Eine Fachärztin bereitet in der Corona-Notaufnahme des Städtischen Klinikum Dresden ein Patientenzimmer vor | Bildquelle: dpa

Umgang mit Coronavirus Warum Deutschland die Krise besser bewältigt

Stand: 10.07.2020 16:00 Uhr

Deutschland hat die Corona-Krise bisher besser gemeistert als viele andere Staaten. Ausgerechnet das föderale System könnte ein Faktor sein - doch das allein ist es nicht.

Von Gábor Paál und Dirk Asendorpf, SWR

Welche Länder sind am besten auf eine Pandemie vorbereitet? Ein internationales Forschungsgremium unter Führung der Johns-Hopkins-Universität erstellt seit Jahren regelmäßig ein Ranking zu dieser Frage - den Global-Health-Security-Index (GHS). An der Spitze standen dort ausgerechnet die USA vor Großbritannien - jene Länder, die in der Corona-Krise nun aber besonders viele Opfer zu beklagen haben. Auch Frankreich gehörte noch zu den Ländern, die als "am besten vorbereitet" galten.

Deutschland dagegen wurde dem Mittelfeld zugerechnet - hat aber entgegen dieser Erwartung die Krise bisher recht gut bewältigt. Wie konnten die Einschätzungen des GHS-Panels so daneben liegen?

Unberechenbare Faktoren

Natürlich gibt es Faktoren, die sich nicht vorhersagen lassen. Italien zum Beispiel hatte das Pech, dass das Virus dort sehr früh ankam und sich dann rasch ausbreitete. Andere europäische Länder wie Deutschland waren somit vorgewarnt. Als die ersten deutschen Fälle gemeldet wurden, war die Bereitschaft für scharfe Maßnahmen umso höher.

Doch das kann nicht alles erklären. Trotz der Entwicklung in Italien haben Großbritannien und die USA völlig anders reagiert als Deutschland.

Das ist der zweite Faktor, der sich in einem langfristigen Ranking nicht berücksichtigen lässt: Wie entschlossen wird die aktuelle Regierung im konkreten Fall handeln? Sowohl Donald Trump in den USA als auch Boris Johnson in Großbritannien haben die Gefahr anfangs bagatellisiert und wertvolle Zeit verstreichen lassen.

Falsche Parameter?

Offenbar hat der GHS-Index sich bei seinem Ranking auf die falschen Parameter gestützt. Die medizinischen Faktoren - also etwa wie gut Ärzte ausgebildet und Krankenhäuser ausgestattet sind - wurden sehr stark gewichtet. So hat der Index den USA beste Voraussetzungen im Punkt Frühwarnung und Laborkapazitäten bescheinigt. Die Labore waren auch vorhanden - aber auf das neuartige Coronavirus nicht wirklich vorbereitet. So wurde anfangs nur eine verschwindend geringe Anzahl an Menschen getestet.

Der unterschätzte Faktor Wohlfahrtsstaat

Völlig unterschätzt wurden aber vor allem die politisch-gesellschaftlichen Strukturen eines Landes. Dazu gehört der Sozialstaat: Deutschland zum Beispiel kennt so etwas wie Kurzarbeit, und es gibt Regeln dafür. Das habe in der Krise sehr geholfen, um schnell wirksame Maßnahmen wie die Kontaktverbote einzuführen, sagt der Bielefelder Soziologe Michael Huber im Podcast von SWR2 Wissen.

"Sie können Quarantänemaßnahmen für eine ganze Gesellschaft quasi nicht durchsetzen, wenn Sie nicht auch wohlfahrtsstaatliche Flankierungsmaßnahmen bereitstellen."

Huber untersucht zur Zeit, wie unterschiedliche Länder mit der Krise umgehen. In Großbritannien etwa ist Kurzarbeit als Instrument gar nicht etabliert. Und in den USA haben viele Menschen nicht nur keine Arbeitslosen-, sondern auch keine Krankenversicherung.

"Aus dem Nichts entsteht dann sozusagen die Notwendigkeit rauszugehen, trotzdem zu arbeiten. Auch das erklärt, weshalb die Lockdown-Maßnahmen in den USA weit weniger erfolgreich sind als beispielsweise in Deutschland."

Corona-Gesetze für die Wirtschaft

In der Corona-Krise wurde in Deutschland eine Reihe von Gesetzen verabschiedet, um die Bevölkerung sozial abzusichern und die Wirtschaft zu unterstützen. Für den eigentlichen Lockdown dagegen waren kaum neue Gesetze notwendig, denn im Infektionsschutzgesetz waren die Maßnahmen alle schon vorgesehen. Dabei zahlte sich in Deutschland dann auch das aus, was oft als "Kleinstaaterei" verschrien ist, so der Verfassungsrechtler Oliver Lepsius.

"Für den Vollzug von Gesetzen ist - das klingt jetzt ganz trocken juristisch - die untere Verwaltungsbehörde zuständig. Die können das eigentlich sehr gut machen - punktuell, lokal mit harten Quarantänemaßnahmen. Und in vielen anderen Ländern gibt es so etwas Schönes wie die 'untere Verwaltungsbehörde' gar nicht."

Der deutsche Föderalismus machte es auch möglich, dass am Ende der ersten Welle die Länder unterschiedlich schnell die strengen Maßnahmen lockerten, ergänzt Huber.

"Sie können in Deutschland relativ leicht von Kurzarbeit wieder zu Normalarbeitszeiten umschalten. Sie können das auch regional und sektoral organisieren. In England können Sie nicht sagen: Südengland arbeitet, Nordengland muss noch zwei Wochen in Quarantäne bleiben. Denen fehlt gewissermaßen das Instrumentarium, um damit umzugehen."

Bundesländer, Kreis- und Stadtverwaltungen

Auch im zentralistischen Frankreich gelte das Prinzip, dass Menschen in den verschiedenen Regionen nicht unterschiedlich behandelt werden dürfen. "Und mit der Corona-Krise wird das erste Mal jetzt versucht, regionale Differenzen einzuführen. Das ist sozusagen etwas ganz Neues."

16 Bundesländer, 400 lokale Kreis- und Stadtverwaltungen - das ist nicht das, was sich die meisten unter einem starken Staat vorstellen. "Wenn ich von Verwaltung rede, sagen viele: Oh Gott ist das langweilig!", meint der Staatsrechtler Oliver Lepsius. "Man erkennt nicht, welche Systemleistung in solchen Fragen steckt!" 

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 10. Juli 2020 um 13:30 Uhr.

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