Blick auf eine Wiedereintrittsstelle. | NDR
Reportage

Wiedereintrittsstellen der Kirche Mit dem Glücksrad zurück zu Gott

Stand: 02.04.2022 18:16 Uhr

Hunderttausende Menschen treten jährlich aus der Kirche aus. Mit Wiedereintrittsstellen versucht die evangelische Kirche, Abtrünnige zurückzuholen. Manchmal gelingt das sogar.

Von Christina von Saß, NDR

Im Handumdrehen wird aus einer kleinen Ecke in der Buchhandlung gegenüber der altehrwürdigen Marktkirche in Hannover die Wiedereintrittsstelle. Pastor Stephan Lackner, der die Stelle leitet, schiebt eine mobile Wand mit Broschüren an einen kleinen Tisch. "Tritt ein!", steht da. Zwei Menschen haben Platz - er selbst und derjenige, der mit dem Gedanken spielt, wieder Teil der christlichen Gemeinschaft zu werden.

Hier saß vor Kurzem auch Alfred Zimmer. Nachdem er und seine Frau sich nach 24 Jahren Ehe spontan noch zu einer kirchlichen Trauung entschlossen hatten. Dem 68-Jährigen kommen die Tränen, wenn er erzählt, warum er mehr als 20 Jahre nach seinem Austritt wieder in die Kirche eingetreten ist.

"Der innere Kern war die Krankheit meiner Frau", sagt er und sucht nach einem Taschentuch. "Ich wollte wieder Teil einer großen Seelengemeinde sein und habe Kirche wieder als spirituellen Raum gesehen, der uns beiden Stärke gibt." Seine Frau habe die Kirche nie verlassen, und so habe er eine Art Pflicht verspürt, wieder "mit ihr gemeinsam diesen Weg zu bestreiten."

Austrittszahlen sind dramatisch

Die Arbeit solcher Wiedereintrittsstellen sei erfolgreich, betont Pastor Lackner. In jüngster Zeit seien bei ihm wöchentlich acht Menschen wieder eingetreten. Und bundesweit würden sich jährlich immerhin um die 40.000 Erwachsene bewusst für einen Eintritt in die Evangelische Kirche entscheiden.

Es besteht allerdings kein Zweifel daran, dass die Gegenbewegung wesentlich stärker ist. Die Austritte haben mittlerweile eine dramatische Dimension erreicht: Im Jahr 2021 hat eine Rekordzahl von 280.000 Menschen die Evangelische Kirche verlassen (2020: 220.000) , wie die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) vor Kurzem mitteilte. Zum ersten Mal sank die Zahl der Protestantinnen und Protestanten unter die 20-Millionen-Grenze - auf 19,72 Millionen. Aus der katholischen Kirche sind 2020 rund 221.000 Menschen ausgetreten.

Die Entkirchlichung Deutschlands schreitet damit voran: Bald werden voraussichtlich weniger als 50 Prozent der Bürgerinnen und Bürger der evangelischen oder katholischen Kirche angehören.

Abwendung als Prozess

Zwar nennen gerade Katholiken auch Missbrauchsskandale als Grund für Austritte, allerdings vollziehe sich die Abwendung oft als Prozess, bei dem Religion und Kirche im persönlichen Leben zunehmend irrelevant geworden sind. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD, das die Gründe und Anlässe für Kirchenaustritte seit 2018 untersucht hat.

Pastor Lackner sieht diese Entwicklung eingebettet in einen allgemeinen Trend, der auch vor Vereinen oder Gewerkschaften nicht halt mache. Für ihn steht fest: "Wir sollten nichts machen, nur um Zahlen hochzubringen, sondern wir sollten glaubwürdig und authentisch Christentum leben."

Mit Wohnmobil auf Hochzeitsmessen

Für ihn gehört dazu auch, dass er mit seinem privaten Wohnmobil zum Beispiel auf Volksfeste geht oder bei Hochzeitsmessen mit Menschen ins Gespräch kommt. Spielerisch versucht er dabei, Interesse an Kirche zu wecken. So hat er immer ein Glücksrad dabei - und jeder der mitmacht, kann eine Kleinigkeit gewinnen.

Im Hannover Congress Centrum kommt er bei den "Hochzeitstagen" heute mit einigen jungen Paaren ins Gespräch und rührt kräftig die Werbetrommel: "Wenn Sie Kirchenmitglied sind und heiraten wollen, dann haben Sie schon die Location, die ist schon geschmückt. Sie haben den Redner, den Pastor und die Musik - tatatata! Normalerweise kostet Sie das schon 3000 Euro. Bei uns ist das alles kostenlos!"

Taufkurs für Erwachsene: Crashkurs Christentum

13 Wiedereintrittsstellen unterhält allein die Landeskirche Hannover - die größte der 20 Landeskirchen der Evangelischen Kirche in Deutschland. Zu ihren Aufgaben zählen auch Taufkurse für Erwachsene: drei Wochen Crashkurs Christentum plus anschließender Taufe, in diesem Fall in Hannovers ältester Kirche, der Kreuzkirche.

Hier schläft an diesem Sonntag die drei Monate alte Ella selig in ihrem Kinderwagen - trotz ohrenbetäubenden Glockengeläuts. Aber schließlich wird auch nicht sie getauft, sondern ihr 33 Jahre alter künftiger Patenonkel. Christian Klein, Maler und Lackierer, hat sich zur Taufe im Erwachsenenalter entschieden, um die Patenschaft für die kleine Ella übernehmen zu können.

Zuvor hat er bei Lackner den Taufkurs besucht. Auf die Frage, ob er an Gott glaube, antwortet er zögerlich: "Jooaaahh ..." Es klingt noch etwas unentschlossen. Ob Erwachsenentaufe oder Wiedereintritt - für Pastor Lackner ist beides eine große Freude. Er sieht darin die Chance, mit Gott eine Beziehung aufzubauen.

Über dieses Thema berichtete NDR 1 Niedersachsen am 14. Juli 2021 um 14:00 Uhr.