Schweine stehen dicht gedrängt in einem Stall in Niedersachsen | dpa

Forschung zu Viren Nächste Pandemie aus dem Stall?

Stand: 19.10.2021 06:06 Uhr

Geflügel und Schweine, die sich mit Grippeviren infizieren, können auch Menschen anstecken. Doch wie groß ist die Gefahr? Und kann sich daraus eine neue Pandemie entwickeln?

Von Oda Lambrecht, NDR

Es war nur eine kurze Meldung: Im Frühjahr dieses Jahres schrieb das Robert Koch-Institut (RKI) an die Weltgesundheitsorganisation (WHO), dass sich in Mecklenburg-Vorpommern ein 17-Jähriger mit dem Grippevirus A (H1N1)v infiziert hat, einem Virus, das in Schweineställen zirkuliert.

Oda Lambrecht

Tatsächlich hatte der Jugendliche nach RKI-Angaben zuvor Kontakt zu Schweinen. Es scheint also wahrscheinlich, dass sich hier ein Mensch im Stall angesteckt hat. Dem Bericht nach verlief die Krankheit mild, andere Menschen steckten sich nicht an.

Virus aus dem Schweinestall?

Für das Virus sei das eine Sackgasse gewesen, es sei in diesem Fall - Gott sei Dank - nicht weiterverbreitet worden, erklärt der Veterinärwissenschaftler Timm Harder vom Friedrich-Loeffler-Institut, der Bundesforschungseinrichtung für Tiergesundheit. Harder ist Spezialist für Erkrankungen, die bei Menschen und Tieren vorkommen können - den sogenannten Zoonosen. "Wir würden uns das Entstehen einer Pandemie aber im Grunde genau so vorstellen müssen, dass es zu einem solchen initialen Sprung kommt", sagt er. Und dass es auch in Zukunft weitere Pandemien geben wird, davon ist Harder überzeugt. "Wir wissen allerdings nicht, woher, wann und welche Erreger das sein werden."

Der 17-Jährige aus Norddeutschland war wohl wegen eines Corona-Verdachts isoliert und untersucht worden, so wurde das Virus bei ihm nachgewiesen. Doch was, wenn ein Schweinehalter sich mit Grippesymptomen einfach ins Bett legt und nicht zum Arzt geht? Würde dann ein potenziell gefährlicher Erreger rechtzeitig entdeckt werden?

Meldepflicht für Infektionen

Das Bundesgesundheitsministerium (BMG) weist gegenüber dem NDR zwar darauf hin, dass Ärzte einen Verdacht auf eine "Infektion mit zoonotischer Influenza" melden müssten. Gleichzeitig bestätigt es aber auch, dass Tierhalter und Tierärzte nicht verpflichtet seien, bei Grippesymptomen eine ärztliche Untersuchung wahrzunehmen.

Für die Untersuchung von Viren aus Tierställen jedenfalls ist das Friedrich-Loeffler-Institut zuständig. Viele dieser Viren lagern bei minus 80 Grad in einer Tiefkühltruhe im Labortrakt des Instituts. Forscher Harder nennt sie seinen "Schatz".

Viren-Cocktail im Schwein

Für Schweine interessiert sich Harder besonders. Denn sie können sich sowohl mit Viren vom Menschen, als auch von Geflügel oder Wildvögeln infizieren. Diese Viren könnten dann im Schwein untereinander ihr Erbmaterial austauschen, so der Forscher. Auf diese Weise könnten in der Schweinepopulation quasi Zutaten zu einem Cocktail gemischt werden, erklärt Harder, so dass neue gefährliche pandemische Viren entstehen könnten.

Dass genau so ein Viren-Cocktail eine reale Gefahr ist, hat auch die Grippepandemie 2009 gezeigt. Auslöser der sogenannten Schweinegrippe war damals ein Virus, das Gene von Viren enthielt, die bei Menschen, Schweinen und Vögeln vorkamen. "Diese Viren müssen sich zu einem bestimmten Zeitpunkt in Schweinen in Mittelamerika getroffen haben", erklärt Harder. Entstanden sei eine Variante, die sich dann von Mensch zu Mensch weiter verbreitet habe.

Influenzaviren, die unter Vögeln zirkulieren

Menschen können sich allerdings nicht nur bei Schweinen, sondern auch bei Geflügel anstecken. Das RKI schätzt bei Influenzaviren, die unter Vögeln zirkulieren, die Gefahr einer schweren Erkrankung und einer Pandemie sogar höher ein als bei Schweine-Erregern.

Auch die Geflügelpest wird durch Grippeviren ausgelöst und ist in Deutschland mittlerweile ein Riesenproblem. "Der Ausbruch in diesem letzten Winter war wirklich der größte, den wir in der Republik je hatten", erzählt die Veterinärin Ursula Gerdes von der Tierseuchenkasse Niedersachsen. Es habe zunächst unheimlich viele infizierte Wildvögel an den Küsten gegeben, dann sei es nur noch eine Frage der Zeit gewesen, bis auch Hausgeflügel betroffen gewesen sei.

Timm Harder | NDR

Veterinärwissenschaftler Timm Harder schließt eine weitere Pandemie nicht aus: "Wir wissen allerdings nicht, woher, wann und welche Erreger das sein werden." Bild: NDR

Erster Geflügelpestfall diesen Herbst

Und erst vor wenigen Tagen ist auch bereits der erste Geflügelpestfall in diesem Herbst bei einer Ente in Schleswig-Holstein nachgewiesen worden. Im vergangenen Winter wurden weit mehr als zwei Millionen Tiere in Folge von der Seuche getötet. "Wir haben ja in den letzten Jahren immer wieder festgestellt, dass die Regionen sehr stark betroffen sind, wo die Bestandsdichte an Puten sehr hoch ist", sagt Veterinärin Gerdes. Das sei vor allem in den niedersächsischen Gemeinden Bösel und Garrel der Fall, so die Expertin von der Tierseuchenkasse, dort stünden mehr als 6000 Puten pro Quadratkilometer. "Das ist schon sehr, sehr viel."

Das Virus könne durch den Menschen, durch Geräte wie Trecker oder durch die Einstreu in die Ställe gelangen, so Harder, auch Leiter des Nationalen Referenzlabors für Aviäre Influenza - also Geflügelpest. Auch eine Übertragung durch Wind kann er nicht ausschließen. Putenställe sind an den Seiten offen, sodass ein Eintrag von Viren hier leichter möglich scheint, als zum Beispiel in geschlossenen Hähnchenställen.

Reduzierte Stalldichte

Niedersachsens Landwirtschaftsministerium räumt gegenüber dem NDR ein, dass eine Reduzierung der Bestandsdichte in den wiederholt besonders betroffenen Gebieten anzustreben sei. Das Ministerium empfiehlt deshalb, Putenställe in Zukunft als "geschlossene Hähnchenställe" zu nutzen. Diesem Weg ständen allerdings baurechtliche Anforderungen entgegen, heißt es aus dem Ministerium. Der Zentralverband der Deutschen Geflügelwirtschaft ließ Fragen zur Stalldichte in viehdichten Regionen unbeantwortet.

Virusröhrchen | NDR

Bei minus 80 Grad in Tiefkühltruhe: Für die Untersuchung von Viren aus Tierställen ist das Friedrich-Loeffler-Institut zuständig. Bild: NDR

Empfehlung des RKI

Dabei ist die Infektion von Puten, Gänsen und Hühnern nicht nur eine Frage der Tiergesundheit und Wirtschaftlichkeit der Geflügelbetriebe, sondern auch eine der menschlichen Gesundheit. Deshalb empfiehlt das Robert Koch-Institut allen Menschen, die Kontakt zu Geflügel haben, sich gegen Grippe impfen zu lassen, um Doppelinfektionen mit den in der Saison zirkulierenden Grippeviren zu verhindern.

Wie viele Geflügelhalterinnen und -halter sich tatsächlich impfen lassen, scheint nicht bekannt. Das Bundesgesundheitsministerium schreibt, dazu lägen keine Daten vor. Auch der Geflügelwirtschaftsverband beantwortete die Frage nicht.

Menschen können sich auch mit Geflügelviren infizieren

Veterinärwissenschaftler Harder weist jedenfalls darauf hin, auch das Geflügelpest-Virus aus dem vergangenen Winter habe zumindest in wenigen Fällen zu menschlichen Infektionen geführt, sie seien allerdings ohne Erkrankung und Todesfälle abgelaufen. Aber es gebe auch andere Geflügelpestviren, die in Asien und Nordafrika aufgetreten seien, so der Forscher, die eher auf Menschen übertragen werden und tatsächlich auch tödliche Infektionen auslösen könnten.

Über dieses Thema berichtete BR24 aktuell am 17. Oktober 2021 um 08:04 Uhr.