Die Sonne geht hinter den alten Hochöfen im Landschaftspark Duisburg Nord auf. | dpa
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Start-ups im Ruhrgebiet Junge Gründer tief im Westen

Stand: 16.03.2021 14:59 Uhr

Das Ruhrgebiet steht für Kohle, Stahl und Schwerindustrie. Doch inzwischen gründen sich immer mehr kleine und innovative Unternehmen. Sie profitieren von den vielen Hochschulen - und der Nähe zur alten Industrie.

Von Birgit Virnich, WDR

Nils Freyberg liebt schnelle Autos und ist davon überzeugt, dass sie eines Tages aus nachhaltigen Materialien hergestellt werden könnten. Den Anfang hat der 29-Jährige immerhin geschafft: eine Dachbox aus Flachs statt Carbon, Glasfasern oder Kunststoff.

Birgit Virnich

Entwickelt hat er die Dachbox aus Flachs mit seinem kleinen Start-up "Cropfiber/Asphaltkind" im Industriegebiet Hörde im Süden von Dortmund. Dort, wo früher im alten Hochofen "Hermannshütte" Stahl für die ganze Welt produziert wurde, will er jetzt mit seinem Team Leichtbauprodukte aus nachwachsenden Rohstoffen herstellen.

Bauteile aus Naturfasern

Wie andere Start-ups im Ruhrgebiet auch setzt Nils Freyberg auf nachhaltige Produkte. Ziel sei es, ausgewählte Bauteile aus umweltschädlichen Kohlenstofffasern durch CO2-neutrale Naturfasern wie Flachs zu ersetzen und Alternativen zu bieten, erklärt er.

Während der US-Unternehmer Elon Musk die Automobilindustrie mit E-Mobilität revolutionieren will, versucht "Asphaltkind" zu zeigen, dass man in der Automobilindustrie Naturfasern einsetzen kann, um CO2 einzusparen. In den vergangenen zwei Jahren hat das Team viel Erfahrung gesammelt und will bald auch Außenspiegel aus Naturfasern herstellen.

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Die Firma von Nils Freyberg setzt auf Naturfasern wie Flachs.

Aufbruchstimmung und Technologieoffenheit

Die Mitarbeiter kommen fast alle von Ruhrgebiets-Universitäten. Nur Dominik Reitz ist gelernter Karosseriemodellbauer aus Baden-Württemberg, seine Lehre machte er bei einem großen Autohersteller. Ihn haben die Aufbruchstimmung und die Technologieoffenheit im Ruhrgebiet angezogen.

Dort gründen mittlerweile immer mehr junge Leute ihre eigenen Unternehmen. Die Region wird zunehmend zu einem Zentrum für Start-ups in Deutschland und ist auf dem besten Weg, Berlin den Rang abzulaufen.

Der jüngsten Studie des Bundesverbandes Deutscher Start-ups zufolge befanden sich schon im vergangenen Jahr die meisten neu gegründeten innovativen Unternehmen in Nordrhein-Westfalen (19,1 Prozent). Berlin folgt mit einem Anteil von 17,1 Prozent. Die große Mehrheit der Start-ups verfügt demnach über technologieintensive oder digitale Geschäftsmodelle.

Anders als in Berlin kristallisieren sich im Ruhrgebiet mehrere Schwerpunkte an den einzelnen Standorten heraus: Gesundheit in Essen, Cyber-Sicherheit in Bochum und Gelsenkirchen, neue Werkstoffe, künstliche Intelligenz und Robotics in Dortmund und Logistik in Duisburg.

Die Region muss sich neu erfinden

Die meisten jungen Unternehmen befinden sich allerdings noch in einer frühen Entwicklungsphase. Hierbei profitiert die Region von der dichten Hochschullandschaft und den vielen Studierenden.

"Das Ruhrgebiet ist zwar mit deutlicher Verspätung gestartet, hat mittlerweile aber eigene Themenfelder identifiziert, in denen die Teams aus Dortmund, Bochum und Essen zur absoluten Spitze gehören", erklärt Oliver Weimann vom "ruhrHUB", einem Förderprojekt des Wirtschaftsministeriums in Nordrhein-Westfalen. Denn mittlerweile macht sich auch die Politik für die junge Start-up-Szene stark und versucht, gute Bedingungen zu schaffen, da sich die alte Industrie in einer Krise befindet und sich die Region neu erfinden muss.

Alternative zu den großen Konzernen

Weimann berät knapp 300 junge Start-ups und bringt in seinen Workshops, digitalen Formaten und dem alljährlichen "ruhrSUMMIT", einer aktuell digitalen Start-up-Konferenz, Gründerinnen und Gründer aus aller Welt zusammen.

"Früher ging man zu Thyssenkrupp oder Karstadt, heutzutage sind Start-ups eine echte Alternative", sagt er. "Die meisten Gründerinnen und Gründer sind gut ausgebildet, kommen aus den technischen Unis der Region und nutzen die hohe Industriedichte und die Nähe zu den Konzernen."

Industrie vor Ort, Investoren in Berlin

Der Nutzen für die großen Unternehmen: Die Start-ups verschaffen ihnen den Zugriff auf umweltverträgliche Technologie und anwendbare Innovationen. "Der Vorteil des Ruhrgebiets gegenüber Berlin ist, dass potenzielle Business-to-Business-Kunden, also die Industrie, schlichtweg vor Ort sind", sagt Weimann. "Aber viele der Investoren sitzen in Berlin, und die gilt es nun auch anzulocken."

Nils Freyberg ist davon überzeugt, dass die vielen Gründerinnen und Gründer das Ruhrgebiet umkrempeln können. "Wir sind wie kleine Schnellboote, die die großen Tanker gezielt einsetzen können. Sie müssen nur den nötigen Mut aufbringen und mitspielen."

Zukünftig will er mit seinem Team auch die Rotorblätter von Windkraftanlagen produzieren - eine Marktlücke. Denn in den nächsten Jahren müssen viele Anlagen der ersten Generation vom Netz genommen und ersetzt werden. Erste Gespräche mit dem Energieversorger RWE seien bereits positiv gelaufen.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 16. März 2021 um 22:35 Uhr.