Die Altstadt von Regensburg mit dem Dom St. Peter (Archivbild) | dpa
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Regensburg "Zweites Leben" für Geflüchtete

Stand: 06.04.2021 11:43 Uhr

Mehr als 2000 Geflüchtete aus griechischen Lagern hat Deutschland in den vergangenen Monaten aufgenommen. In Regensburg hilft der Verein "Space-Eye" mit Wohnungen und stellt Paten als Integrationshelfer.

Von Andreas Wenleder, BR

Langsam öffnet sich die Schiebetür des schwarzen Kleinbusses. Eine junge Familie steigt aus: Mutter und Vater und die beiden Töchter, drei und sechs Jahre alt. Es ist ein Neuanfang für die Familie, nach einer mehr als zwei Jahre dauernden Reise.

Zwei Jahre Leben im Zelt

In Afghanistan hatte der Vater mit der NATO zusammengearbeitet. Aus Sorge um die Angehörigen möchte die Familie deshalb nicht erkannt und mit Namen genannt werden. Schon kurz nach der Geburt der jüngeren Tochter hätten sie sich auf den Weg nach Europa gemacht, erzählt der Vater. Als sie mit einem Schlepper die iranisch-türkische Grenze passierten, war das Mädchen gerade einmal vier Monate alt.

Dann war Geduld gefragt. Vier Mal habe sie die türkische Küstenwache an der Überfahrt in einem Schlauchboot von der Türkei nach Lesbos gehindert, sagt der Vater. Erst der fünfte Versuch habe geklappt. Auf der griechischen Insel lebte die Familie dann zwei Jahre lang im Lagern, die meiste Zeit im Zelt.

Hilfe vor Ort - und nun auch in Deutschland

Sie sind erschöpft, als sie in Regensburg aus dem Kleinbus steigen und von Michael Buschheuer begrüßt werden. Er organisiert seit Jahren Hilfe für geflüchtete Menschen. 2015 gründete er zusammen mit Unterstützern die Seenotrettungsorganisation "Sea-Eye".

Seit mehr als einem Jahr kümmern sich Buschheuer und das Team seines zweiten Projekts "Space-Eye" um Hilfslieferungen in die Lager auf den griechischen Inseln, zuletzt auch nach Bosnien. Mehrere Frachtcontainer voll mit Kleiderspenden, Hygieneartikeln, Decken und Schlafsäcken brachte das Team des Vereins bereits auf den Weg.

Im Sommer kam zur Hilfe vor Ort noch ein weiteres Projekt hinzu: "Second Life - Zweite Heimat Regensburg". Noch bevor die Bundesregierung beschloss, Menschen aus den Lagern aufzunehmen, suchte "Space-Eye" Freiwillige, die bereit sind, Menschen aufzunehmen und ihnen bei der Integration zu helfen.

Michael Buschheuer | Sebastian Sitzberger

Michael Buschheuer ist einer der Mitbegründer der Rettungsorganisation "Sea-Eye". Bild: Sebastian Sitzberger

Hunderte Arbeitsstunden bis zum ersten Einzug

Seitdem stehen Paten für 50 Menschen bereit, die beim Deutsch-Lernen, bei Behördengängen oder bei der Jobsuche helfen wollen. Wo es möglich ist, soll der Staat durch das private Engagement entlastet werden. "Wenn wir uns wünschen, dass Menschen hierher kommen und Schutz finden, dann wollen wir gleichzeitig auch möglichst viel persönlich dafür gerade stehen", sagt Buschheuer.

Da jetzt vor allem Familien kommen, hat der Verein acht Wohnungen in einem leerstehenden Haus der städtischen Wohnungsbaugesellschaft saniert und komplett mit gespendeten Möbeln eingerichtet. Hunderte Arbeitsstunden haben die Freiwilligen investiert, um Küchen einzubauen, Rohrleitungen zu spülen oder die Wände zu streichen. Immer wieder hatte sich die Ankunft der ersten Bewohner verzögert, jetzt darf der Verein endlich helfen.

Haus für mehrere Familien | Andreas Wenleder

In einem leerstehenden Haus mietete der Verein acht Wohnungen an. Bild: Andreas Wenleder

Unterstützung von der Stadt

Nach einem monatelangen Leben in Zelten und Containern sollten die Menschen hier erst einmal zur Ruhe kommen, sagt Buschheuer im kleinen Wohnzimmer der ersten eingerichteten Wohnung. "In Moria oder auf Samos ist es schon ein Glück, in einem Container wohnen zu dürfen." Dieser sei etwas kleiner als der Raum, in dem er nun steht. "Dort leben dann neun bis zwölf Menschen. Komplett, das ganze Leben."

In Regensburg unterstützt auch die Stadt das Projekt. Sie ist dem Bündnis "Sichere Häfen" beigetreten. Die mehr als 230 Kommunen haben ihre Bereitschaft signalisiert, zusätzlich Menschen aufzunehmen. Es soll auch ein Zeichen an die Bundesregierung sein, noch mehr zu helfen.

"Ich bin froh, dass es diese Städte gibt, die laut sagen, wir können Menschen aufnehmen, die in Not sind", sagt Regensburgs Oberbürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer. "Und natürlich können wir das auch in Regensburg weiterhin."

"Zweite Heimat Regensburg" Logo auf Handydisplay | Sebastian Sitzberger

Die Stadt Regensburg gehört dem Bündnis "Sichere Häfen" an. Bild: Sebastian Sitzberger

Zweite Phase: Integration

Weiterhin helfen wollen auch die Mitglieder von "Space Eye". Nach dem Einzug der ersten Familie geht die Arbeit für sie gleich weiter, denn die nächsten Familien sind bereits angekündigt. Dann beginnt auch endgültig die zweite Phase des Projekts "Second Life": die Integrationsarbeit. Nach dem Einrichten der Wohnungen wird das für den Verein und die Paten wohl die größere Herausforderung.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 25. März 2021 um 22:15 Uhr.