Giftschlammunglück in Ungarn Trauer und Wut in Kolontar

Stand: 08.10.2010 14:50 Uhr

Am Montag kam das Unglück über Kolontar: Roter Giftschlamm flutete den westungarischen Ort, mehrere Menschen starben. Direkt nach der Katastrophe standen die Bewohner unter Schock, dann folgte die Trauer - jetzt kommt die Wut. Inzwischen erhöhte sich die Zahl der Todesopfer auf sieben.

Von Andreas Meyer-Feist, ARD-Hörfunkstudio Wien

Bewohner von Kolantar an einem zerstörten Haus
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Unbewohnbares Haus in Kolontar

Laszlo Toth steht vor den Trümmern seiner Existenz. Er konnte nichts mehr retten: "40 Jahre leben wir mit dem Aluminiumwerk. 40 Jahre ist nichts passiert. Und jetzt ist alles kaputt." Was bleibt, ist ein Kühlschrank. Freiwillige Helfer tragen ihn aus dem vom Giftschlamm verwüsteten Haus.

Kolontar war einmal ein hübscher Ort, der Behaglichkeit und Wohlstand ausstrahlte. Die Häuser frisch getüncht, die Gärten liebevoll gepflegt. Gäbe es in Ungarn einen Wettbewerb "Unser Dorf soll schöner werden" - Kolontar hätte ihn gewinnen können.

Aber jetzt ist nichts mehr so wie es war. Am Montagnachmittag kam die Giftschlammwelle. Ein Anwohner aus der Mühlenstraße von Kolontar, der Straße vor dem geborstenen Giftschlammbecken, klagt: "Meine Schwiegermutter ist tot, meinen Schwiegervater suchen wir noch. Wäre die Welle nachts gekommen, wären wir alle nicht mehr." Dann blickt der Mann zu einer eingestürzten Brücke. Dort liegt ein zerstörtes Auto in einem Flüsschen: "Ein Autofahrer wollte helfen, als er auf die Brücke fuhr, erwischte ihn der Schlamm, und er erstickte in seinem Auto".

Soldaten in Schutzanzügen bei Aufräumarbeiten
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Soldaten in Schutzanzügen bei den Aufräumarbeiten.

Laszlo Pabalecz vom Katastrophenschutz durchkämmt mit seinen Männern die verschlammten Straßen: "Wir suchen weiter nach Vermissten, zwei Frauen und einen Mann. Wir wissen nicht, wohin sie die Giftwelle gespült hat." Kaum jemand anderes wagt sich durch den Schlamm: "Ich bin seit sechs Stunden da, nach zwei Stunden bereits tränten mir die Augen und meine Haut wurde rot", klagt einer. Das Gift verursacht Verbrennungen nach längerem Hautkontakt. Ein Notarzt kümmert sich um das knallrot angelaufene Gesicht eines anderen, der ebenfalls zu lange im Schlamm war.

Für uns ist das wie Tschernobyl

Das erste Haus in der Mühlenstraße von Kolontar gehört Balazs Holzer. Hier hat der Giftschlamm aus dem zerborstenen Auffangbecken eine 50 Meter breite Schneise der Zerstörung hinterlassen. Sein Haus besteht nur noch aus rotgefärbten Brettern. Vor drei Jahren war er eingezogen. "Meinem Jungen ist nichts passiert, aber meine Frau liegt im Krankenhaus. Sie will nie wieder einen Fuß in dieses Haus setzen. Obwohl unsere Familien hier seit Generationen wohnen. Für uns ist das hier wie Tschernobyl."

Frau in überschwemmtem ungarischem Dorf
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In den Straßen stand die rote Giftbrühe bis zu zwei Meter hoch.

Balazs Holzer ist wütend über die Firmenleitung des Aluminiumwerks: "Sie waschen ihre Hände in Unschuld. Sie wollen nicht zugeben, dass sie verantwortlich sind." Und er schimpft auf die Behörden: "Die tausend Uniformierten haben nur geglotzt und allen erzählt, dass es viel zu gefährlich sei, hier irgendetwas zu machen. Die trauten sich nicht rein. Einzig freiwillige Helfer haben uns geholfen."

Am Tag nach der Katastrophe standen die Bewohner von Kolontar noch unter Schock, am zweiten Tag folgte die Trauer, danach kam die Wut. Sie fühlen sich im Stich gelassen.

"Wir haben überlebt"

Niki Fekete blickt auf ihr zerstörtes Haus: "Es war ein schönes Haus. Meine Kinder waren Gott sei Dank in der Schule. Ich war im Garten. Plötzlich bellte unser Hund. Ich schaute nach was passiert ist und sah eine riesige rote Welle auf mich zukommen. Der Hund ist tot, aber wir leben." Die junge Frau hatte in ihr Haus erst kürzlich investiert, eine neue Wärmedämmung für 4000 Euro: "Jetzt ist alles hin." Ihre Nachbarin Maria Sido will nicht aufgeben: "Wir müssen alles wieder aufbauen, aber so etwas darf sich nie wiederholen."

Tibor Dobson, Einsatzleiter des Katastrophenschutzes, kümmert sich um die Absicherung des ausgelaufenen Beckens; neun weitere müssen geschützt werden. Auch diese Becken werden nicht halten, falls die Erde durchweicht, befürchtet der Einsatzleiter. In Kolontar wurden inzwischen große Lautsprecher aufgestellt. Es soll schnell gewarnt werden, falls neue Gefahr aus dem Giftschlamm-Reservoir droht.

Die Gefahr in Kolontar ist noch längst nicht gebannt. Wenn nicht schnell die restlichen Rotschlammbecken abgesichert werden. Inzwischen wurden auch in der Donau erhöhte PH-Werte registriert. Ein Zeichen, dass sich die Schadstoffe bereits über die Flüsse ausgebreitet haben.

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