Sicherheitskräfte bringen den Fallschirmspringer vom Platz | AFP

Missglückter Protest bei EM "Es hätte ganz anders ausgehen können"

Stand: 16.06.2021 16:36 Uhr

Die Bundesregierung hat die Greenpeace-Aktion in München scharf verurteilt, die Grünen nannten die Aktion "dämlich". Bayerns Innenminister Herrmann will den Luftraum bei den nächsten Spielen stärker überwachen.

Die Bundesregierung hat die missglückte Greenpeace-Protestaktion im Münchner EM-Stadion scharf kritisiert. "Das war eine unverantwortliche Aktion, die Menschen in große Gefahr gebracht hat", erklärte Regierungssprecher Steffen Seibert. Die Aktion sei zwar "Gott sei Dank einigermaßen glimpflich" ausgegangen, was auch "eine große Erleichterung" sei.

Trotzdem sollten die Verantwortlichen "schon selbstkritisch den Sinn solcher Aktionen hinterfragen, bei denen es um maximales Spektakel für maximale PR-Wirkung" gehe, sagte Seibert. Diese führten zu "potenziell gemeingefährlichen Situationen".

Zwei Männer verletzt

Ein 38-jähriger Mann aus Pforzheim in Baden-Württemberg war am Dienstagabend kurz vor dem Anpfiff des Fußballspiels Frankreich - Deutschland mit einem Motorgleitschirmflieger auf dem Platz im Münchner EM-Stadion gelandet und hatte im Landeanflug zwei Männer verletzt, die ins Krankenhaus kamen.

Ursprünglich wollte der Pilot nach Angaben von Greenpeace einen großen gelben Ball in die Arena sinken lassen - als Protest gegen den Sponsor Volkswagen. Dabei geriet er in eine Stahlseilkonstruktion am Stadiondach und kam ins Trudeln, so dass er ins Stadion herabsank. Greenpeace entschuldigte sich im Nachhinein für die Aktion.

Seibert stellte klar, dass die Verurteilung der Greenpeace-Aktion nichts mit den Inhalten des Protests zu tun habe. Man müsse diese Aktion so beurteilen, "völlig unabhängig davon, welchem Zweck sie diente", sagte Seibert.

Überprüfung der Gemeinnützigkeit gefordert

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder kündigte Konsequenzen an. "Das wird genau behandelt, das sind klare Verstöße", sagte er dem Bayerischen Rundfunk. "Das ist kein Kavaliersdelikt."

Der CDU-Politiker Friedrich Merz schrieb bei Twitter: "Nach dem Vorfall von gestern mit einer ernsthaften Gefährdung der Stadionbesucher wird es Zeit, die Gemeinnützigkeit von Greenpeace zu überprüfen."

Das forderte im "Handelsblatt" auch der rechtspolitische Sprecher der Unions-Bundestagsfraktion, Marco Luczak (CDU): Er bezeichnete Greenpeace als "Wiederholungstäter" und forderte von den Umweltschützern eine "klare Distanzierung und Vorkehrungen, dass solche rechtswidrigen Aktionen sich nicht wiederholen".

Der FDP-Fraktionsvize Michael Theurer warf Greenpeace in der Zeitung vor, "ohne Sinn und Verstand" Menschenleben gefährdet zu haben. Das sei auch schon bei der Farbaktion an der Berliner Siegessäule vor drei Jahren der Fall gewesen. "Eine solche Häufung an äußerst unschönen Vorkommnissen sollte dazu führen, dass die Gemeinnützigkeit dieses Vereins unter die Lupe genommen wird."

Kritik auch von den Grünen

Auch Grünen-Bundesgeschäftsführer Michael Kellner übte Kritik. "Aktionen, die die Gesundheit anderer gefährden, gehen gar nicht." Das gelte selbstverständlich auch für Greenpeace, erklärte Kellner auf Twitter. Die Forderungen, Greenpeace jetzt die Gemeinnützigkeit abzuerkennen, seien allerdings "völlig überzogen."

Der Grünen-Bundestagsabgeordnete Dieter Janecek sagte dem "Handelsblatt": "Die Greenpeace-Aktion war, höflich gesagt, im höchsten Maße dämlich - und leider auch gefährlich." Die Organisation habe damit dem Klimaschutz einen Bärendienst erwiesen. Konsequenzen für den Gemeinnützigkeitsstatus lehnt aber auch Janecek ab.

Greenpeace: Polizei war über Aktion informiert

Die Münchner Polizei war nach Angaben eines Greenpeace-Sprechers über die Protestaktion informiert. Unmittelbar vor der Aktion sei Beamten innerhalb und außerhalb des Stadions Bescheid gegeben worden, sagte Greenpeace-Sprecher Benjamin Stephan der Nachrichtenagentur dpa. Ein Münchner Polizeisprecher bestätigte dies nicht und sagte, darüber habe seine Behörde keine Informationen.

Debatte um Sicherheit in Stadien

Die Aktion hat auch eine Diskussion über die Sicherheit während der Fußball-Europameisterschaft ausgelöst. Bayerns Innenminister Joachim Hermann kündigte an, die bayerische Polizei werde bei den kommenden drei EM-Spielen die Luftüberwachung verstärken, "insbesondere zusammen mit der Hubschrauberstaffel".

Über dem Stadion gilt bei den EM-Spielen laut Innenministerium ein totales Flugverbot. "Es hätte ganz anders ausgehen können, auch für den Piloten", betonte Herrmann. "Wenn die Polizei zur Einschätzung gelangt wäre, dass es sich um einen Terroranschlag handelt, hätte er das mit dem Leben bezahlen müssen. Die eingesetzten Scharfschützen hatten ihn bereits im Visier."

Polizei ermittelt wegen mehrerer Delikte

Der Pilot war nach der Aktion festgenommen worden, sein Flieger wurde sichergestellt. Gegen den Mann wird wegen verschiedener Delikte ermittelt, darunter schwerer Eingriff in den Flugverkehr, Hausfriedensbruch und gefährliche Körperverletzung. Am Mittwoch war der Mann nach Polizeiangaben allerdings schon wieder auf freiem Fuß, weil keine Haftgründe gegen ihn vorlagen.

Ein Verletzter weiter im Krankenhaus

Von den beiden bei der Aktion verletzten Männern befand sich ein 42-jähriger Ukrainer, der im Stadion gearbeitet hatte, auch am Tag danach noch wegen Verletzungen am Kopf und Hals im Krankenhaus.

Ein 36-jähriger Franzose, der ebenfalls nicht als Zuschauer, sondern zum Arbeiten im Stadion war und auch am Kopf verletzt worden war, konnte das Krankenhaus nach Polizeiangaben heute wieder verlassen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 16. Juni 2021 um 13:00 Uhr.