Sophie Scholl verabschiedet die Freunde, bzw. Mitglieder der “Weißen Rose”, München, Ostbahnhof  | George (Jürgen) Wittenstein / akg-image

München plant Erinnerungsort Rettung für den Zaun der Weißen Rose?

Stand: 09.02.2021 12:03 Uhr

Es ist ein alter rostiger Zaun neben dem Münchner Ostbahnhof. Aber für die Erinnerung an die Widerstandsgruppe Weiße Rose hat er eine große Bedeutung. Nun soll das Areal bebaut werden.

Von Axel Mölkner-Kappl, BR

Es ist vielleicht das bekannteste Foto der Mitglieder der Widerstandsgruppe Weiße Rose. In Militäruniformen warten die jungen Männer am 23. Juli 1942 in der Nähe des Ostbahnhofs auf ihren Zug an die Ostfront. Dort werden die Medizinstudenten Hans Scholl, Raimund Samüller und Alexander Schmorell als Sanitätssoldaten eingesetzt. Im Hintergrund steht - an einen Zaun gelehnt - Sophie Scholl, die ihren Bruder und die anderen verabschiedet. Fotografiert hat der Medizinstudent Jürgen Wittenstein.

Sieben Monate später wird die Weiße Rose bei einer ihrer Flugblattaktionen in der Münchner Universität entdeckt. Kurz darauf werden die Widerstandskämpfer von den Nazis ermordet.

Weiße Rose Zaun | Axel Moelkner-Kappl

Mehr als nur ein alter rostiger Zaun: Auf den ersten Blick ist aber die historische Bedeutung nicht erkennbar. Bild: Axel Moelkner-Kappl

Dem Leben zugewandt

Das historische Foto der entspannt wirkenden Gruppe an dem Zaun an der Orleansstraße hat eine große Bedeutung, denn Foto und Zaun sind erhalten und eine lebendige Erinnerung an die Widerstandsgruppe. Für Hildegard Kronawitter, Vorsitzende der Weiße-Rose-Stiftung, wirken die jungen Menschen vor dem Zaun dem Leben zugewandt, obwohl sie wussten, wie dramatisch die Situation ist.

Sophie Scholl verabschiedet die Freunde, bzw. Mitglieder der “Weißen Rose”, München, Ostbahnhof  | George (Jürgen) Wittenstein / akg-image

Dem Leben zugewandt: Sophie Scholl verabschiedet Freunde und Bruder Hans am 23. Juli 1942. Sie reisen an die Ostfront. Bild: George (Jürgen) Wittenstein / akg-image

Erst vor wenigen Jahren rückten der Zaun und seine Bedeutung ins öffentliche Bewusstsein. Und dennoch wird der Zaun hier bald verschwinden. Neben dem Münchner Ostbahnhof sind die Baumaschinen und Baukräne schon angerückt. In den nächsten Jahren soll auf dem riesigen Grundstück, das der Zaun umgibt, ein neues Quartier mit mehr als 400 Wohnungen entstehen. Schritt für Schritt wird das Areal bebaut und der mehrere hundert Meter lange Zaun wird hier verschwinden.

Zaun mit Baustelle im Hintergrund | Axel Moelkner-Kappl

Das Gelände soll bebaut werden, der Zaun soll weg. Bild: Axel Moelkner-Kappl

Kronawitter von der Weißen-Rose-Stiftung und auch Grünen-Politiker Jörg Spengler, der auch Vorsitzender des zuständiger Bezirksausschusses Au-Haidhausen ist, suchen nach einer Lösung für den Zaun und wünschen sich zugleich einen weiteren Erinnerungsort an die Weiße Rose in München.

Denn davon gibt es nicht viele in München. Der wichtigste Ort ist die "DenkStätte Weiße Rose" am Lichthof der Ludwig-Maximillians-Universität München. Dort hatten Hans und Sophie Scholl am 18. Februar 1943 das sechste Flugblatt der Weißen Rose gegen die Nazi-Herrschaft verteilt. Dabei wurden sie verhaftet und vier Tage später zum Tode verurteilt und ermordet. Auch die Gräber von Mitgliedern der Weißen Rose kann man auf dem Friedhof am Perlacher Forst in München besuchen.

Teile des Zauns sollen erhalten bleiben

In einer Zeit, in der es kaum noch Zeitzeugen gibt und in der der Nationalsozialismus verharmlost wird, so Spengler, sei ein weiterer Erinnerungsort sehr wichtig. Deswegen begrüßt er, dass der Investor des großen Bauprojekts mit ein oder zwei Elementen des Zauns einen zentralen Erinnerungsort auf seinem Gelände errichten will. Und die restlichen 160 Zaunelemente sollen Bildungseinrichtungen und Schulen zur Erinnerung zur Verfügung gestellt werden. Viele Schulen in Deutschland tragen den Namen der Geschwister Scholl oder der Weißen Rose.

Infoblatt Weiße Rose | Axel Moelkner-Kappl

Der historische Ort soll bekannter werden. Bild: Axel Moelkner-Kappl

Gedenktafel | Axel Moelkner-Kappl

Bislang erinnert nur eine kleine Gedenktafel an das Foto. Bild: Axel Moelkner-Kappl

Bislang ist der historische Ort in München wenig bekannt. Lediglich eine kleine Gedenktafel mit dem historischen Foto von 1942 erinnert an der Fassade des Hauses in der Orleansstraße 61 gegenüber dem Zaun an die Besonderheit des Ortes. Doch das könnte sich ändern, wenn in einigen Jahren der neue Erinnerungsort fertig gestellt und bekannt ist.

Über dieses Thema berichtete der BR in der Sendung "Abendschau - der Süden" am 08. Februar 2021 um 17:30 Uhr.