Einblick in Zimmer | Rick Gajek
#mittendrin

Kinderheim in Corona-Zeiten Abschottung statt Trost

Stand: 18.02.2021 12:19 Uhr

Einen Corona-Ausbruch hat das Kinderheim "Monikahaus" schon hinter sich - die Sorge vor einem zweiten ist groß. Aber die Vorsichtsmaßnahmen passen nicht zum Nähebedürfnis traumatisierter Kinder.

Von Rick Gajek, HR

Mal wieder eine Umarmung spüren. Das wünschen sich zur Zeit viele, die allein sind. Auch im Frankfurter Familienzentrum "Monikahaus" vermissen Kinder, getröstet, mal in den Arm genommen zu werden. In der Einrichtung leben 14 Kinder und Jugendliche getrennt von ihren Familien. Viele haben Gewalt und Vernachlässigung erfahren, manche sind schwer traumatisiert. Betreut werden sie rund um die Uhr von Sozialarbeitern.

Neuzugang Timo bräuchte an diesem Morgen eigentlich liebevolle Zuwendung. Der Vierjährige lebte jahrelang isoliert von der Außenwelt, eingeschlossen in dunklen Räumen. Noch nie hatte er Kontakt zu anderen Kindern. Seine Eltern sind depressiv. "Ich muss es mir dreimal überlegen, in welcher Situation ich ein Kind in den Arm nehme oder nicht", erklärt Sozialarbeiterin Johanna Wallek, "weil man ersetzt ja von den Eltern auch eine gewisse Körperlichkeit."

Kurz vor Weihnachten wurde das Frankfurter Kinderheim zum Corona-Hotspot. Vier Bewohner und drei Mitarbeiter hatten sich mit dem Coronavirus infiziert. Nur noch mit Schutzanzug durften die Zimmer betreten werden. Jetzt wächst die Sorge vor einem erneuten Ausbruch.

Das Gefühl von Ausgrenzung ist noch stärker geworden

Der Lockdown verstärkt bei den Heimkindern das Gefühl von Ausgrenzung und Heimweh. Es finden keine Therapien und Ausflüge mehr statt, Eltern und Freunde dürfen nicht mehr zu Besuch kommen. "Auch wenn viele Kinder zu Hause Schlimmes erleben mussten, vermisst hier jeder seine Familie", sagt Heimleiterin Heike Sienel: "Die kindliche Seele braucht eine Mama, einen Papa."

Georg lebt seit acht Jahren im Heim. "Hier ist es wie in einer großen Familie", sagt der 14-jährige. Zurück nach Hause wird er wohl nie mehr können. Zu seiner Mutter, die in China lebt, hat er kaum Kontakt. Sein Vater, in Frankfurt, kann sich wegen einer Herzerkrankung nicht mehr um ihn kümmern: "Ich werde hier bleiben, bis ich 18 bin."

Georg vermisst die regelmäßigen Besuche seines Vaters. Treffen sind aktuell nur außerhalb des Heims erlaubt "dadurch sehen wir uns nicht mehr so oft". Um sich abzulenken, verbringt Georg viel Zeit mit lesen.

Sozialarbeiterin Johanna Wallek und Heimbewohner Georg (14 Jahre) beim besprechen der Homeschooling-Aufgaben  | Rick Gajek

Georg bespricht mit Sozialarbeiterin Johanna Wallek seine Homeschooling-Aufgaben. Bild: Rick Gajek

Vergessen von Politik und Gesellschaft?

"Lange Zeit galten Mitarbeiter der Erziehungshilfe nicht mal als systemrelevant", schildert Heimleiterin Sienel: "Wir bekommen kaum Unterstützung." Sie fordert für ihr Team mehr Anerkennung, vor allem aber die Möglichkeit, kostenlose Corona-Tests anbieten zu können: "Das wäre eine große Entlastung und könnte uns so viel mehr Sicherheit geben."

Sie kann nicht verstehen, warum Lehrer diese Möglichkeit bekommen, aber Mitarbeiter der stationären Jugendhilfe von der Politik vergessen werden: "Irgendwann müssen wir wissen, woran wir sind. Wir haben es bisher geschafft, wir können Krise, aber je länger es dauert, desto erschöpfter werden wir."

Sienel fürchtet sich vor allem vor den neuen Virus-Mutationen und berichtet, das viele Betreuer mit der täglichen Angst leben, das Virus aus dem Heim mit nach Hause in die eigene Familie zu schleppen.

Heike Sienel, Geschäftsführerin Familienzentrum Monikahaus Frankfurt/Main | Rick Gajek

"Wir bekommen kaum Unterstützung", krisiert Heimleiterin Sienel. Bild: Rick Gajek

"Das blöde Corona verdirbt sogar Fasching"

Trotz kleiner Faschingsfeier will am Rosenmontag im Kinderheim keine Feierlaune aufkommen. Normalerweise sind zu solchen Veranstaltungen immer auch Eltern und Geschwister eingeladen. Dieses Jahr ist alles anders. Die Heimleiterin versucht zu trösten: "Das blöde Corona verdirbt sogar Fasching." Die Kinder sind von den strengen Hygienevorschriften zunehmend genervt. Immer wieder müssen die Betreuer an den Mindestabstand und das Masken tragen erinnern.

Für die jüngeren Kinder gibt es nun endlich bald Abwechslung vom Heimalltag. Ab Montag dürfen sie wieder die Schule besuchen und ihre Freunde treffen. Aber gerade diese Lockerung bedeutet für das Kinderheim ein erneutes Risiko, befürchtet Heimleiterin Sienel: "Wir wissen nicht, ob die Kinder dann Covid-19 mitbringen oder nicht. Bei den letzten Infektionen hatten sie keinerlei Symptome."

Ein zweiter Corona-Ausbruch würde für die Heimkinder noch mehr Abschottung und Isolierung bedeuten. Dabei wünschen sie sich nur ein Stück Normalität zurück.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 16. Februar 2021 um 22:30 Uhr.

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Moderation 18.02.2021 • 21:53 Uhr

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