Grenzlandmuseum Böckwitz, links Nico Ludwig (2. Vorsitzender), rechts Verena Treichel (1. Vorsitzende). | ARD-Aktuell
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tagesthemen mittendrin Grenzenloses Engagement

Stand: 09.11.2020 14:09 Uhr

Kaum Mitglieder, wenig Geld in der Kasse: Das Grenzmuseum Böckwitz stand schon kurz vor dem Aus. Nun kümmert sich eine jüngere Generation um den Verein - und sorgt für neue Ideen.

Von Matthias Koch, MDR

Verena Treichel hätte eigentlich genug um die Ohren. Sie ist gelernte Veranstaltungskauffrau, Natur- und Landschaftsführerin und betreibt einen Kreativhof, auf der sie Kunstwerke aus getrockneten Blumen kreiert. Gerade hat sie noch die Prüfung als Waldpädagogin bestanden. Dabei hat sie seit einem Jahr noch ein Ehrenamt, das alleine schon viel Kraft kostet.

Sie ist erste Vorsitzende des Museumsvereins Böckwitz. Das Museum umfasst einen alten Hof, mit Bauerngarten, Backhaus und ehemaligen Stallgebäuden. Die Eigentümer waren 1952 bei der sogenannten Aktion "Ungeziefer" enteignet und vertrieben worden, denn der Hof lag unmittelbar an der Grenze. Die trennte nicht nur Deutschland, sondern hier auch zwei Orte, die jahrhundertelang zusammengewachsen waren: Zicherie und Böckwitz.

Im Jahr 1996 eröffnet

Die Trennung riss tiefe Wunden: Um die Erinnerung an die Zeit zwischen Teilung und Wiedervereinigung wachzuhalten, eröffneten einige Zeitzeugen 1996 das Museum. Mit viel Herzblut trugen sie Sachzeugnisse zusammen - vom Dorfmodell über Fotos, Dokumente, DDR-Uniformen, Zeitungsartikel bis zu einem Motorrad der Grenztruppen. Heute wirkt die Sammlung etwas verstaubt, es weht der Geist der Nachkriegszeit durch die Scheune.

Ende vergangenen Jahres drohte das Ende des Museums. Die Vorsitzende, 79 Jahre alt, trat zurück, der Verein war auf wenige Mitglieder geschrumpft, die Kasse leer. Als Treichel davon hörte, zögerte sie lange, aber dann entschloss sie zu helfen: "Mich treibt an, dass dieser Ort sonst von der Landkarte verschwunden wäre."

Die junge Frau ist gut vernetzt und so gelang es ihr schnell, junge Leute für das Museum zu begeistern. Inzwischen sind 40 neue Mitglieder dabei. Statt Resignation ist jetzt Spaß an der neuen Aufgabe zu spüren, es geht meist fröhlich zu bei Besprechungen.

Die Grenze in den Herzen

Abigail Fagan, die alle nur Abby nennen, ist eine von ihnen. Die Amerikanerin ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Hannover, lehrt dort Amerikanische Literatur und Geschichte. Sie will sich um die Archivierung der in Schränken und Kisten verborgenen Schätze kümmern. Wie alle, die sich jetzt für das Museum engagieren, hat auch sie einen Bezug zum Thema "Grenze":

"Eine Grenze ist auch für mich als Amerikanerin ein sehr großes Thema", sagt sie. "Trump stand dafür, so eine Grenze zwischen Mexiko und Amerika zu bauen." Sie sehe es als Teil des Bildungsauftrages, in dem Museum über Grenzen zu sprechen und auch zu überlegen, wie die Grenzen in den Herzen und Köpfen überwunden werden können.

Auch Nico Ludwig gehört zu der neuen Crew. Jedes neue Mitglied kann sich mit seinen Fähigkeiten einbringen. Er ist eigentlich Softwareentwickler, aber seit Jahren, als Ausgleich für beruflichen Stress, ehrenamtlicher Natur- und Landschaftsführer. Er leitet Fahrradtouren entlang der ehemaligen Grenze, die heute als "Grünes Band" ein Rückzugsgebiet für seltene Pflanzen und Tiere ist.

Ausstellung soll modernisiert werden

Die Touren führen auch zum Grenzlehrpfad, mit originalem Wachturm und auf einigen Metern wiederaufgebauten Sperranlagen, wie den Metallgitterzaun oder die Betonmauer. Viele können sich heute nicht mehr vorstellen, dass bis zur Öffnung der Mauer 1989 hier Todesgefahr durch Minen und Schüsse bestand, sagt er: "Gerade die ausländischen Besucher sagen: 'Ihr könnt doch stolz drauf sein, was ihr geschafft habt'". Es sei wichtig, dass daran erinnert werde, welche Verbrechen an der Menschlichkeit in der Todeszone passierten.

Viel Arbeit liegt vor den neuen Vereinsmitgliedern. Mit Hilfe von Museumspädagogen soll die Ausstellung modernisiert werden und die digitale Welt einziehen - was nicht immer einfach ist in Böckwitz, denn WLAN und selbst Handys funktionieren hier, in dem abgelegenen Landstrich, nur sehr eingeschränkt.

Über dieses Thema berichten die tagesthemen am 09. November 2020 um 22:15 Uhr.