insbesondere, wenn viele Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie wegfallen. Das zeichnet sich derzeit bereits bei den anderen Erkältungskrankheiten ab. Deren Fallzahlen seien deutlich höher als in den vorangegangenen Jahren, besonders bei den Kindern, sagt Ulrike Protzer, Professorin für Virologie an der Technischen Universität München. Den Kindern fehle die Immunität, die sie sonst in den vergangenen Jahren aufgebaut hätten, und "wenn wir jetzt die Masken weglassen, dann kommen diese ganzen Erkältungsviren und auch die Grippe, so ab Dezember, zurück."

Jedes Jahr ein neuer Grippe-Impfstoff

Das Immunsystem ist tagtäglich damit beschäftigt, Krankheitserreger abzuwehren. Während der Pandemie war es aber weniger gefordert und ist nun weniger abwehrbereit. Das gilt auch für die Erreger der Grippe, die Influenzaviren. Eine Grippeschutzimpfung ist daher in diesem Jahr besonders wichtig. Die Influenzaviren zirkulieren in Deutschland ab etwa Anfang Oktober. Die Grippe-Saison reicht bis in den Mai des Folgejahres. Daher wird im Oktober mit den Grippeschutzimpfungen begonnen, damit zum Höhepunkt der Welle - meist im Januar - bereits möglichst viele Menschen geschützt sind.

Der Grippe-Impfstoff hat jedes Jahr eine andere Zusammensetzung. Bei den Influenzaviren gibt es drei verschiedene Arten mit unterschiedlichen Subtypen. Durch Mutation entstehen immer wieder neue Stämme. Referenzlabore auf der ganzen Welt überwachen, welche Varianten der Influenzaviren gerade in bestimmten Gegenden zirkulieren. Wenn auf der Nordhalbkugel Sommer ist, beobachten die Forscher besonders das Infektionsgeschehen auf der Südhalbkugel. Die Viren, die sich dort ausbreiten, erreichen mit hoher Wahrscheinlichkeit ein halbes Jahr später den Norden. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) gibt im Februar bekannt, welche vier Virenstämme sich vermutlich am stärksten ausbreiten werden. Sie sind dann die Basis des Impfstoffs für die folgende Grippe-Saison.

Corona-Maßnahmen stoppen auch die Grippe

Die Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie haben aber anscheinend in diesem Jahr dafür gesorgt, dass der aktuelle Grippe-Impfstoff gegen einen Virenstamm wirkt, den es vermutlich gar nicht mehr gibt. Eine Arbeitsgruppe von Medizinern an der Universität Hongkong berichtet, dass eine Linie des Influenza-B-Virus namens Yamagata wohl seit April 2020 ausgestorben sei. Einzelne Fälle wurden noch registriert, dabei könnte es sich aber um falsch-positive Testergebnisse handeln. Auch der Subtyp H3N2 des Influenza-A-Virus ist vielfach verschwunden. Die Pandemiebekämpfung hat offenbar so viele Ansteckungsketten unterbrochen und kleinere Ausbrüche im Keim erstickt, dass diese Virus-Linien ganz oder teilweise verschwunden sind.

Eine gute Nachricht ist das aber nicht: Eine bisher seltene oder nur lokal vorkommende Virus-Linie könnte irgendwann eine schwere Grippewelle auslösen, da Impfstoffe gegen sie nur schlecht oder gar nicht schützen. Dazu kommt, dass das Immunsystem gegen Influenzaviren, die nicht zirkulieren, auch keinen Immunschutz aufbauen kann.

Wirksamkeit des Impfstoffs lässt sich nicht vorhersagen

Falls der aktuelle Grippe-Impfstoff gegen einen Virusstamm wirkt, der bereits ausgestorben ist, deckt er aber immer noch ausreichend Virusvarianten ab. Wie hoch die Wirksamkeit des Impfstoffes tatsächlich ist, lässt sich aber erst nach Ende der Grippe-Saison bestimmen. Wenn ein Grippe-Impfstoff sehr gut mit den gerade zirkulierenden Influenzaviren übereinstimmt, kann die Schutzwirkung bei bis zu 80 Prozent liegen. Bei geringer Übereinstimmung von Impfstoff und Viren und bei älteren Menschen kann sie aber deutlich niedriger sein.

Trotzdem ist eine Impfung das effektivste Mittel gegen eine drohende Grippewelle. Deren Schwere lässt sich ebenso wenig vorhersagen wie die Wirksamkeit des Impfstoffs.

Über dieses Thema berichtete das Morgenmagazin am 13. Oktober 2021 um 05:42 Uhr.