Eine Helferin nimmt einen Schnelltest ab.

Bund-Länder-Beschluss Was bedeutet das Ende der Gratistests?

Stand: 11.08.2021 10:27 Uhr

Ab 11. Oktober soll es keine kostenlosen Bürgertests mehr geben. Was haben die Tests gebracht und welche Auswirkungen hat die Maßnahme? Ist der Schritt richtig?

Von Dominik Lauck, tagesschau.de

Die meisten Bürgerinnen und Bürger haben in den vergangenen Monaten Corona-Schnelltests gemacht, die vom Staat bezahlt wurden. Das ist künftig vorbei. Ab 11. Oktober müssen die Tests in der Regel selbst bezahlt werden. Gratis sind sie dann nur noch für diejenigen, die sich nicht impfen lassen können oder für die es keine allgemeine Impfempfehlung gibt - wie Schwangere oder Kinder und Jugendliche. So haben es Bund und Länder am Dienstag beschlossen.

Dominik Lauck

Eine Maßnahme, die von Experten begrüßt wird. Die Göttinger Medizinethikerin Claudia Wiesemann hält die Entscheidung für gerechtfertigt. "Die Impfung gegen das SARS-Cov2-Virus stellt für alle Erwachsenen die einfachste und wirksamste Vorbeugungsmaßnahme dar. Da sie verträglich, verfügbar und kostenlos ist, ist der staatlichen Aufgabe, für die Sicherheit der Bürgerinnen und Bürger zu sorgen, Genüge getan." Der Staat müsse nicht für alle "Folgekosten einer alternativen Entscheidung oder eines individuell riskanten Lebenswandels aufkommen".

Knapp vier Milliarden Euro Kosten

Denn die Bürgertests haben den Steuerzahler in diesem Jahr bereits mehr als 3,7 Milliarden Euro gekostet, wie aus einer Aufstellung des Bundesamt für Soziale Sicherung (BAS) hervorgeht. Pro Test zahlte der Bund bis Ende Juni bis zu 18 Euro (zwölf Euro für den Abstrich und sechs Euro für das Testkit; Ärzte erhielten eine Pauschale von 15 Euro). Seit 1. Juli wurden die Kosten auf 11,50 Euro reduziert, wie das BAS auf Anfrage von tagesschau.de mitteilte: Acht Euro für die Abnahme des Abstrichs und 3,50 Euro für den Test.

Hinzu kommt, dass möglicherweise etliche Teststellenbetreiber bei der Abrechnung falsche Angaben gemacht haben. In mehreren Bundesländern wurden Verdachtsfälle bekannt, es laufen Ermittlungen wegen des Verdachts auf Abrechnungsbetrug. Im Juni hatten WDR, NDR und SZ aufgedeckt, wie leicht es die Testverordnung macht, überhöhte Preise für Schnelltests beim Bund abzurechnen.

Die Bürgerinnen und Bürger nutzten die Tests meist, um Zugangsbeschränkungen zu überwinden, etwa beim Restaurantbesuch oder einer Flugreise. Da für Geimpfte diese Beschränkungen wegfallen und bis Oktober jeder die Möglichkeit hat, sich impfen zu lassen, sollen die Kosten nicht mehr von Steuergeldern gezahlt werden.

Inwiefern die beschlossenen Änderungen nun Auswirkungen für die bundesweit 15.000 Teststellen haben werden, lässt sich noch nicht absehen. Es gilt aber als sicher, dass zahlreiche Testzentren schließen werden, wenn weniger Leute zum testen kommen.

Nutzen der Schnelltests ist unklar

Wie nützlich die Schnelltestzentren im Kampf gegen die Infektionsausbreitung bislang waren, ist unklar. "Das RKI kann hierzu keine Auskünfte geben", erklärte das Robert Koch-Institut (RKI) gegenüber tagesschau.de. Es fehlt sowohl am Zahlenmaterial als auch an begleitenden Studien dazu: "Das RKI hat dazu keine Zahlen, weil negative Testergebnisse nicht meldepflichtig sind und nicht immer mit übermittelt wird, ob einem (positiven) PCR-Test auch ein positiver Schnelltest vorausgegangen ist.

Außerdem ist ungewiss, wie wirkungsvoll ein PoC-Antigen-Test die mittlerweile dominierende Delta-Variante des Coronavirus nachweisen kann. Die Schnelltests wurden zu einer Zeit entwickelt, als es diese Variante noch nicht gab.

"Antigen-Schnelltests sind nicht zuverlässig genug", sagte Hamburgs Bürgermeister Peter Tschentscher am Montag der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach ist da zuversichtlicher. Der Vorteil an der besonders ansteckenden Delta-Variante des Virus sei ihre hohe Viruslast. Sie sei deshalb mit Schnelltests gut zu identifizieren, mögliche Infektionsherde könnten so frühzeitig entdeckt werden, erklärte er kürzlich.

Sollen sich Geimpfte testen lassen?

Da Genesene und Geimpfte künftig wahrscheinlich kaum noch Schnelltests machen werden, fürchten Kritiker negative Folgen für die Pandemiebekämpfung. Doch das ist längst nicht klar.

Denn es gibt bislang noch keine gesicherten Erkenntnisse, ob es sinnvoll ist, dass sich auch Geimpfte regelmäßig testen lassen. "Das ist eine gute Frage, die auch nicht wirklich abschließend systematisch untersucht wurde", sagte die Virologin Sandra Ciesek im NDR-Podcast "Coronavirus Update". Zwar habe Delta eine recht hohe Viruslast bei Ungeimpften. Bei Geimpften sei die Ausscheidung des Virus und die Viruslast generell jedoch geringer. Man müsse jetzt mal ausloten, ob das reicht, um Infektionen bei Geimpften nachzuweisen. "Es werden aber sicherlich mehr übersehen als bei Ungeimpften."

Ohnehin ist Deutschland eines der letzten EU-Länder, das noch kostenlose Tests für Einheimische und Urlauber anbietet. Nach Angaben des Europäischen Verbraucherzentrums müssen Touristen in Kroatien beispielsweise 20 Euro für einen Antigentest zahlen, in Griechenland auch Einheimische zwischen 15 und 40 Euro und in Italien bis zu 50 Euro.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 11. August 2021 um 07:15 Uhr.