Clemens Wendtner | dpa

Der Chefarzt und "Patient 1" Als in Deutschland Corona ausbrach

Stand: 27.01.2022 19:49 Uhr

Vor zwei Jahren registrierte Deutschland seinen ersten Corona-Patienten. Der Chefarzt der Infektiologie in München ist "Patient 1" heute dankbar.

Von Andreas Neukam, BR

Es ist schon längst dunkel, als am 27. Januar 2020 ein Auto auf das Gelände der München Klinik Schwabing fährt. Der Mann, der aus dem Wagen steigt, hatte eine Anweisung: sofort hierher kommen.

"Das war einfach nur komplett surreal", sagt er danach. Er will anonym bleiben. Zuvor hatte er einen Anruf bekommen. Er sei positiv auf das neuartige Virus SARS-CoV-2 getestet worden.

Der erste Infizierte

Damit ist klar: Er ist "Patient 1", der erste Infizierte, der in Deutschland registriert wird. Er hatte sich während eines Meetings im Büro bei einer Kollegin aus China angesteckt. Beide arbeiten beim südbayerischen Autozulieferer Webasto, der dadurch in die Schlagzeilen gerät.

Gedanken schwirren durch seinen Kopf: "Warum muss ich jetzt der Erste sein, der das hat?" Eine Krankenschwester empfängt ihn: freundlich, abgeklärt, keine Spur von Panik. So empfindet er es.

Ausnahmezustand in München

"Der Umgang mit neuen Erregern gehört für uns dazu", sagt Professor Clemens Wendtner. Er ist Chefarzt der Infektiologie in der München Klinik Schwabing und betreut Deutschlands "Patient 1".

Trotzdem herrscht in der Klinik Ausnahmezustand, berichtet Wendtner. Ganz Deutschland blickt nach München. Täglich informiert das Klinikum die Öffentlichkeit über den Zustand des ersten deutschen Corona-Patienten.

Doch "Patient 1" und seine Arbeitskollegen, die anschließend auch positiv getestet und im Krankenhaus betreut werden, sind fast alle "pumperlgesund". So beschreibt es Infektiologe Wendtner. Alle Patienten haben keine oder nur sehr leichte Symptome.

"Langweiliger Alltag"

"Es war ein sehr, sehr langweiliger Alltag", erzählt "Patient 1" danach. Jeden Tag habe man Fieber gemessen. "Ich hatte nie Fieber", sagt er über seine Zeit im Krankenhaus. Fieber hatte er nur zuvor, auch Schüttelfrost und leichten Durchfall, aber eben zwei bis drei Tage bevor er von seiner Infektion erfahren hatte. 18 lange Tage muss er trotzdem in der Klinik bleiben. Isoliert im Einzelzimmer. Kontakt zu Freunden und Familie nur übers Handy.

Keine Anzeichen von Long Covid

Als "Patient 1" wieder zu Hause ist, sagt er, er sei wieder "in Topform". Auch heute, zwei Jahre später, geht es ihm laut seines Arbeitgebers gut. "Ich wurde öfter von Kopf bis Fuß untersucht und es wurden keine Spätfolgen festgestellt", berichtete er schon ein Jahr nach der Krankheit.

Infektiologe Wendtner resümiert im Rückblick auf seine ersten Corona-Fälle: "Wir sind diesen Patienten besonders dankbar." Sie hätten geholfen, das Virus besser zu verstehen, etwa dass es sich vor allem im Nasen-Rachen-Raum in sehr hoher Konzentration festsetzt. Auch dass das Virus ohne Symptome übertragen wird, sei durch diese Patienten erstmalig deutlich geworden. Denn die Kollegin aus China, die das Virus übertragen hat, hatte erst nach dem Arbeitsmeeting in Deutschland Symptome.

Der südbayerische Autozulieferer Webasto, in dessen Räumen sich "Patient 1" angesteckt hatte, merkt heute kaum noch etwas von dem Rummel von damals. Eine Sprecherin schreibt, das Unternehmen habe praktisch keinen negativen Effekt auf das Geschäft oder Image gespürt.

Antikörper mittlerweile weg

Er hatte "Riesenglück", dass das Virus seinen Körper nicht so stark angegriffen habe, sagt "Patient 1". Trotzdem habe er sich auch nach der Infektion noch an die Hygieneregeln gehalten. "Das tue ich bis heute noch genauso und rate es jedem eindringlich." Antikörper von der Infektion hatte er schon im April 2021 nicht mehr.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 27. Januar 2022 um 16:00 Uhr.