Ein Schild steht vor dem Webasto-Standort. | dpa

Ein Jahr Corona in Deutschland Wo alles begann

Stand: 27.01.2021 05:02 Uhr

Vor einem Jahr wurde der erste Covid-19-Patient in Bayern gemeldet. Und heute? Ein Besuch an den Orten, an denen die Pandemie in Deutschland ihren Anfang nahm.

Von Moritz M. Steinbacher, BR

Wer den Autozulieferer Webasto in die Unternehmenszentrale in Stockdorf südlich von München besucht, wähnt sich an einem Ort, an dem die Zeit angehalten wurde. 

Alles sieht so aus wie vor einem Jahr. Die Arbeitsplätze in den Großraumbüros sind im Dornröschenschlaf. Die Kaffeeküche sieht aus wie das Ausstellungsmodell in einem Möbelhaus. Keiner da. Nichts ist los. Der einzige Unterschied: Im Gegensatz zum vergangenen Jahr wundert man sich heute nicht mehr. 

Mehr als 1000 Mitarbeiter im Homeoffice

Vor einem Jahr ist das noch komplett anders. Nachdem mehrere Mitarbeiter am Webasto-Standort Stockdorf an Corona erkrankt sind, entscheidet sich die Unternehmensführung rasch, alle Mitarbeiter ins Homeoffice zu schicken. Der ganze Standort wird von einem zum anderen Tag dichtgemacht.

Holger Engelmann, Webasto-Vorstandsvorsitzender, sagt rückblickend, dass man sich gleich entschieden habe, erst auf das Wohl der Mitarbeiter zu achten und dann erst auf das Wirtschaftliche. Bei Webasto sind sie nach wie vor sehr zufrieden mit ihrer damaligen Entscheidung. Welche Folgen Corona für den Arbeitsalltag hat, hätte sich damals aber auch noch keiner gedacht.

Der erste Covid-Patient klingelt an der Türe

Wie immens sich Covid-19 auswirken wird, ahnt auch das Klinikpersonal des Schwabinger Krankenhauses in München nicht, als dort am Abend des 27. Januar 2020 der erste Corona-Patient Deutschlands an der Türe klingelt.

Der Leiter der Infektiologie im Schwabinger Krankenhaus, Clemens Wendtner, ist zwar nicht überrascht - aber dass die importierte Infektionskrankheit zur Pandemie wird, das kann auch er sich damals nicht vorstellen. 

Blick auf das Schwabinger Krankenhaus | imago images/Alexander Pohl

Krankenhaus Schwabing: Als plötzlich die Patienten nichts mehr schmecken und riechen konnten. Bild: imago images/Alexander Pohl

Ischgl-Cluster macht das Ausmaß klar

Erst als die Klinik im März immer mehr Patienten aufnehmen muss, die sich im Skiurlaub in Österreich und Italien mit Corona angesteckt haben, wird Wendtner klar, dass von dem Virus eine länderübergreifende Gefahr ausgeht. 

Viel ist seitdem über das Virus herausgefunden worden - auch in Schwabing. Etwa als die Patienten des Webasto-Clusters anmerkten, dass sie das Frühstück nicht mehr schmecken würden. Oberarzt Wolfgang Guggemoos kann sich noch ganz genau erinnern. "Da haben wir gesagt, 'nun ja, kann mal sein, Krankenhausfrühstück vielleicht', und wie durch einen Zufall - zwei Zimmer weiter - erzählt uns der nächste Patient, dass er nichts mehr schmeckt und nichts mehr riecht. Und das fanden wir schon komisch."

Mit standardisierten Riechtests stellen sie den Verlust des Geschmacks- und Geruchssinns bei den Corona-Patienten fest. Aber nicht nur das, sondern auch, dass jedes Körpersystem von Covid-19 betroffen sein kann. 

Klinikpersonal am Limit

Mehr als zehn Menschen sind allein im Januar auf der infektiologischen Station im Schwabinger Krankenhaus an Covid-19 gestorben. "Das geht physisch und psychisch an die Substanz", sagt Pflegestationsleiter Thomas Stöckl. Er muss, während er das sagt, unter seiner Maske tief Luft holen. Dem erfahrenen Pfleger ist anzusehen, wie sehr ihn das Leid auf der Station bewegt.   

AHA-Regeln - einzig wirksames Mittel gegen Corona

Oberarzt Guggemoos zieht ein Jahr nach dem ersten Corona-Fall eine gemischte Bilanz. Zwar gebe es nun eine Impfung, aber wirklich den Krankheitsverlauf abmildernde Medikament fehlten nach wie vor. Das einzig wirksame Mittel seien die AHA-Regeln, so Guggemoos, "also genau das, was unsere Vorvorvor-Väter zu Zeiten der Pest angewandt haben". 

Ein Jahr ist Corona nun Alltag in Deutschland. Hier im zweiten Stock der Infektiologie im Schwabinger Krankenhaus wissen sie aber: Mit dem Virus wird man noch lange zu tun haben.

Über dieses Thema berichtete NDR 2 am 27. Januar 2021 um 10:00 Uhr.