Eine Mitarbeiterin eines Impfteams zieht eine Spritze mit dem Coronavirus-Vakzin auf. | dpa

Delta-Variante Was bringt ein kürzerer Impfabstand?

Stand: 28.06.2021 19:10 Uhr

Erst eine zweite Impfdosis schützt auch ausreichend gegen die neue Coronavirus-Variante Delta. Experten fordern nun, die Zweitimpfung vorzuziehen. Aber ist das auch sinnvoll?

Von Pascal Kiss, SWR

Wie schnell die Neuinfektionen wegen der Delta-Variante wieder hoch gehen können, zeigt ein Blick nach Großbritannien. Hier hat sich die Zahl der Neuinfektionen innerhalb von einer Woche zuletzt fast verdoppelt. Auch Geimpfte mit nur einer Impfdosis infizieren sich laut den Gesundheitsbehörden in Großbritannien durch die Delta-Variante wieder häufiger.

Pascal Kiss

Weil eine einzelne Impfdosis gegen die Delta-Variante einen noch geringeren Schutz bietet als gegen die anderen Varianten, werden die Stimmen lauter, die einen kürzeren Abstand zur Zweitimpfung fordern. Denn nach der zweiten Impfdosis schützten die Impfstoffe von BioNTech und AstraZeneca auch vor der ansteckenderen Delta-Variante ähnlich gut vor schweren Krankenverläufen wie gegen die aktuell am weitesten verbreitete Alpha-Variante. Das zeigt auch eine Datenanalyse des britischen Gesundheitsministeriums von Mitte Juni.

Abweichung von den Impfabständen ist möglich

Wie schnell die zweite Impfung für einen vollständigen Schutz verabreicht werden kann, steht in der Zulassung der Impfstoffe von der Europäischen Arzneimittelagentur. Doch es gibt Spielräume: So kann die zweite Dosis mit dem Vektor-Impfstoff von AstraZeneca nach vier Wochen oder auch nach zwölf Wochen verabreicht werden. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt ein Intervall von acht bis zwölf Wochen.

Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt bisher in Deutschland bei AstraZeneca den größtmöglichen Abstand von zwölf Wochen und verweist dabei unter anderem auf eine im Februar veröffentlichte Studie im Fachmagazin "The Lancet".

Die Daten deuten darauf hin, dass eine schnellere Zweitimpfung den Impfschutz verringern kann. Bei einem Abstand von zwölf Wochen ist das Risiko für eine Covid-19-Erkrankung um 80 Prozent gesunken. Bei einem kürzeren Abstand von sechs Wochen verringerte sich das Risiko nur um 55 Prozent. Auf die Daten verweist bisher auch der Leiter der STIKO, Thomas Mertens. Vergangene Woche hat er in einem Interview mit der Zeit von "wissenschaftlichem Unsinn" gesprochen, wenn die Abstände bei AstraZeneca verkürzt werden.

Trotzdem darf laut Bundesgesundheitsministerium der Abstand individuell mit den Impfärztinnen oder -ärzten angepasst werden - im Rahmen des zugelassenen Zeitraums von vier bis zwölf Wochen.

mRNA-Impfstoffe schützen mit kürzeren Abständen

Bei den mRNA-Impfstoffen empfiehlt die STIKO einen Abstand von sechs Wochen zwischen den beiden Impfdosen. Doch mit Blick auf die Zulassung des Impfstoffs von BioNTech/Pfizer könnte das Intervall auf drei Wochen verkürzt werden.

In der Zulassungsstudie haben 95 Prozent der Probanden den BioNTech-Impfstoff innerhalb von maximal 24 Tagen bekommen, die meisten innerhalb von drei Wochen. Ein dreiwöchiger Abstand zur Zweitimpfung war in der Zulassungsstudie somit Standard und auch Grundlage für die spätere Berechnung der Impfstoffwirksamkeit. Moderna empfiehlt mit Blick auf ähnliche Ergebnisse in der Zulassungsstudie einen Abstand von vier Wochen. Trotzdem spricht sich die STIKO bisher für einen längeres Intervall bei den mRNA Impfungen aus.

STIKO prüft die aktuellen Daten

Mit Blick auf die ansteckendere Delta-Varianten und der fortgeschrittenen Immunisierung prüft die STIKO eine Verkürzung der Impfabstände. Am Anfang der Impfkampagne war unter anderem auch die Impfstoffknappheit ein Grund, den Abstand zu verlängern, um möglichst vielen Menschen eine Erstimpfung zu ermöglichen. So hat es auch die Weltgesundheitsorganisation empfohlen.

Mit Blick auf die zu erwartenden Impfstofflieferungen gilt diese Knappheit auch noch für die kommenden Wochen. Für Juli sind bisher insgesamt mehr als 17 Millionen Impfdosen vom Bundesgesundheitsministerium angekündigt. Trotz der fortgeschrittenen Impfkampagne hält die STIKO die Verteilung der Impfstoffmenge noch immer für relevant.

Vergleich zu Großbritannien: Vorzeichen für Deutschland sind besser

Die Impfabstände zu kürzen, hält der Charité-Virologe Christian Drosten in der vergangenen Folge des NDR-Podcast "Corona Update" für wenig sinnvoll. Er plädiert dafür, in der gleichen Art und Weise weiterzuimpfen.

Mit Blick auf die Delta-Variante habe Deutschland wegen der aktuell geringen Inzidenz zudem einen Vorteil. Großbritannien konnte die Inzidenz nicht so weit nach unten drücken. Als die Zahl der Neuinfektionen vor allem in England Ende Mai wieder hoch ging, lag die Sieben-Tage-Inzidenz pro 100.000 Einwohner bei 25. In Deutschland liegt die Sieben-Tage-Inzidenz derzeit bei 5,6. Damit es ein Vorteil bleibt, müssen sich aber weiterhin möglichst viele Menschen impfen lassen.

Die Ständige Impfkommission prüft die aktuell wissenschaftlichen Daten, um gegebenenfalls ihre Empfehlung für die Impfabstände anzupassen. Es gebe verschiedene Pro- und Contra-Argumente, erklärte am vergangenen Freitag STIKO-Leiter Mertens: "Wir versuchen derzeit, die notwendige Evidenz zu schaffen." Wann mit einer Entscheidung gerechnet werden kann, ist noch nicht abzusehen.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 25. Juni 2021 um 12:00 Uhr und am 28. Juni 2021 um 16:00 Uhr.

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